Klever Künstler kapern Kabinenkino

Ständchen in den neuen Räumen: Renovierung mit Jazzmusik

Mit 32 Programmen warb der zuvor dort beheimatete Betrieb, doch bei genauerem Hinschauen (und es gab viele, die genauer hingeschaut hatten) war es im Grunde doch nur ein einziges Programm, das einer kurzzeitigen zumeist männlichen Erbauung diente. Doch vor fünf Jahren erlahmte dieser Betrieb, das Sexkino an der Ecke Heldstraße/Kavarinerstraße stand leer, und neben der plakativen Kunst auf den Schaufenstern erinnerte nur noch die Werbung des Klever Maklers Magnus Losch an das frühere Treiben an jenem Ort: „Wir befriedigen auch Ihre Immobilien-Fantasien“, so stand es in Großbuchstaben an der Fassade.

Der Vordereingang kann auch wieder genutzt werden

Gelesen haben diese Botschaft auch die Mitglieder der Klever Künstlergruppe Aorta, die sich diesen Namen gegeben haben, weil sie Innenstadt gewissermaßen durchbluten und mit neuem Leben füllen möchten. Die Vereinigung kontaktierte Makler und Besitzer, und es gelang den Künstlern, einen langfristigen Mietvertrag abzuschließen. Das Ergebnis: Für die nächsten fünf Jahre haben die Maler, Bildhauer, Musiker (u.a.) an einer für Kleve berüchtigten Stelle eine neue Heimat, von der aus sie das Publikum mit Ausstellungen, Aktionen, Konzerten und Kleinkunst begeistern können.

Seit vier Wochen werkeln die Mitglieder der Gruppe, zu der unter anderem Mikula Schulz, Daniel Ziegler, Maria Vogt, Max Knippert, Tim Elze, Lotta Loos, Hector Lecona Cardenas, Philip Felber, Sebastian Sas, Hannah van der Grinten, Jonas Stelldinger und Theresa Behrendt gehören, nun schon in dem verwinkelten Ladenlokal. Bisher hinter verschlossenen Türen, seit gestern nun gut sichtbar für alle, die das Gebäude an der verkehrsreichen Straße passieren.

War der Stereoeffekt wirklich nötig?

Manches aus der Vergangenheit dient als kreative Grundlage für neue Arbeiten (wie ein ausgerissener Akt, der auf weißem Grund aufgeklebt ist, bezeugt), anderes aus der schummrigen Zeit des Kabinenkino wird erst einmal so belassen und erlaubt Einblicke in eine Welt, wie es sie gab, als explizite Darstellungen noch nicht allgegenwärtig waren und Menschen, die diesen Genuss für sich in Anspruch nehmen wollten, durch den Seiteneingang des Ladens verstohlen in eine Kabine schlichen und sich dort gegen den Einwurf von einer, zwei oder fünf Mark oder Kombinationen daraus Erleichterung verschafften.

Eine Vitrine, von den nun dort heimischen Künstlern ebenfalls unangetastet, zeigt die Videokassettenhüllen mit den Titeln der Werke, die dort vorgeführt wurden. Manche gehen das Thema eher diskret an („Swinging London“), andere eher direkt: „Deutsche Blas-Meisterschaft“.

Pornografie gilt bekanntlich nicht als Kunst, insofern haben die Künstler mit ihrem neuen Domizil – wo früher das immer Gleiche in Variationen gezeigt wurde – einen Ort gefunden, der die größtmögliche Entfernung von der Kunst im eigentlichen Sinne, die doch auf Originalität aus sein sollte, bietet. Zugleich aber sucht die Kunst bekanntlich auch immer die Nähe zu dem, was in der Schattenwelt des Grenzgängerischen zu finden ist und saugt daraus kreative Energie. Kleve darf also gespannt sein, was zukünftig in dem Backsteinbau an der Heldstraße zu sehen und zu hören sein wird. Am Eröffnungstag gestern war es auf jeden Fall schon einmal Musik.

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Kategorisiert als Geschäfte, Kunst

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Ein Kommentar

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    Da kannste mal sehen, wie lang ich nicht mehr auf der schlimmen Rheinseite war.. eins der letzten etablierten Ladenlokale in Kleve hat scheinbar wohl auch schon längst dicht.