Revolten und Unfug

rd | 01. Juli 2007, 13:56 | keine Kommentare

Was den Arabern ihr Erdöl, sind den Bedburg-Hauern die forensischen (=gerichtspsychiatrischen) Patienten, eine sehr pragmatische Sicht der Dinge, gegen die im Grunde nicht viel zu sagen ist. Kürzlich stimmte die Gemeinde sogar einer Verdoppelung der ursprünglich vorgesehen Patientenzahl für den Forensik-Neubau in der örtlichen Landesklinik zu, was im Gegenzug sicherlich neues Geld aus dem Landschaftsverband in die Gemeindekasse befördern wird. Und jeder, der einmal das Vergnügen hatte, in der neuen Turnhalle der Gemeinde zu trainieren (z. B. ich), weiß, dass dieses Geld gut angelegt wird. Da nun aber die ganze Einrichtung in diesen Tagen ihr 95-jähriges Bestehen feiert, ist es vielleicht einmal an der Zeit zurückzublicken – in die Anfänge des so genannten „Bewahrungshauses“, wie sie vom Landschaftsverband Rheinland in der Festschrift „Rheinische Anstaltspsychiatrie“ (zum 50-jährigen Bestehen der Landesklinik 1962 veröffentlicht) geschildert werden:

Die Erfahrung mit Kranken im Bewahrungshaus und die allgemein von Sachverständigen geteilte Ansicht, dass ein solches Haus nicht fest und sicher genug gebaut werden konnte, hatte baulich und technisch zu Einrichtungen geführt, die eine denkbar größte Gewähr gegen Ausbruch, Revolten und Unfug bildeten. So peinlich und drückend die Gitter auf den Besucher wirken, für die Kranken selbst, z. B. als Abschluss der Zelle, sind sie auch heute noch ein wohltätige Maßregel: die Zelle bekommt auf diese Weise reichlich Licht und Luft, der Insasse sieht auf den Korridor und durch das gegenüberliegende Fenster direkt ins Freie, er kann sich mit den vorübergehenden Pflegern unterhalten und ist nicht so abgeschlossen und sich selbst überlassen wie hinter einer massiven Tür. Andererseits ermöglicht das Gitter eine bessere und unauffälligere Beobachtung des Kranken durch das Personal.

Ärztekonferenz



Restmülllotto auf dem Wertstoffhof

rd | 30. Juni 2007, 15:58 | keine Kommentare

Es muss wohl noch skurriler zugehen als man es sich ausmalen kann, das Treiben auf dem neu eröffneten Klever Wertstoffhof. Entstanden ist eine neue Form des Lottospiels: Was wird von den strengen Mitarbeitern akzeptiert – und was barsch zurückgewiesen? Der bisherige Stand: Gelbe Säcke werden nach halbstündiger Beratung im Team nicht angenommen, auch wenn die Bürgerin gleich fünf davon mitgebracht hat und zur Begründung anführt, sie fahre längere Zeit in Urlaub und wolle verhindern, dass sich in den Säcken neue Lebensformen bilden. Egal, bitte wieder mit nach Hause nehmen! (Übrigens wird auf der Website der Stadt Kleve Gegenteiliges behauptet.) Auf der anderen Seite werden für eine Handvoll kaputter Kacheln 3,90 Euro Gebühren verlangt. Auch da sinkt die Bereitschaft zur ordnungsgemäßen Entsorgung ganz erheblich. Beide Geschichten machen im Freundeskreis die Runde, und ich glaube nicht, dass sie „Spinnen-in-der-Yuccapalme“-Kleinstadtmythen sind.

Psychologen haben unlängst mit der Erkenntnis überrascht, dass Mülltrennung der neue Gottesdienst sei. Die Fahrt zum Wertstoffhof entspräche in diesem Bild einer Wallfahrt, die mitgebrachten Gegenstände wären Opfergaben – und wenn diese wegen der Tatsache, dass sie „zu sehr“ Müll sind, zurückgewiesen werden, kann der Müllpilger sicher sein: Er steht kurz vor der Exkommunikation. Sein Müll ist nicht mehr gut genug!



