Auf dem Umschlag des Buches, das ich 2005 über ihn und seine Gaststätte geschrieben habe, wird er mit offensichtlicher Freude an der Alliteration als Theken-Titan und Zapf-Zampano bezeichnet. Er war all das – und noch viel mehr. Und er war für mich, der ich seit 2016 selbst eine Gaststätte betreibe, ein Vorbild.
Seine Grundstimmung, wenn er im Lederkittel hinterm Tresen seines Whisky-Saloons stand, war mürrisch, niederrheinisch-mürrisch. Doch dahinter verbarg sich ein großes Herz, das sich beispielsweise zeigte, wenn er wegen eskalierender junger Menschen, die bis in die frühen Morgenstunden Skat spielten und kein Ende fanden, sämtliche guten Vorsätze eines früheren Feierabends (das Wort hat hier nur eine metaphorische Bedeutung) über Bord warf.
Detlef Raeder war Detlef. Es gab keinen zweiten, und es wird auch keinen zweiten mehr geben. Gelernt hatte er Elektriker, doch schon in jungen Jahren eröffnete sich ihm die Chance, eine Gaststätte an der Lohstätte zu übernehmen. „Tupko“, so hieß sie vorher, nach dem jugoslawischen Wirt. Raeder machte den „Whisky-Saloon“ daraus, und diese im Westernstil ausgemachte Kneipe wurde sein Lebenswerk.
Generationen junger Menschen rannten ihm die Bude ein, zu besten Zeiten rannten Kellner, die lokale Berühmtheiten waren („Jumbo“, „Charles”) einfach mit volles Tabletts – halb Pils, halb Alt – durch die Menge, aber weit kamen sie nicht, dann müssten sie wieder zurück zum Tresen, wo Detlef mit stoischer Ruhe, stets ein halbvolles Glas Alt in Griffweite, zapfte und zapfte und zapfte. Präzisionsarbeit im Sekundentakt.
Die liebsten Gäste bekamen eigene Namen („Schreiberling“, „Esco-Lilly“), manche waren schwierig, erinnerlich ist eine Schlägerei mit einem stadtbekannten Krakeeler, in deren Verlauf schlimmstes zu befürchten war, weil Detlef vor der Musikbox, die heute – fast als Denkmal – in der Zentrale steht, mit Hinterkopf auf den Fliesenboden knallte. Doch der Wirt obsiegte mit Hilfe einiger Gäste und zapfte weiter, als sei nichts geschehen.
In den Jahren des Hochbetriebs bestellte ihn der mittlerweile verstorbene Stadtdirektor Pfirrmann zu sich ein, weil sich zu viele Anwohner beschwert hatten. Seiner Forderung nach mehr Ruhe verlieh er Nachdruck, indem er seine Schreibtischschublade öffnete und dem Wirt die darin liegende Schusswaffe zeigte.Anpassungen an den Zeitgeist waren Detlef Raeder fremd.
Irgendwann Mitte der Achtzigerjahre kam das Jungvolk auf die Idee, auch abends Kaffee zu trinken. Er schaffte sich eine Kaffeemaschine an, setzte frühabends eine Kanne auf und verkaufte ungerührt noch um ein Uhr nachts daraus eine Tasse, auch wenn deren Inhalt mittlerweile eher an Asphalt erinnerte. Ein paar Jahre später war sie wieder weg.
Speisen wurden in der „Heißen Hexe“ vorbereitet, ein Gerät, dessen wahre Energiequelle Gegenstand stetiger Diskussionen war, vermutlich aber ein Vorläufer der Heißluftfritteuse war. Die Gäste nannten es „Hamsterkrematorium“. Darin bereitete er das berühmte „Pizza Baguette” zu.2005 schloss er nach vier Jahrzehnten sein Lokal, die Silvesterparty war der große Abgang, der ihm gebührte.

In den Wochen danach zerlegte Detlef persönlich mit der Kettensäge das Interieur der Kneipe, die über Jahre sein wahres Zuhause war. Klare Kante, das war seine Devise.
Wer glaubte, nach dem Ende würde der Wirt in ein großes Loch fallen, sah sich allerdings getäuscht. Detlef genoss noch die zahlreichen Zigarren, die ihm zum Abschied geschenkt wurden, und hörte dann mit dem Rauchen rauf. Als Rentner lief er in bester Plauderlaune durch die Stadt und machte Radtouren in die weitere Umgebung.
Später verdingte er sich als Auslieferungsfahrer für Wein Peters. Der Job brachte ihn wieder mit vielen früheren Gästen zusammen, die eine Weinlieferung bekamen. Bei Puppa Schmitz nahm er noch an verschiedenen „Whisky Revival Partys“ teil, und man merkte ihm an, wie sehr er es genoss, noch einmal im Rampenlicht zu stehen – und seine früheren Gäste wiederzusehen.
