Die Klever Innenstadt am Samstag Abend – wie ausgestorben. Aber gut zwei Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt, an der Dorfstraße in Materborn, tobt einmal mehr das wahre Leben. Die Kirmes in Materborn hat allen anderen Volksfesten den Rang abgelaufen, aber auch der etablierten – normalen – Gastronomie, die zum Beispiel eine Woche vorher von der Klever Kirmes nur wenig mitbekommen hatte. Wie schon im vergangenen Jahr muss kleveblog also die Frage stellen: Was hat Materborn, was Kleve nicht hat?

Kleve hat zwar ein Kirmesareal, aber das ist halt einfach nur ein umfunktioniertes Gebilde aus zwei Parkplätzen am Rande der Innenstadt, ohne jede Anbindung ans echte Leben. Wenn man so will, ein Getto zum Feiern. Materborn pflanzt das Volksfest mitten in den Ort, zwischen Kirche und Dorfkneipe, und schon die Platzierung macht es gleich zu einem Fest mit „Seele“. Ob die Klever Kirmes mehr Flair hatte, als sie noch am Heideberg stattfand, sei dahingestellt. Tatsache ist halt, dass Kleve keinen einzigen gescheiten zentralen Platz hat.

Kleve hat kein Festzelt. Materborn hat zwar auch kein Festzelt, aber immerhin einen Fallschirm, den Gastronom Volker Lenz jedes Jahr über dem Platz hinter seiner Kneipe aufspannen lässt. Schutz vor Regen bietet der zwar nicht, schafft aber etwas Heimeligkeit.
Kleve hat zwar den „Durstlöscher“ der Familie Janßen als Graviationszentrum, allerdings wird die Anziehungskraft nur sehr ungleichmäßig ausgeübt. Der wichtigste Tag in Kleve ist immer noch der Donnerstag, an dem sich tout le monde dort versammelt, insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen und Behörden, die sich traditionsgemäß an diesem Tag dort treffen. An anderen Tagen treffen sich die feiernden Menschen zwar auch dort, aber die Menschenmassen verlaufen sich auf dem Gelände und sind plötzlich auch wieder weg – denn sie haben keine Biermarken in der Tasche, die zu Anfang in Erwartung großen Durstes und vieler Begegnungen gekauft werden und dann auch tapfer, mitunter gegen jede Vernunft, abgetrunken werden.
In Materborn gibt’s beim Ratskrug Biermarken, und dann ist der Besucher erst mal gefangen. Der Durstlöscher ist natürlich auch in Materborn – und die Stimmung dort ist besser als auf der Klever Kirmes. Doch das Epizentrum des Volksfests ist der Ratskrug, insbesondere mit kostenlos benutzbaren Toiletten (Kleve: 1 Euro!), die der Verursacher der Flut verantwortungsvoll bereitstellt. Außerdem ist die Bierversorgung mit diversen Theken (unter anderem eine von der Größe einer Autobahnraststätte entlang der Dorfstraße) so geregelt, dass die Wartezeit auf ein Getränk höchstens sieben Sekunden beträgt. Gewöhnungsbedürftig ist immer noch der Anblick des Dönerspießes, der seit dem vergangenen Jahr das ansonsten verlässlich aus Frittiergut bestehende gastronomische Angebot ergänzt. Die Materborner Kirmes dauert zwar nur vier Tage (Samstag bis Dienstag), hat aber zwei Tage, an denen sich jeder dort blicken lässt (Samstag und Montag (also heute)).
In der Klever Kirmes gibt es auch nur Musik aus der Konserve. Die Spotify-Playlist Volksfest 2024 lässt grüßen, natürlich mit aktuellen Hits und nicht das schlechteste, aber was ist das schon vom Charme her gegen eine Handvoll in die Jahre gekommener Musikinstrumentenbeherrscher, die auf einer vier mal drei Meter großen Bühne stehen und von dort aus zuverlässig mit der Ekstase von Tina Turner oder Bruce Springsteen die Hits der vergangenen 40 Jahre nachspielen – wobei die Band am Samstag nach einer Pause im vergangenen Jahr diesmal um 0:32 Uhr auch wieder „Tausendmal berührt“ von Klaus Lage spielte. Die (bessere) Band am Montag brauchte nur bis 23:34 Uhr, um bis zum Goldstandard der Kirmesmusik vorzudringen. Der Zapfenstreich um zwei Uhr verhindert auch grundsätzlich Schlimmeres. „Nothing good happens after 2 AM“ (How I met your mother).
Erstmals seit Menschengedenken ist das Wetter zur Materborner Kirmes nicht hochsommerlich. Buienradar meldet am Nachmittag zweimal leichten Niederschlag, abends ist es aber trocken. Nur halt nicht 25 Grad, sondern nur 15 bis 18 Grad, also etwas frischer. Ein echter Materbornenthusiast wird sich davon aber nicht abhalten lassen!
Wir sehen uns.


