Blutige Stiche vor der City Lounge, große Erinnerungslücken im Prozess

Übersetzerin, der Angeklagte Rozhgar M. (24) und sein Anwalt Baris Yesil (Düsseldorf)

Sicher ist, dass in den frühen Morgenstunden des 8. März im Klever Krankenhaus drei Männer mit Stichverletzungen behandelt werden mussten, die sie vor der Gaststätte City Lounge in der Marktstraße in Kleve erlitten hatten. Einem der Männer, einem 40 Jahre alten Schlachthof-Mitarbeiter aus Rumänien, musste in einer Notoperation ein Teil der Lunge entfernt werden, ein anderer bekam von der behandelnden Ärztin angesichts der Tatsache, dass eine etwa zehn Zentimeter tiefe Wunde von der linken Schulter abwärts keine schwerwiegenden Verletzungen hervorgerufen hatte, gesagt: „Heute ist Ihr zweiter Geburtstag.“

Nicht ganz so sicher ist hingegen, dass der 24 Jahre alte Mann aus dem Irak, der auf der Anklagebank sitzt, derjenige ist, der für diese Stichwunden verantwortlich ist. Am Montag begann vor dem Schwurgericht des Landgerichts Kleve der Prozess gegen den Mann, und am ersten Tag gab es in den Zeugenaussagen ein solches Übermaß an Erinnerungslücken, Alkoholkonsum, Dunkelheit und vielleicht auch mangelnder Bereitschaft, auch nur entfernt an der Aufklärung mitzuwirken, dass viele der Besucher ratlos zurückblieben.

„Bruder, wallah, ich habe kein Messer!“

Beginnen wir also der Einfachheit halber mit den Minuten unmittelbar nach der Tat, wie sie von der Bodycam eines der an dem nächtlichen Großeinsatz beteiligten Polizisten festgehalten worden sind. Auf dem Boden liegt bäuchlings ein Mann, schon gefesselt, und er spricht die Polizisten flehend an: „Bruder, wallah (bei Gott), ich habe kein Messer!“ Die Polizisten bezeichnen ihn im Funkverkehr als Täter. Gäste hatten den Mann überwältigt, am Ende hielt auch der 36 Jahre alte Wirt ihn unter Kontrolle und übergab ihn den Polizisten.

Nur: Hatte irgendjemand tatsächlich beobachtet, wie dieser Mann, so, wie von der Anklage jetzt behauptet, auf zwei andere hinterrücks und auf den dritten von vorne eingestochen hat? Die Anklage geht von versuchtem Mord und schwerer Körperverletzung aus. Eine Tatwaffe mit DNA-Anhaftungen des Täters würde die Beweislage deutlich vereinfachen. Allein: Das Messer ist verschwunden. Bei der Spurensicherung leerten Beamte sämtliche Mülltonnen im Umkreis, sie kletterten auf Dächer, und sie fanden nichts – abgesehen von einer kleinen hellbraunen Lederkappe, die zu einem Messer gehören könnte.

„Ich habe den Mann verwechselt“

Bleiben die Zeugen. Der damalige Wirt der City Lounge (er stieß das Lokal vor drei Monaten ab) gab in seinen Einlassungen bei der Polizei die Richtung vor. Der Mann sei ihm bekannt, er habe Hausverbot in seinem Lokal, er habe ihn schon einmal mit einem Messer bedroht und auch an besagtem Abend Streit mit Gästen gehabt. Vor Gericht klang dies plötzlich ganz anders: „Ich habe den Mann verwechselt.“ Man konnte sehen, wie dem souverän durch den Prozess führenden Vorsitzenden Richter Alexander Lembke angesichts dieses Satzes die Kinnlade runterfiel.

Der Angeklagte selbst sagte nichts. Nicht einmal zur Person. Er stammt aus dem Irak, lebte in Kleve und ging vor seiner Verhaftung keiner Erwerbstätigkeit nach. Das Bundeszentralregister verzeichnet zwei Einträge. Einmal wegen Fahrens ohne Führerschein, und einmal wegen Bedrohung. Das zweite Delikt ereignete sich in der Mountain Bar in Kleve, wo der Iraker ein Messer gezückt und den Wirt damit bedroht hatte. Der Gastronom überwältigte den Gast. Der Strafbefehl lautete über 40 Tagessätze à 15 Euro. 

Die Opfer konnten auch nicht weiterhelfen, obwohl sie viel sagten. Die Attacken seien von hinten erfolgt, man habe allenfalls einen „Mann mit Bart“ in dunkler Kleidung erkennen können. Wenn der Vorsitzende Richter das Foto des Tatverdächtigen mit dem Beamer an die Wand warf, blieben die Aussagen der Zeugen vage: Ja, so einen Bart habe der Täter gehabt, aber zweifelsfrei identifizieren – nein, das könnten sie nicht, so klang das dann.

Relativ sicher ist noch, dass der mysteriöse „Mann mit dem Bart“ schon in dem Lokal mit einer Gruppe von Rumänen aneinandergeriet. Möglicherweise ging es um eine Frau. Der später am schwersten Verletzte hatte versucht zu schlichten, woraufhin der Streit sich nach draußen verlagerte – auf den Parkplatz neben der Metzgerei Terhoeven.

Der Schlichter war auch draußen, allerdings musste er eigenen Angaben zufolge nach dem Genuss mehrerer Gläser Tequila erbrechen. Deshalb habe er zuerst nichts mitbekommen, plötzlich die Stiche im Rücken gefühlt, und dann sei ihm gelb vor Augen geworden. Ein Freund fuhr ihn ins Krankenhaus.

So blieb vom ersten Verhandlungstag neben einer großen Portion Ratlosigkeit vor allem das Sittengemälde des Klever Nachtlebens, wie es sich in der City Lounge darbietet, haften. „Mein Lokal besteht komplett aus Flüchtlingen“, sagte der Wirt. „Polen, Russen, Araber, Rumänen – alles was dazugehört. Alle kommen gut miteinander aus. Es gibt kein Palaver, darauf achten wir.“ 

In der Nacht vom 7. zum 8. März seien rund 150 Gäste in dem Lokal gewesen. Security sei nicht erforderlich gewesen. Für den Fall, dass Leute sich streiten, habe er in seinem Lokal einen Boxsack, der für einen Euro in Betrieb genommen werden kann, „das ist günstiger als Security“. Am 8. März hat es nicht gereicht.

Der Prozess wird am 2. November fortgesetzt.

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