Ganz locker im Samocca

rd | 29. Februar 2008, 17:19 | 5 Kommentare

CafeVersuchen Sie nicht, „Einen Kaffee, bitte!“ in den Raum zu rufen – das neu eröffnete Café Samocca, Hagsche Str. 71, eine Gründung in einer Immobilie des Vereins Lebenshilfe e.V., darf schon jetzt für sich das Verdienst beanspruchen, den scheinbar ausgereizten gastronomischen Bestellvorgang um eine neue Variante bereichert zu haben: Auf jedem Tisch liegen Zettel aus, auf denen der Gast mit einem bereit liegenden Bleistift seine Tischnummer einzutragen und anschließend neben den gewünschten Speisen und Getränke in Minikästchen, wie sie älteren Mitmenschen aus computerlesbaren Fragebögen der 80-er Jahren bekannt sind, seine Striche zu ziehen hat – nichts für Hektiker.

Die Attraktion des Ladens, eine Kaffeeröstmaschine, sorgt, wenn sie läuft, für eine beständige Lärmkulisse, die zwar nicht die Feingeister in einem Kaffeehaus, aber handfestere Naturen an einen Betonmischer erinnern dürfte. Dennoch ist das Café Samocca zweifellos der eleganteste Laden in der Oberstadt. Kunst-Café und Café Büsch im eoc sind klar geschlagen. Die Stühle sind sehr bequem, es handelt sich – glaube ich – um die gleichen wie in den McCafés. Den Bodenbelag habe ich noch nie gesehen, aber ich gehe auch nur selten in Baumärkte. Es sieht aus wie Schiffbodenparkett in dunklem Holz, ist aber wie Fliesen mit Fugen (!) verlegt.

Der Kaffee selbst ist sehr lecker, und er wird in Variationen angeboten, die einen gedanklich „Ah!“ und „Oh!“ rufen lassen, während der Türkentrank die Kehle hinuntergleitet. So kann der Gast beispielsweise Maragogyphe genießen, eine Kaffeesorte aus fernen Gefilden, die durch „vielschichtige aromatische Noten im Mundraum“ besticht. Außerdem ist das Samocca der erste Laden in Kleve, der Bagels anbietet (und in seiner Karte netterweise auch erklärt, worum es sich dabei eigentlich handelt). Für die italienischeren Naturen gibt es das mit Tomaten belegte und mit Käse überbackene Bruschetta Samocca (3,90 Euro), das ganz lecker ist. Latte macchiato: 2,20 Euro.

Die Gäste können auch draußen sitzen, aber aufgrund der beengten Bauverhältnisse dürften sie sich etwas umzingelt fühlen. Literatur: Lesezirkel, RP, NRZ, Gästebuch. Die Garderobe kippt nicht um. Sie ist so konstruiert.



Sachsen liegt nicht im Ausland

rd | 23. Februar 2008, 16:03 | 1 Kommentar

Aus der Serie bemerkenswerter Aussprüche hiesiger VIPs flattert mir gerade noch was von Frank Ruffing, Chef der Volksbank Kleverland auf den Schreibtisch:

Wir beteiligen uns nicht an internationalen Spekulationsgeschäften, sondern betreiben ein solides und sicheres Anlagengeschäft. Somit hat unser Haus mit den Ausfällen, die andere Banken verkraften müssen, nichts zu tun.

Gut, die Volksbank Kleverland beteiligt sich also nicht an wilden Spekulationen im Ausland. Was der Chef hier nonchalant zur Seite wischt: Der Bank hat schon das Inland gereicht, um sich soweit zu ruinieren, dass zur Rettung eine Millionenbürgschaft des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken erforderlich war. Ursache dafür waren missglückte Immobilienspekulationen in Sachsen. Das ist noch gar nicht so lange her.

(Der Fairness halber sei hinzugefügt, dass dies nicht unter der Ägide des heutigen Chefs geschehen ist. Dennoch IMHO etwas dreist, so auf die Vollamnesie seiner Mitmenschen zu spekulieren.)



Zitat der Woche (2)

rd | 22. Februar 2008, 15:25 | 1 Kommentar

“Die Stadt Kleve gewinnt ein Stück an Normalität.”

(Bürgermeister Theo Brauer zur Eröffnung des Cafés Samocca, das vom Verein Lebenshilfe betrieben wird und der Integration behinderter Menschen dienen soll. Zur Eröffnung kamen u. a. Landrat Wolfgang Spreen, Aufsichtsratsvorsitzender der Freudenberg GmbH, sowie Bürgermeister Brauer. Ein Latte macchiato kostet 2,20 Euro (also im innerstädtischen Vergleich unteres Preissegment). Das Haus, in dem sich das Café befindet, hat der Verein von der Familie Remmen geerbt. Ausführliche Kaffeehauskritik folgt.)


Karitative Geldautomaten

rd | 22. Februar 2008, 13:07 | 3 Kommentare

Vorweg: Kunden der Sparkasse Kleve sind etwas vermögender als Kunden der Volksbank Kleverland. Wie ich drauf komme? An den Geldautomaten der Sparkasse wurden im vergangenen Jahr bei 1,3 Millionen Verfügungen 210 Millionen Euro ausbezahlt. Bei der Volksbank wurden die Maschinen 900.000 Mal angezapft und gaben insgesamt 135 Millionen Euro aus. Das heißt, der durchschnittliche Sparkassenabheber lässt sich 161 Euro ausbezahlen, der Volksbankbesucher dagegen nur 150 Euro.

Doch davon soll hier gar nicht die Rede sein. Seit dem 15. Februar ist es nämlich vorbei mit der schönen (und wirklich nützlichen) Automaten-Allianz der beiden Geldinstitute – seitdem wird für Kunden des jeweils anderen Instituts eine Gebühr von jeweils einem Euro erhoben. Nicht wirklich viel, aber die Begründung ist ein Stück aus dem betriebswirtschaftlichen Tollhaus. Hier die Originalpassage aus dem Klever Wochenblatt:

“Dieser Preis liegt immer noch weit unter dem im Bankgewerbe üblichen Verrechnungspreis und deckt nur einen Teil der gestiegenen Betriebskosten”, teilen Sparkasse und Volksbank in einer gemeinsamen Presseerklärung mit. Mit dem Betrieb eines Geldautomaten kann man kein Geld verdienen. Die Automaten müssen regelmäßig bestückt und gewartet werden. Kostspielig ist auch der Unterhalt der Leitungen… Warum so viele Geldautomaten? “Das ist reiner Kundenservice”, sagt ein Banker.

Noch mal zum Mitschreiben: Erst werden allerorten die Bankfilialen geschlossen, weil diese zu teuer sind, und durch Geldautomaten ersetzt. Diese Maschinen werden als “Kundenservice” deklariert. Plötzlich ist dieser “Kundenservice” ebenfalls zu teuer (Füllung, Wartung, Leitung) und wird in den Rang einer karitativen Maßnahme erhoben.

Wenn das so weitergeht, liegt die Zukunft des hiesigen Bankwesens in rumänischen Hilfskräften, die in hochmobilen Filialen (Campingstuhl, -tisch) an strategisch günstigen Plätzen (eoc-Parkplatz) ein wartungs- und leitungsfreies Bargeldangebot offerieren (verschließbare Geldkassette). Alternativ können alle Kunden zur Citibank transferiert werden und man beschäftigt sich nur noch mit den wirklich spannenden Dingen (Immobilien im Osten etc.).