Vorbilder für Minoritenplatz gesucht, Augenzeugenbericht einer Bildungsreise

Exkursion in den Rokokosaal mit Blick auf den gebeamten Klosterhof

Die Stadtverwaltung hatte die Mitglieder des Rates, des Ausschusses für Kultur und Stadtgestaltung und des Bau- und Planungsausschusses eingeladen, am vergangenen Samstag auf einer ausgedehnten Exkursion interessante Wohn- und Geschäftshäuser zu besichtigen – gesucht waren Vorbilder für den Minoritenplatz. In der Reisegruppe befand sich auch der Klever Künstler Max Knippert. kleveblog bat ihn, seine Eindrücke zusammenzufassen. Hier also aus erster Hand der Augenzeugenbericht:

Erster Stop war der Apartmentkomplex „Marktzicht“ in Groesbeek. Dieser Komplex gehört zum dreiteiligen Städtebauplan „Bellevue“ (die beiden anderen Elemente heißen „Dorpsicht“ und „Beeksicht“). Dieser Plan ist wiederum Bestandteil einer jahrzehntelangen und von langer Hand vorbereiteten Stadtentwicklung in Groesbeek, zu deren Zielen unter anderem gehörte, das das Zentrum verdichtet werden wollte. Die dann lehrstehenden Geschäftsräume in den Seitenstraßen und im Umland konnten nahtlos in Wohnbebauung umgenutzt werden. Die Gemeinde hätte sogar Umzugskosten übernommen, was offenbar von den Einzelhändlern nicht oder nur kaum in Anspruch genommen wurde.

[Webcam-Ansicht Groesbeek]

Die neue Architektur ist kleinteilig und verspielt; es dominieren verschiedene, aber farblich passende Klinker. Wärmeverbundsysteme sucht man bei unseren Nachbarn erfreulicherweise vergebens. Die Atmosphäre wirkt zur Zeit noch ein wenig trostlos, da die Baumaßnahmen noch nicht abgeschlossen sind und unübersehbar der Leerstand dominiert. Vermutlich wird sich dies jedoch nach der Fertigstellung ändern, denn alten-, familien- und behindertengerechtes Wohnen scheint hier in unmittelbarer Nachbarschaft in großer sozialer Dichte bevorzugt zu werden.

Die Umgebung ist landschaftlich attraktiv und touristisch, wie in den Niederlanden üblich, bestens auf Fahrräder zugeschnitten ausgebaut – was dieses Zentrum geradezu zwangsläufig zum Anziehungspunkt machen wird. Auch fällt hier wieder die extrovertierte Ausrichtungen der Wohnungen ins Auge. Der öffentliche Raum reicht optisch bis ins Wohnzimmer.

Erwähnenswert ist auch noch die Art der Bewirtschaftung der Tiefgarage, die nämlich einen offenen und geschlossenen Teil für die Anwohner vorsieht und so zur Finanzierung beiträgt. Die Gemeinde Groesbeek ist Eigentümer, die derzeit die Bewirtschaftung noch bezuschussen muss.

Die Verantwortlichen haben betont, das dieses Projekt nur mit einem potenten Investor möglich war, der genügend finanzielle Luft hat, die Neustadt sich Stück für Stück entwickeln zu lassen. Ehrlicherweise wurde auch nicht verschwiegen, das die Gemeinde Groesbeek mit dem Investor vor Gericht um siebenstellige Beträge streitet. Dass die Bahntrasse den Markt (der komplett neu gestaltet wird), das neue Zentrum, praktisch in zwei Stücke schneidet, macht es zumindest aus Sicht der Groesbeeker sehr unwahrscheinlich, dass die Zugverbindung Kleve-Nimwegen irgendwann wieder betrieben wird – unvorstellbar für die Einheimischen, dass dort Züge durchbrettern…

Was ich aus Groesbeek nach Kleve und zum Minoritenplatz mitgenommen habe, ist jedoch weder die Architektur noch die Materialität oder der Besatz, sondern die Vorgehensweise. Zielstrebig wurde eine von langer Hand vorbereitete Planung umgesetzt – dies hat überzeugt.

Einige Kilometer und durch Brötchen gestärkt ging es weiter nach Kempen, und die Bustüre öffnete sich überraschend in Sylt vor einer Eisdiele. Auffällig ist, dass wie schon in Groesbeek die Architektursprache auch in Kempen an Strandpromenaden erinnert – dem Klosterhof gelang diese Illusion der Badarchitektur, bei strahlendem Sonnenschein, fast perfekt.

