Kommerz ohne Glitzer

rd | 08. Juli 2007, 16:04 | keine Kommentare

Reisender, kommst du nach Kleve, so erkenne in diesem Erdbeerstand vom Typ Mondbasis Alpha 1 an der Einfahrt zur Stadt die wahre Stärke der niederrheinischen Wirtschaft!

Erdbeerstand

Der Trend zur Überhöhung des Konsums durch mythische Beseelung der Produkte, die Ängste, Wünsche und Sehnsüchte irregleiteter Verbraucher widerspiegelt, wird hier erfolgreich gebrochen. Nennen wir es mal Kommerz ohne Glitzer. DDR light. Das Schöne daran ist, dass dem Betrachter nicht mehr vorgegaukelt wird, dass frische Erdbeeren eine Delikatesse sondergleichen sind – nein, sowohl das Dixieklo in unmittelbarer wie auch die Aral-Zapfsäule in etwas weiterer Nachbarschaft gemahnen daran, dass Erdbeeren halt auch nur Erdbeeren sind. Kann man kaufen, kann man lassen.

Einen Schritt weiter ist übrigens der hiesige Kaufhof, der den Konsum an sich auf eine fiktionale Ebene überführt. Das Warenhaus preist in seiner Schaufensterfront zur Marktstraße hin mit verblichenen Plakaten souverän die Dienste seines Reisebüros an (das vor ca. zwei Jahren durch einen Vodafone-Shop ersetzt wurde).



Lokalausgabe

rd | 02. Juli 2007, 23:41 | keine Kommentare

GasthausKlever Gastgewerbe nicht mehr wiederzuerkennen +++ Umbau im Flöns & Schmöker beendet – Niveau abgesenkt (das der Tische) +++ Strandbar im Klever Hafen eröffnet: 1000 Tonnen Sand und Stimmung wie auf Malle (minus 20 Grad) +++ DAB-Quelle am Kloppberg heißt jetzt Le Mont Royal – gute Küche, sehr freundlicher Wirt +++ Ab jetzt vom Tichelhaus ferngesteuert: Central Café senkt Schnitzelpreise +++ Gibt’s eigentlich noch irgendwo Diebels Pils? +++ Kleiner Tipp für Café Heicks: Beim Latte macchiato erst den Espresso brühen, dann die Milch aufschäumen +++ Aussichtsturm der neue In-Italiener? Wochentags sechs Autos auf Parkplatz entdeckt +++ Nie wieder „wilde Frauen“? Club Madame zu Wohnung umgebaut +++ Nur im Marställchen alles wie immer (war aber schon ca. 20 Jahre nicht mehr da) +++



Revolten und Unfug

rd | 01. Juli 2007, 13:56 | keine Kommentare

Was den Arabern ihr Erdöl, sind den Bedburg-Hauern die forensischen (=gerichtspsychiatrischen) Patienten, eine sehr pragmatische Sicht der Dinge, gegen die im Grunde nicht viel zu sagen ist. Kürzlich stimmte die Gemeinde sogar einer Verdoppelung der ursprünglich vorgesehen Patientenzahl für den Forensik-Neubau in der örtlichen Landesklinik zu, was im Gegenzug sicherlich neues Geld aus dem Landschaftsverband in die Gemeindekasse befördern wird. Und jeder, der einmal das Vergnügen hatte, in der neuen Turnhalle der Gemeinde zu trainieren (z. B. ich), weiß, dass dieses Geld gut angelegt wird. Da nun aber die ganze Einrichtung in diesen Tagen ihr 95-jähriges Bestehen feiert, ist es vielleicht einmal an der Zeit zurückzublicken – in die Anfänge des so genannten „Bewahrungshauses“, wie sie vom Landschaftsverband Rheinland in der Festschrift „Rheinische Anstaltspsychiatrie“ (zum 50-jährigen Bestehen der Landesklinik 1962 veröffentlicht) geschildert werden:

Die Erfahrung mit Kranken im Bewahrungshaus und die allgemein von Sachverständigen geteilte Ansicht, dass ein solches Haus nicht fest und sicher genug gebaut werden konnte, hatte baulich und technisch zu Einrichtungen geführt, die eine denkbar größte Gewähr gegen Ausbruch, Revolten und Unfug bildeten. So peinlich und drückend die Gitter auf den Besucher wirken, für die Kranken selbst, z. B. als Abschluss der Zelle, sind sie auch heute noch ein wohltätige Maßregel: die Zelle bekommt auf diese Weise reichlich Licht und Luft, der Insasse sieht auf den Korridor und durch das gegenüberliegende Fenster direkt ins Freie, er kann sich mit den vorübergehenden Pflegern unterhalten und ist nicht so abgeschlossen und sich selbst überlassen wie hinter einer massiven Tür. Andererseits ermöglicht das Gitter eine bessere und unauffälligere Beobachtung des Kranken durch das Personal.

Ärztekonferenz


Restmülllotto auf dem Wertstoffhof

rd | 30. Juni 2007, 15:58 | keine Kommentare

Es muss wohl noch skurriler zugehen als man es sich ausmalen kann, das Treiben auf dem neu eröffneten Klever Wertstoffhof. Entstanden ist eine neue Form des Lottospiels: Was wird von den strengen Mitarbeitern akzeptiert – und was barsch zurückgewiesen? Der bisherige Stand: Gelbe Säcke werden nach halbstündiger Beratung im Team nicht angenommen, auch wenn die Bürgerin gleich fünf davon mitgebracht hat und zur Begründung anführt, sie fahre längere Zeit in Urlaub und wolle verhindern, dass sich in den Säcken neue Lebensformen bilden. Egal, bitte wieder mit nach Hause nehmen! (Übrigens wird auf der Website der Stadt Kleve Gegenteiliges behauptet.) Auf der anderen Seite werden für eine Handvoll kaputter Kacheln 3,90 Euro Gebühren verlangt. Auch da sinkt die Bereitschaft zur ordnungsgemäßen Entsorgung ganz erheblich. Beide Geschichten machen im Freundeskreis die Runde, und ich glaube nicht, dass sie „Spinnen-in-der-Yuccapalme“-Kleinstadtmythen sind.

Psychologen haben unlängst mit der Erkenntnis überrascht, dass Mülltrennung der neue Gottesdienst sei. Die Fahrt zum Wertstoffhof entspräche in diesem Bild einer Wallfahrt, die mitgebrachten Gegenstände wären Opfergaben – und wenn diese wegen der Tatsache, dass sie „zu sehr“ Müll sind, zurückgewiesen werden, kann der Müllpilger sicher sein: Er steht kurz vor der Exkommunikation. Sein Müll ist nicht mehr gut genug!