@7
Mmuuuh, rd, hat nach meinem Aufmmuuhen das Bild, wegen dem ich völlig berechtigt aufgemmuuuht hatte, kurzerhand gegen zwei andere Bilder ausgetauscht. So, wie es nach seiner Ankündigung laut @5 zu vermmuuuhten war, mmuuuh, denn rd gehört doch auch zu diesen Baby-Bbooohmern!
Kleve hat stellenweise den Charme eines überdimensionierten Verwaltungsgebäudes – urbanes Design, wie gemacht für Technokraten mit Sinn für Struktur, aber ohne großes Interesse an Menschen. Der öffentliche Raum scheint vor allem eines zu sollen: auf keinen Fall einladen. Wer sich dort aufhalten will, sollte am besten vorher einen Antrag stellen – in dreifacher Ausfertigung, mit Lichtbild und Begründung.
Ein Paradebeispiel? Die Plätze vor der Stiftskirche oder rund um den Elsa-Brunnen – gestaltet nach dem Motto: ‚Hier könnten Menschen sitzen – müssen sie aber nicht.‘ Eine Sitzbank gibt’s vielleicht, wenn’s gut läuft. In praller Sonne, ohne Rückenlehne.
Umso erstaunlicher, was man dann in Materborn erlebt – wo die Kirmes tatsächlich noch im Ort stattfindet, mitten im Leben. Zwischen Nachbarn, Kindern, alten Bäumen und dem ein oder anderen bekannten Gesicht. Fast ein wenig unklever, so menschlich ist das. Man fühlt sich willkommen.
Jetzt ist Materborn ja offiziell ein Stadtteil von Kleve – aber würde man dort streng nach Klever Logik planen, würde die Kirmes wohl irgendwo auf dem ehemaligen Bundeswehrdepot in Nütterden stattfinden. Oder besser noch: in Goch, am Rand eines neu erschlossenen Gewerbegebiets. Mit optimaler Anbindung an nichts und ausreichend Platz für Desinteresse.
„Mmuuuh, warum sind auf dem Bild oben nur sogenannte Babyboomer zu erkennen???“
Ich sehe Menschen… und sehr wahrscheinlich „Boomer“ ist nur der Mann im karierten Hemd, wenn man die Leute mal ranzoomt.
Diese verengte Sichtweise – hier die Boomer, da die Gen Z etc. – meist mit den dazugehörigen Etiketten geht mir auf die Nerven.
Und wenn, ist es wirklich wichtig zu erwähnen, wenn Menschen mit 60+ eher auf der Kirmes auftauchen als bei Parookaville?
@3 da hat jemand Geschmack! 🙂
Reiner Zufall. Ich hatte von Samstag kein besseres. Gleich kommt eines von gestern.
Mmuuuh, warum sind auf dem Bild oben nur sogenannte Babyboomer zu erkennen??? Das lässt aus meinem Pansen glatt die Mmuuuhtmaßung aufstoßen, dass der gute Besuch der Materborner Kirmes ja auch daran liegen könnte, dass sie vor allem die geburtenstarken Jahrgänge anzieht, mmuuuh, also die vielen Leute, die vermmuuuhtlich schon mindestens so alt sind wie Opa Niederrheinstier. Die jüngeren Jahrgänge sind halt nicht mehr so viele, mmuuuh, Geburtenrückgang und vermmuuuhtlich nicht genug Geburten-Kraftfutter.
Wenn schon, dann Füchschen Alt und Jever Pils!
Auch der gestrige Sonntag war sehr sehr gut besucht……….viele Familien waren unterwegs und rund um den Ratskrug hatten sich viele auch ältere Leute versammelt, die eben nicht so feierwütig am Samstag oder Montag zur Kirmes geben, anstatt Kaffee und Kuchen Bierchen und Bees.
Unterschied zur Klever Kirmes ist wohl auch das Klientel…..
Volker Lenz bietet im Übrigen u.a. Bitburger Pils an und hat sich gegenüber den letzten Jahren auch zur Kirmes endlich von der Plörre aus dem Kanzlerland verabschiedet!!
„Was hat Materborn, was Kleve nicht hat?“
Fassen wir zusammen:
– direkte örtliche Einbindung
– Ratskrug mit Fallschirm und vor allem mit Volker Lenz & Co – eine Kirmes braucht solche Gastronomen und nicht die Aneinanderreihung von eher anonymen Bier- und Fressbuden
– Kirmes als sozialer Treffpunkt auch von vielen Menschen, die sich mehr oder weniger kennen
– kein seelenloser, schnörkelloser Platz wie bei der Klever Kirmes (Heideberg war in jedem Fall besser für die Stimmung), der dieses Jahr fast hermetisch mit LKWs etc. verriegelt war, aus Gründen
– Biermarken! Machen die Sache am Bierausschank vor allem unkompliziert und erinnern an alte Zeiten