Von Zeit zu Zeit, und auch dafür ist diese Seite bekannt und geschätzt, widmet sich die Redaktion Themen, die mit Kleve streng genommen gar nichts zu tun haben, außer, dass die Ausläufer der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 auch in Kleve zu spüren waren, aber ich weiß schon nicht mehr, ob wir damals auch hier keinen Kopfsalat mehr essen durften und ob mein Vater sich einfach darüber hinweg gesetzt und weiter das Frühbeet abgeerntet hat. Ich kenne Menschen, die im Jahr 1986 geboren sind, deren Mütter eine Schwangerschaft voller Angst durchlebten. Woran ich mich erinnere, ist die offizielle Bezeichnung des Unglücks als „Havarie“.
Im Mai und Juni 2019 strahlte der amerikanische Fernsehsender HBO eine fünfteilige Miniserie namens Chernobyl aus, die die Geschehnisse unmittelbar vor und bis zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe schildern. Diese Serie, preisgekrönt, beschrieb die Ereignisse so detailliert, dass der Betrachter denkt, so etwa muss es gewesen sein, und manche Figuren wie etwa die der weißrussischen Nuklearforscherin Ulana Chomjuk (Emily Watson) sind so überzeugend geraten, dass im Abspann eigens darauf hingewiesen wird, dass diese Frau stellvertretend für all die Wissenschaftler steht, die sich um die Aufklärung der Katastrophe bemühten.
Von der Erstausstrahlung dieser Serie bis zu den Tagen, an denen ich in der Stimmung war, diese Katastrophe zumindest medial zu durchleben, vergingen noch einmal sieben Jahre. In der vergangenen Woche aber kaufte ich bei Amazon Prime für einen vergleichsweise geringen Preis ca. fünf Stunden radioaktive Spitzenunterhaltung, die so gut war, dass ich nun über positive Blasenkoeffizienten Bescheid weiß und mich im Grunde in der Lage sehe, einen RBMK-Reaktor sicher zu betreiben, und, für den Fall der Fälle, wüsste ich auch, wo sich der AZ-5-Schalter befindet, mit dem sich die gesamte Anlage notabschalten lässt, wofür es freilich am 26. April 1986 um 1:23 Uhr im Block 4 zu spät war.
Die Verkettung von Lügen und Fehlern soll hier allerdings nicht näher erläutert werden, dazu möge das Zitat des Kernforschers Waleri Legassow genügen, mit dessen Suizid fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der Katastrophe die Serie beginnt. Der Held der Serie, mit der Eindämmung der Folgen des Unglücks betraut, diktiert seine Erinnerungen auf Kassetten. Der erste Satz, der in der Serie zu hören ist, ist von ihm und lautet: „Was ist der Preis der Lüge? Dass wir die Lüge für die Wahrheit halten könnten? Die eigentliche Gefahr ist doch die: Wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr.“ Ähnlichkeiten mit aktuellen protofaschistischen Regimes weltweit sind alles andere als zufällig.
Doch zurück zur Serie. Diese widmet sich mit viel Liebe zum Detail der Reinszenierung der sowjetischen Wirklichkeit Mitte der achtziger Jahre, sei es bei der Auswahl der klobigsten Hornbrillen oder merkwürdig gemusterter Krawatten. Bei dieser Akribie verwundert allerdings ein schwerer Filmfehler in Episode drei („Open wide, O Earth“), an deren Ende der verstrahlte Leichnam des Feuerwehrmann szusammen mit denen seiner Kollegen in Bleisärgen unter einer Betondecke begraben wird.
In der Szene zuvor werden die Liquidatoren, die am Reaktor die Aufräumarbeiten verrichten sollen, rekrutiert. Dafür müssen sie sich in einer Sporthalle versammeln. Sie stehen in Schlange vor den Tischen, an denen sie eingeteilt werden. Am Ende blickt die Kamera von oben auf die Szenerie und man erkennt klar die Linien eines Basketballfeldes.
Wie eine kurze Recherche im Internet ergab, ist nun offenbar mir etwas aufgefallen, was Millionen Betrachtern seit 2019 entgangen ist: Die Linien des Spielfeldes stimmen nicht. 1986 wurde in der Sowjetunion nach den Regeln der FIBA gespielt, und das Regelwerk des Basketball-Weltverbandes sah unter den Körben eine trapezförmige Zone vor. Außerdem befand sich die Drei-Punkte-Linie in einer Distanz von 6,25 Metern zum Korb. Am 1.10.2010 erst traten Regeländerungen in Kraft, die die Zone zu einem Rechteck machten und die Drei-Punkte-Linie um einen halben Meter nach hinten verlegten.

In der Serie aber sind exakt diese Markierungen schon angebracht, obwohl die Regeländerung noch 24 Jahre in der Zukunft liegt! Hat denn niemand darauf geachtet!
Gedreht wurden große Teile der Serie in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Die fragliche Szene wurde in der Sporthalle im Sportpalast des Innenministeriums gefilmt, ein Ort, der für die Location Scouts der Serie noch so richtig die Ästhetik der Sowjetzeit spüren ließ. Doch natürlich wurden auch dort die Spielfeldmarkierungen irgendwann modernisiert, um das Feld nutzen zu können.
Gut möglich aber, dass den (vermutlich) jungen Leute aus den Vereinigten Staaten, die nur die seit ewigen Zeiten rechteckige Zone der amerikanischen Liga NBA kannten, gar nicht bewusst geworden ist, dass es auch einmal eine Zeit und eine Gegend mit anderen Spielfeldmarkierungen gegeben hat. Das aber lehrt uns in aller Demut zweierlei: Zum einen zeigt es, wie wichtig es ist, auch einmal über den eigenen Tellerrand zu blicken und zum anderen, dass man vermutlich schon etwas älter geworden ist.

Zusatzstoff: Tagesschau vom 29. April 1986