[Website RKW Architekten, Projekt Klosterhof]

In Kempen empfing uns Bürgermeister Volker Rübo, übrigens ein gebürtiger Klever. Die Präsentation zum Wohn- und Geschäftshaus Klosterhof fand im Rokokosaal des Kulturforums im Franziskanerkloster statt, im wohl prächtigsten Raum in der vom Krieg verschonten Stadt. Auch Kempen, um es vorweg zu nehmen, gibt der Minoritenplatzplanung weder durch Architektur, noch die Materialität oder der Besatz etwas an die Hand – erneut ist es die Vorgehensweise, die überzeugt. Diese Planung wirke auf mich noch professioneller als in Groesbeek.

Die Politik in Kempen hat mit der Verwaltung glasklare Vorgaben erarbeitet, die es letztlich egal machen, wer dann baut. Aber zusätzlich kam Kempen der Umstand zugute, dass der Investor Ralf Schmitz, ein Einheimischer war und ist, dessen Familie bereits seit 1864 beste Bauqualität abliefert. Der entstandene Wohnraum im Klosterhof wird für sage und schreibe 4000 Euro je Quadratmeter angeboten. Die Wohnungen sind alle, wie es in Deutschland üblich ist, nach innen gerichtet, ein kompletter Gegensatz zu Groesbeek. Im Zentrum des Komplexes steht ein anspruchsvoller Innenhof, der jedoch nicht begehbar und erreichbar ist. Nur gucken und nicht anfassen, das ist die Devise.

Diese Sontowski-deluxe-Version besticht durch ihre beeindruckende Materialität. Die Fassade ist beispielsweise mit offenporigem Travertin versehen, die Balkone und die atriumartige Veranda kommen ausgesprochen elegant, aber eben auch elitär um die Ecke. Die Fassaden schmiegen sich im Grundriss in die alte Stadtstruktur und schaffen intime Räume. Der Wind pfeift hier allerdings derart, das wohl weniger Cafés und Restaurants, als dann doch eher Drachensteiger ihre Freude finden werden.

Im „Sylter Eiscafe“ – so hieß dieses Café wirklich – fanden sich einige der Teilnehmer vor der Abfahrt zusammen. Auch Volker Rübo fand sich ein. Auf meine Frage, was er sich für den Minoritenplatz vorstellen könnte, entgegnete er, einen Platz mit verschiedenen Gastronomieangeboten und einer insgesamt sehr hohen Aufenthaltsqualität. Ich habe ihm natürlich nicht widersprochen.

Auf der Rückfahrt kam mir die Frage in den Sinn, wie es jetzt in Kleve weitergeht?

Im Grunde ist es doch einfach. Wir müssen uns alle entscheiden, was wir wirklich wollen, das dann zu Papier bringen und jemanden finden, der dies 1 zu 1 umsetzt. Ob in Kleve jedoch noch Wohnraum gebraucht wird, angesichts der zum Teil noch ausstehenden Großprojekte ist zumindest fraglich. Das gleiche gilt vermutlich für den Einzelhandel. Diese und weitere Fragen müssten durch aktualisierte Gutachten beantwortet und geklärt werden. Dass der Marktplatz Linde geschrumpft wird, wirft eine weitere Frage auf: Soll der Markt in Kleve in die Tonne, oder wird jetzt endlich konstruktiv überlegt, wie die Marksituation in Kleve aufgewertet werden kann?

Übrigens hat der Klosterhof mit seiner Luxusausstattung genau so viel gekostet wie seinerzeit die Gabionenausführung von Sontowski hätte kosten sollen. 20 Millionen Euro, und die Architekten waren auch die gleichen, die in Kleve zum Zuge hätten kommen sollen. Geht doch!

Exkursion in den Rokokosaal mit Blick auf den gebeamten Klosterhof
Exkursion in den Rokokosaal mit Blick auf den gebeamten Klosterhof
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12 Kommentare

  1. 11

    Ok, ich nehme die Aufforderung des vorletzten Abschnitt an und werde mal hypothetisch 🙂

    Analog zum „Girlsday“ denke ich nun mal, dass ich bei einem „Mayor`sday“ teilnehme. Die Entscheidung zum Minoritenplatz steht an. Was würde ich nun befürworten, unterstützen oder sogar selber vorgeben?

    Erster Gedankenspiele über die Stadt Kleve (Istwert): geschichtlich war Sie schon Kurstadt, Kaiserbesuch, eine Frau von Heinrich VIII kam aus Kleve, architektonisch bezüglich Gartenanlage und teilweise Straßenzüge in Berlin kopiert. Der Minoritenplatz, der nun zur Debatte steht, war früher mal Klostergarten, vom Platz schöne Sicht auf das Koekkoek-Museum. Ãœber den Platz Tiefgaragenzufahrt in die angrenzende Bebauung, Platz wird zur Zeit als Parkplatz für 100 Autos (Schätzwert) genutzt.