Auf den Strich gehen

rd | 29. Juni 2007, 14:55 | keine Kommentare

Unsere schöne 49.207-Einwohner-Stadt im Spiegel nackter Zahlen – da wird einem bang ums Herz:

  • Aufgetragene Fahrbahnmarkierungen (in Metern): 39.140
  • Altpapier je Einwohner (kg): 81,33
  • Gepflanzte Blumen und Blumenzwiebeln: 51.930
  • Beschäftigte im Gastgewerbe: 364
  • Gefegte Strecke der drei Kehrmaschinen (km): 39.140
  • Ersatzkehrmaschinen: 1 (man weiß ja nie)
  • Einnahmen aus Straßenreinigungsgebühr (€): 449.678,44
  • Einnahmen umgelegt auf Straßenreinigung (€ pro km): 11
  • Parkscheinautomaten: 23
  • Unterhaltungsaufwand für diese 23 Automaten (Stunden): 428

Der letzte Punkt verdient eine kleine Würdigung: Pro Automat ergibt sich ein Aufwand von rund 19 Stunden. Anders ausgdrückt: Ein städtischer Angestellter ist zwölf Wochen pro Jahr damit beschäftigt, die Dinger zu leeren und Papier nachzufüllen. Ob die Automaten wenigstens seinen Arbeitslohn einspielen? (Anschaffungskosten für die Kisten mal gar nicht eingerechnet.)


Der Messias kam um 9 Uhr

rd | 28. Juni 2007, 13:15 | keine Kommentare

Zwei Tage vom Internet abgeschnitten. Irgendwie der übliche Telekomwahnsinn mit fortwährenden Demütigungen durch Computersprachmenüs („Hm, Sie möchten also eine Beschwerde aufgeben…“) und Warteschleifenswing. In der größten Verzweiflung ein Gang zum Telekomladen. Ein freundlicher Mitarbeiter nimmt sich der Sache an – und schreibt mir die Handynummer eines Technikers auf die Bestätigung des Auftrags, der wegen irgendwelcher unvorhergesehenen Hardwarekonflikte zum Destaster geführt hatte. Ein Techniker! Und dann gleich die Handynummer!!

Fröhlich verließ ich das Ladenlokal, und als nach der vereinbarten Stunde immer noch keine Besserung eingetreten war, wählte ich die Handynummer des Technikers. Leider teilte er mir allerdings mit, dass der Änderungsauftrag, der den alten Zustand wiederherstelle, schon „im System“ sei, und wenn er nun versuche, in diesen Prozess per Hand einzugreifen, dies zu noch größerer Verwirrung führe. Bis Mitternacht sei die Umstellung erfolgt, eine Zeit die ich nutzte, um Rasen zu mähen, zu staubsaugen, zu spülen. Um Mitternacht hatte ich dann auch Schreibtisch und Desktop aufgeräumt. Und nichts tat sich. Leichte Wut – und der feste Vorsatz, morgen den Techniker zu quälen.

Aber dann! Am nächsten Morgen um 9 Uhr, noch bevor ich zum Telefon greifen konnte, klingelt es an der Haustür. Ein freundlicher, bärtiger Mann in Motorraduniform stellt sich vor: „Guten Tag, ich bin XY, der Techniker von der Telekom. Ich habe heute morgen gesehen, dass Ihr Internet immer noch nicht geht, deshalb habe ich Ihnen jetzt die Hardware mitgebracht, mit der es auf jeden Fall läuft.“ Ich bitte den guten Mann in die Wohnung, erfahre so nebenbei, dass dies eigentlich sein freier Tag sei, lasse ihn fünf Minuten stöpseln – und alles läuft wieder.

Beschwingt ging ich in den Tag, mit dem Gefühl, Zeuge einer messianischen Erscheinung gewesen zu sein – und mit der Erkenntnis, dass solche Leute für den Laden mehr wert sind als alle gelackten Werbekampagnen mit zwangsentspannten Menschen in schicken Wohnungen mit dunklen Hölzern und cremefarbenen Sitzlandschaften. Die Handynummer gebe ich nie wieder her.