Bruno Janßen war 17 Jahre alt, als ihn das ereilte, was gemeinhin als Schicksalsschlag bezeichnet wird. Auf dem Schulweg zum Konrad-Adenauer-Gymnasium verunglückte er mit seinem Mofa, seine Wirbelsäule brach. Neun Monate verbrachte er danach auf der Station C2 der Bochumer Klinik Bergmannsheil, als er wieder zurück nach Kleve kam, war er – auch das sagt man so, ohne länger darüber nachzudenken – „an den Rollstuhl gefesselt“.
Doch die Lebensleistung von Bruno Janßen, der in der vergangenen Woche an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben ist, war es, diese vermeintlichen „Fesseln“ zu sprengen – zunächst für sich, dann aber auch für alle anderen Menschen mit Behinderung, in dem er sich als Mitglied der Ratsfraktion der Grünen wo immer es ging dafür einsetzte, seine Heimatstadt Kleve barrierefreier zu gestalten. Wenn es darum ging war er von einer unerschütterlichen Beharrlichkeit, und an vielen Stellen hat es dazu geführt, dass Kleve eine Stadt geworden ist, die den Ansprüchen behinderter Mitmenschen gerecht wird, wenngleich Bruno Janßen an dieser Stelle sagen würde, dass all das Erreichte noch viel zu wenig sei.
Geht nicht, gibt’s nicht, nach der Devise ging es für ihn weiter, als er an seine alte Schule zurückkehrte. Die Kurse, die der Oberstufenschüler belegt hatte, wurden in Räume ins Erdgeschoss verlegt, aus zwei Toilettenkabinen wurde kurzerhand eine rollstuhlgerechte Toilette gebaut. In der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Konrad-Adenauer-Gymnasiums schilderte Bruno Janßen anschaulich, wie er seine Rückkehr an die Schule empfand: „ Als ich dann das erste Mal mit dem Taxi zur Schule gebracht wurde, hatte ich ungeheure Angst vor der ersten Begegnung mit einen alten Schulkameraden. Am liebsten wäre ich in diesem Moment im Boden versunken, so schämte ich mich für meine Behinderung. Im Bergmannsheil unter ‚meinesgleichen‘ war alles schon fast normal gewesen. Worüber sollte ich denn reden, es war also fürchterlich peinlich und traurig.“
Doch vielleicht waren die jungen Menschen (und auch die Lehrer) in der Schule schon weiter, als es die Gesellschaft selbst war, die zu dieser Zeit Menschen mit Körperbehinderung normalerweise eher ausgegrenzte. Man passte sich an. Beispielsweise fanden auch Kurse bei Bruno Janßen zu Hause statt, wenn er wegen Folgeerkrankungen nicht zur Schule konnte. In Janßen reifte damals die Erkenntnis, dass gelungene Integration (damals sprach man noch nicht von Inklusion) nicht unbedingt die Folge technischer Perfektion ist, sondern sich vielmehr in Solidarität und Flexibilität äußert. Janßen: „Es geht letztendlich darum, die ‚Behinderung in den Köpfen‘ aller Beteiligten abzubauen und dadurch wirkliche Begegnung möglich zu machen.“
In Bochum studierte Bruno Janßen Biologie und Geographie, später erst fiel die Entscheidung, Lehrer zu werden. Er kam genau an der Schule unter, an der er Jahre zuvor sein Abitur gemacht hatte – und blieb auch zeit seines Berufslebens dort. Mit seinem Rollstuhlfahrrad war er auch tagtäglich im Stadtbild präsent.
Spät erst fiel die Entscheidung, in die Kommunalpolitik zu gehen. Janßen: „Obwohl ich erst 2018 den Grünen beigetreten bin, liegen mir seit 40 Jahren grüne Themen sehr am Herzen: Zunächst galt mein Interesse der globalen Gerechtigkeit. Direkt nach meinem Abitur gründete ich in Kleve zusammen mit Freunden eine erste Solidaritätsgruppe, um darüber kirchliche Entwicklungsprojekte in Brasilien zu unterstützen. Danach war ich kontinuierlich in verschiedenen Solidaritätsgruppen, wie dem Forum Lateinamerika und der Flüchtlingshilfe Mittelamerika tätig.“
Natürlich lag es nahe, sich den Grünen anzuschließen, die sich mehr als andere Parteien mit dem Thema Inklusion beschäftigen. Janßen war der erste Rollstuhlfahrer im Stadtrat und sorgte dafür, dass die Belange von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen angemessen berücksichtigt wurden. „Das, was ich einfordere, sind Rechte und keine Almosen“, sagte er einmal.
Vor wenigen Monaten erhielt Janßen die Diagnose, dass er an Krebs erkrankt war. Zunächst sah es so aus, als könne er die Krankheit besiegen, doch dann griff sie auf den ganzen Körper über. Am vergangenen Donnerstag erlag er im Alter von 64 Jahren seinem Leiden. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin.

