Zum Tage

rd | 13. September 2020, 12:40 | 6 Kommentare
Aufgabe: Vergleichen Sie eine Wahl in der brandenburgischen Provinz im 19. Jahrhundert mit der aktuellen Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen!

Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne präsidierte der alte Herr von Zühlen, ein guter Siebziger, der die groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden wußte, was ihm, auch bei seinen politischen Gegnern, eine große Beliebtheit sicherte. Neben ihm, links und rechts, saßen Herr von Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen und, was noch mehr sagen wollte, zum »Grafschaftler« herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen möglichen Gründen – auch schon um seines »van« willen – nicht ganz für voll an, ließ aber nichts davon merken, weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor soundso viel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter denen, die sonst noch am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud (wie Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, »daß im modernen bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei«, von ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte. »Das Kind wird inzwischen mein Engel sein, und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.« Auch Gundermann, der immer mit dabeisein mußte, saß am Komiteetisch. Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes, weil er – wie Lorenzen bereits angedeutet – wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch, aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen könne.

Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb, nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen, der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen schien: »Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muß die Komödie mit durchmachen.« Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat, um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies war aber nur Zufall; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners, und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage.

Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich die große Frage: »Ja, was jetzt tun?« Es ging erst auf elf, und vor sechs war die Geschichte nicht vorbei, wenn sich’s nicht noch länger hinzog. Er sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Liqueurkasten des »Prinzregenten«, der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte, vorgreifend zugesprochen hatten.

Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr für Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da saßen und aus purer Langerweile sich über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten, waren die Herren von Molchow, von Krangen und von Gnewkow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne, den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, drauf ein kleiner vermickerter Kopf saß, und wenn er sprach, war es, wie wenn Mäuse pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt, nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf »inski« war, was ihm in seinen Augen ein solches Übergewicht sicherte, daß er, wie Friedrich der Große, jeden Augenblick bereit war, »die sich etwa einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen«.

»Ich denke, meine Herren«, sagte Dubslav, »wir gehen in den Park. Da hat man doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen, und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen andern nennen, aber ich kenne bloß den.«

»Natürlich gehen wir in den Park«, sagte von Gnewkow. »Und es ist schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat…«

[…]

Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt wieder vor dem »Prinzregenten«, auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz, der wegen seiner Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen »Triangelplatz« führte. Die Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher vor; es ließ sich aber schon ziemlich deutlich erkennen, daß viele Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten, Feilenhauer Torgelow, übergehen würden, der, trotzdem er nicht persönlich zugegen war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte seiner Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während der letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren. Einer der mit unter den Bäumen Stehenden, ein Intimus Torgelows, war der Drechslergeselle Söderkopp, der sich schon lediglich in seiner Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehns erfreute. Jeder dachte: der kann auch noch mal Bebel werden. »Warum nicht? Bebel is alt, und dann haben wir den.« Aber Söderkopp verstand es auch wirklich, die Leute zu packen. Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor. »Ja, dieser Gundermann, den kenn ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert. Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei Redensarten, und der Fortschritt ist abwechselnd die ›Vorfrucht‹ und dann wieder der ›Vater‹ der Sozialdemokratie. Vielleicht stammen wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles fertig.«

Theodor Fontane, Der Stechlin, Wahl in Rheinsberg-Wutz, Kap. 19 [in: Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 8, Berlin und Weimar 21973, S. 190-202]. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004775465, Lizenz:Gemeinfrei

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6 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 1. jean-baptiste

    Typisch! Allasch und Chartreuse predigen, aber dann nicht einmal Freibier organisieren.
    Für wer´s nicht kennt, Allasch ist ein Livländischer Kümmellikör, und Chartreuse ist der gelbe Kräuter- liqueur der Kartäusermönche von der Großen Kartause in Frankreich
    Da könnte man doch wenigstens dem Beispiel von “Willi und Söhne” folgen, die in Lüdenscheid 20.000 Dosen Bier verschenken.
    Obwohl, gratis war dort nur das Bier, für die Blechdosen war 6 Euro Pfand pro Blister zu entrichten, und obendrauf erwartete man noch eine Spende für den Guten Zweck.
    Trotzem scheint Lüdenscheider Premium Lager zu diesen Bedingungen so gut zu schmecken, dass man sein Versprechen, auch am Sonntag noch genügend Vorräte zu haben, nur bis einige Minuten nach Mitternacht einhalten konnte.
    Um keine Schleichwerbung zu machen sei auch Diebels alt , Kronen Export , Bolten alt, Kümmerling und Killepitsch genannt 🙂

     
  2. 2. Wählerin

    Der Roman von Fontane entstand Ende des 19. Jahrhunderts und handelt auch von dieser Zeit. Damals wäre eine Kandidatin nicht möglich gewesen.

    Auch Ermyntrud bleibt nur, unabhängig vom Wochenbett, ihrem Mann, dem Katzler, die klugen Worte mit auf den Weg zu geben: Im “modernen bürgerlichen Staat” ist “Wählen so gut wie Kämpfen”.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    ______________________________

    Allein schon für meine vielen weiblichen Vorfahren, die nicht wählen durften, würde ich niemals eine Wahl auslassen.

    Ansonsten: Damals, zu Stechlins Zeiten, war vieles so wie heute, die Grabenkämpfe aber etwas tiefer. Die Sozialdemokratie, die in Rheinsberg-Wutz siegte, war noch ganz neu. Sie hat übrigens dann für das Frauenwahlrecht gekämpft, und für vieles Andere, das uns heute selbstverständlich erscheint.

     
  3. 3. Wählerin

    @2. Das ist eine “Nachfahrin” der “Wählerin” 😉

    Stimmrecht war nicht gleich Selbstbestimmung.

    Am 11. November 1918, taten sich 58 deutsche Frauenorganisationen zusammen, um das Stimmrecht für Frauen zu fordern.

     
  4. 4. Wählerin

    @2. Ich meinte damit, der NN “Wählerin” war schon vorher “vergeben” 😉

    Kommentar 2. ist eine andere Wählerin

     
  5. 5. Wählerin

    @3 Wählerin Beides stimmt.

     
  6. 6. Wählerin 2

    @3, 4 Wählerin Hatte ich nicht auf dem Schirm, sorry.