    Nun die Frage: was soll damit passieren? Bebauung, Grünanlage, als Parkplatz aufwerten?

    Bebauung: welchen Nutzen hat die Bebauung? Weiterer Leerstand bei den Geschäften (siehe Spoycenter) Ist überhaupt Bedarf für weiteren Wohnraum? Wenn ja, wie teuer darf die Miete sein? Rentiert sich dann überhaupt das Objekt? Ein Gebäudeklotz, womöglich noch mit dunklen Klinker wie das neue, alte Rathaus, würde nicht passen. Also großzügig und vielleicht zweigeschossig mit großem innenliegenem Garten in Anlehnung an den Klostergarten, den jeder Begehen kann?

    Grünanlage: wäre eine schöne Sache. Vielleicht in der Mitte der Anlage ein kleines Gebäude, welches ausschließlich für Gastronomie genutzt werden dürfte. In Anlehnung an die Geschichte der Stadt (Im 17. Jahrhundert behielt Kleve den Status einer brandenburgischen Residenzstadt, neben Berlin und Königsberg im damaligen Preußen). Mit Blick auf das Museum könnte es eine feine Sache werden. Ostseite vielleicht ein paar Parkbuchten, die über die Zufahrt zur Tiefgarage erreichbar wären.

    Parkplatz: sollte vielleicht ein weiteres Parkdeck eingerichtet werden. Dieses müsste aber rundherum mit Sträuchern, Rankpflanzen etc. so begrünt sein, dass es als Parkfläche nicht sofort erkennbar ist.

    Das wären so meine Gedankenspiele, wie eine sinnvolle Nutzung des Minoritenplatzes ausschauen könnte. Die Frage stellt sich natürlich hier: hat es Nutzen, dass sich Bürger hier einbringen?

    Lesen auch die Stadtoberen hier mit? Wie war es noch gleich mit der Aussage mehr Bürgerbeteiligung? Leere Worthülsen oder doch ernstgemeinte Worte?

    Das kann ich nicht beantworten, aber wenn wir uns die Geschichte unserer Stadt vor Augen führen, gibt es doch schon gewisse Vorgaben, die zu berücksichtigen sind.

    Benno

     
  2. 10

    Noch ein anderer,in der Diskussion nicht beachteter Aspekt betrifft die Silhouette der Stadt in diesem Bereich. Bedingt durch den Kloster Garten war durch alle Jahrhunderte hindurch die Minoritenkirche mit ihrem Dachreiter oberhalb der im 19. Jh. abgetragenen Stadtmauer von Norden bzw. Kellen aus prägnant sichtbar. Alte Stadtansichten und Fotos mögen als Beleg ausreichen. Mit der Verdichtung der Bebauung auf dem Platz wird diese Blickssituation für immer zerstört. Das wenige was der Stadt nach dem Krieg an alter Substanz geblieben ist,sind nicht nur eine handvoll historischer Gebäude, sondern auch deren prägende Wirkung als optische Bezugspunkte im Stadtbild nach innen und außen. Eine qualitative Stadtentwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Wachsen und Werden einer Stadt durch die Epochen mit berücksichtigt und innerhalb dieser Rahmenbedingungen Möglichkeiten für eine moderne Weiterentwicklung sucht und findet. Aus den o.g Gründen, Minoritenplatz Bebauung Nein Danke!

     
  3. 9

    @ 8. niederrheiner

    Ja, das wäre sinnger. Aber dadurch entgingen der Stadt Kleve geschätzte 500€x6.000m²=3 Mio € im Haushalt und
    …..die Anbindung an die Rathaus-Tiefgarage.

     
  4. 8

    Warum entwickeln die Klever Verantwortlichen nicht endlich mal eine Vision, dieses an sich prominente Fleckchen Erde in Kleve zu einem zentralen Wohlfühlort zu machen, wo sich Menschen treffen, in Kontakt miteinander treten, wo sich unterschiedliche Generationen und Kulturen begegnen, wo man das Mensch-Sein im Gemeinwesen genießen kann.
    Muss denn jedes Fleckchen Erde bebaut und wirtschaftlich genutzt werden. Ist es nicht viel sinnniger und wertvoller, einen Ort der Begegnung zu schaffen?

     
  5. 7

    Ein Versuch Nobody, den Ist-Zustand emotionslos darzustellen:

    Bankneubau verdeckt Hotelneubau, keine Sichtachse zum Haus Koekkoek.
    Vorhandenes Spoycenter mit vielen Leerständen.
    Kein architektonischer Ãœbergang der Hochschule zum vorgenannten Klever Teil.
    Gegenüber weisser Neubau.
    Bootsanlegesteg.