Er blühte auf, und er verkraftete auch den Tod seiner Frau Rita, um die er sich kümmerte, solange es in seiner Kraft stand. Erst vor knapp zwei Jahren ging es mit ihm gesundheitlich bergab, nach einer Operation verließ er kaum noch sein Haus an der Schulstraße in Kellen. „Das ist doch kein Leben mehr“, sagte er da. Am Donnerstagmorgen um 7 Uhr hat Detlef Raeder uns, wie seine Tochter Susanne auf Facebook mitteilte, „für immer verlassen“.


Ach man wie traurig, ohne Detlef und den Whisky-Saloon mit den zahllosen Kikki’s wäre meine Zeit Anfang der Siebziger nur halb so schön und ertragbar gewesen. Wir werden Dich nicht vergessen (können)…
Mortje
Ich musste mich mal kurz sammeln…
1977: Ich war zarte und pickelige 16 Jahre und (durch Fürsprache Erwachsener) das erste mal im Whiskey. Es kam mir vor wie der Tempel der Verr(a)uchtheit. Nicht unbegründet.
Danach folgten viele (Werk)-tage an denen ich mich an meiner Cola festhielt und wir insgesamt nur heimliche Blicke auf diese „Mädchen“ warfen. Es wurde getanzt. Glaube ich. Doch – war so. Aber heute kann ich das kaum glauben.
Dann kam die Zeit wo Jungs mit Kreidler Florett vorfuhren – bei bei mir reichte es nur zu einer Honda. „Männer“ fuhren Motto Guzzi oder BMW und sprachen sich nur mit Nachnamen an. Ich weiß gar nicht ob die Vornamen hatten…
Detlef glänzte (!) immerzu mit derselben (-gleichen) Oberbekleidung und einem sehr spröden Klever Charme. Eher trocken, staubiger Abgang, schlug korkig auf – die ideale Voraussetzung für den späteren Weinhandel.
Sein Namensgedächtnis bezog sich stets auf die berufliche Tätigkeit des (männlichen) Gastes. Sehr beeindruckend. MIr fällt noch mehr ein aber ich muss „ersma´ sacken lassen…“
Ruhe in Frieden.
Detlef und der Whisky-Saloon – unvergesslich!
Bereits in den späten 60er Jahren hatte ich das große Glück, ihn kennenzulernen. Bis heute habe ich ihn noch lebhaft vor Augen: wie er morgens zur Arbeit kam nach den Whisky-Saloon-Nächten, mit müden Augen, einer Reval im Mund und richtig, dieser typisch niederrheinisch-mürrischen Art. Ein ganz lieber Elektriker-Kollege und darüber hinaus, den man nicht vergisst.
Danke lieber Detlef für’s zuhören. Dein Whisky Saloon war mein zweites Zuhause
….un‘ Agathe ’ne Cola ?!🤔
danke detlef,
welche erinnerungen.
kaese am stiel mit viel senf, alt, pils und escorial gruen. und aus der musicbox klang „in the summertime“ und „love hurts“. wer mal klam war durfte seinen deckel auch mal spaeter bezahlen.
die uhren wurden noch nicht auf sommerzeit umgestellt und man kam um 4 uhr morgens aus „dem Whisky“ und es wurde schon wieder hell.
das haben wir alles detlef zu verdanken.
kleve in den siebzigern
gute reise detlef
Ein Klever Urgestein ist nicht mehr.
Der Whisky-Saloon war legendär und als Teenager in der Lehrzeit wollte man da unbedíngt rein, an hinter der Eingangstüre war aber immer früh Feierabend, Detlef sah uns an der Nase an das wir noch keine 18 Jahre alt waren.
Anfang der 80er Jahre war es dann eine tolle Zeit für uns „Jungvolk“, wie rd uns benannt hat, den Whisky-Saloon „endlich volljährig“ auch entern zu dürfen. Allerdings Einspruch, Kaffee haben „wir“ dort nie getrunken, ehr schon Whisky-Cola.
Aber es war immer eine tolle Atmosphäre und Detlef war nun mal Detlef. Mürrisch aber so kannte man ihn, gab es einen sich anbahnenden Streit sei es wegen zuviele Biere, dem Whisky oder einem Mädchen dann gab es klare deutliche Worte von hinter der Theke. Wenn ich mich recht erinnere hate er auch mal einen Prügel hinter der Theke griffbreit stehen.
Ruhe in Frieden Detlef
Kleve hat ein Urgestein verloren.
Das macht mich wirklich traurig, auch wenn ich Detlef „nur“ als Wirt im „Whiskys“ begegnet bin und vor ein paar Jahren zum netten Gespräch in der „Zentrale“.
Mit Detlef hab ich noch einen Absacker im „Whisky“ getrunken, als ich gerade alt genug war, in eine Kneipe zu gehen, und auch zusammen mit meiner Mutter viele Jahre später, und er konnte sich immer noch da dran erinnern…