Es war das Abenteuer ihres jungen Lebens und womöglich das einzige, dessen sie je teilhaftig werden. Und – wenn denn das Nietzsche-Diktum gilt, dass Tiere kurz angebunden an den „Pflock des Augenblicks“ sind, ist dieser in jeder Hinsicht bemerkenswerte Ausflug schon wieder verschwunden in den unergründlichen Tiefen ihrer bovinen Hirne, die genügsam einen weiteren Moment nach dem anderen verarbeiten, ohne sich je erneut dieser außergewöhnlichen Stunden bewusst zu werden, die sie in der Nacht zu Freitag durchlebten.
Das Abenteuer begann, als eines der Rinder eines in Hasselt an der Holzstraße ansässigen Landwirts eine Lücke im Weidezaun erspähte und sich auf neues, nie zuvor betretenes Terrain wagte. Da geht was! Einige Mitglieder der Herde folgten dem Leittier, und in den folgenden Stunden war es ihnen vergönnt, das wohlige Gefühl völliger Freiheit und Losgelöstheit zu spüren, fast im Sinne der legendären Definition von Harald Juhnke, derzufolge Glück darin besteht, „keine Termine und leicht einen sitzen“ zu haben.
Was aber machten die Mitglieder der Herde mit der neu gewonnenen, zuvor noch nie erfahrenen Freiheit? Ein paar Kühe trotteten mehr oder minder geradeaus gen Moyland, wo sie irgendwann in den Morgenstunden entdeckt wurden. Sechs Rinder aber entschieden sich für eine echte Abenteuertour, deren kürzeste Route – durch die Rheinischen Kliniken – schon alleine sechs Kilometer in Anspruch genommen hätte, doch es ist nicht klar, ob dieser Weg überhaupt genommen wurde oder nicht eine andere, längere Strecke durch die Schneppenbaumer Wohngebiete. Sie hatten ja kein Ziel, sie cruisten einfach.
Am Morgen jedenfalls waren sie an der Straßenecke Schmelenheide/Alter Park angelangt, wo sie an der dortigen Baustelle nicht mehr weiter wussten – oder wollten, man weiß es nicht. Die Polizei entdeckte die Tiere gegen halb sieben, Anwohner Norbert Swertz beteiligte sich in den folgenden Stunden aktiv an der Rückführung der Tiere. Mit Flatterband wurde eine künstliche Absperrung geschaffen, die Tiere blieben auf dem improvisierten Weidegelände, während die Polizei versuchte, den Halter ausfindig zu machen.
Das gelang aber erst, als in den Büros der Kreisverwaltung die ersten Mitarbeiter ankamen, die sich in der Lage sahen, anhand der Ohrmarke eine Identifizierung vorzunehmen. Die Ziffernkombination in den Ohren der Tiere verwies auf den Landwirt aus Hasselt, der sofort zu seinen verstreuten Rindern fuhr, diese identifizierte und etwa eine Stunde später mit einem Anhänger den Rücktransport organisierte. Auch die Tiere aus Moyland landeten wieder sicher da, wo sie wenige Stunden zuvor hergekommen waren.