    Bürgermeisterin mit weiteren Personen (auch Personinnen) fährt mit diesen zu zwei
    gestalteten Stadtcentren, Vorgänger fuhr nach China.

    Ende!

     
  6. 6

    @3. rd

    Für mich definiere ich in äusserst einfache Worte gefasst, „tatsächliche Objektivität“ so, als müsste man einen Gesundheits- bzw. Krankheitsaspekt neutral (be)werten.
    D.h. Emotionslosigkeit, ohne Parteien-, Menschen- und Namens(be)wertungen,
    klar und deutlich ohne „Nebenschauplätze“,
    Tatsachen-Ist-Zustand ohne Schuldzuweisungen!

     
  7. 5

    Das in Groesbeek entstandene Objekt entstammt aus der Feder des niederländischen Architekten Friso Woudstra. Aus seiner Feder stammt auch das in Rhede geplante Projekt „mittendrin – unser Bach“, das allerdings aufgrund der Insolvenz des Investors derzeit ins Stocken geraten ist.

    In Rhede geht es ebenfalls um die Entwicklung einer markanten innerstädtischen Fläche, die direkt an den Rheder Bach grenzt. Bereits etliche Projektentwickler und Bauträger haben sich daran bereits vergeblich versucht. Immer wieder wurde die Planung und Projektentwicklung eng mit der lokalen Politik abgestimmt und letztlich konnten einige Projektentwickler dort auch überzeugen.

    Das Kempener Objekt ist mir ebenfalls bekannt. Es besticht – so wie in Kleve das Spoy Palais von HPP Architekten – durch eine gut gemachte hochwertige neoklassizistische Architektur. Der Projektentwickler Ralph Schmitz hat sich mit solchen Bauwerken inzwischen bundesweit etabliert.

    Es würde dem Zentrum der Klever Unterstadt m.E. durchaus gut tun, auf der hier in Rede stehenden Entwicklungsfläche gut gemachte und hochwertige Architektur umzusetzen.

    Insgesamt ist es allerdings IMMER ein Drahtseilakt, die Interessen der Kommunen, der Bürgerschaft, der Planer, der Investoren sowie die der diversen Betreiber und anderen Stakeholder angemessen „unter einen Hut“ zu bekommen…

     
  8. 4

    Die Leier vom Muss der Platzbebauung kann ich nicht mehr hören. Ich plädiere für die historische Kontinuität in der Topographie, sprich gegen eine Bebauung. Dies war Jahrhunderte lang der Kloster Garten. Unter diesem Motto sollte eine Zone mit Aufenthaltsqualität geschaffen werden, die eine Klammer zwischen Unterstadt und Hochschule bildet. Die Mär vom Bedarf an zusätzlichen Wohn – und Geschäftsraum nehme ich den Befürwortern nicht ab. Einzig und allein der mögliche Geldfluss in die klamme Stadtkasse beim Verkauf des Platzes lasse ich gelten. Eine weitere Verdichtung der Bebauung an dieser Stelle würde dem Stadtbild mehr als abträglich sein. Hotel und Bank sollten Warnung genug sein. Und da ist dann noch das Bodendenkmal unter dem Asphalt, was die Tiefgaragenjünger geflissentlich ausblenden. Wird die Fachbehörde die totale Abräumung des Bodenarchivs ohne Vorbehalte zulassen? Das glaube ich nicht. Und wenn ja, würden die Kosten dafür nicht unerheblich zu Buche schlagen. Stattdessen sollte man überlegen, wie die bei Ausgrabungen gemachten Befunde in die Gestaltung mit einfließen können. Dann wäre zumindest das hier vorab verballerte Steuergeld halbwegs in Wert gesetzt.

     
  9. 2

    Es ist eine einseitige, nicht objektive „Berichterstattung des Augenzeugen“………..

    Ich wünsche mir tatsächliche Objektivität, um nachzuvollziehen, was in Kleve vor sich geht!!!

     
  10. 1

    Endlich geschieht DAS, was bisher versäumt wurde, da politische „Verbandelungen“ mit zu starken Stricken
    festgezurrt waren und jede konstruktive Bewegung bereits im Ansatz vernichtet wurde.

    So wie jetzt geschehen, wird eine Lösung für das Klever Stadtbild erarbeitet, die eine weitere Verunstaltung
    verhindern kann.

    Erfreulich, dass die Regierungszeit des alten Statthalters hinter uns liegt und die Bürgermeisterin ihrer
    Aufgabe gerecht werden kann..