Mein erster Kulturpreis

rd | 05. März 2007, 11:37 | keine Kommentare

Nein, ich habe ihn nicht erhalten, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Mir war nur die Einladung zur Verleihung desselben an den Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus e.V. in den Briefkasten geflattert. Also nichts wie hin! Wein, Weib, Gesang!! Dafür ließ ich sogar ein Basketballtraining sausen. Doch der schlauchartige Saal im Museum Kurshaus dämpfte meine Euphorie sogleich. So viele alte Männer mit verkniffenen Gesichtern. So, als ob die meisten von ihnen mit Prostataproblemen zu kämpfen hätten. Aber genau das muss wohl Kultur sein, dachte ich mir noch, und dann ging’s auch schon los – mit Bürgermeister Theo Brauer, der eine gefühlte Stunde lang „sehr geehrte“ Gäste begrüßte (am Ende war wohl nur ich noch nicht angesprochen worden).
EinladungMittlerweile war ich, obwohl erst eine halbe Stunde dort, schon recht müde. Da kam der Festvortrag von Prof. Speck gerade recht, zumal die erste Viertelstunde seiner Ausführungen von dem vermutlich heiklen Thema beansprucht wurde, ob sein Vortrag nun „Bildnis des Sammlers als Kurshausschatten“ (wie in der Einladung gedruckt) oder „Bildnis des Sammlers im Kurshausschatten“ (wie im Programmzettel zu lesen) genannt werden sollte.

Aus mir nicht klaren Gründen entschied er sich für die zweite Variante, um anschließend ganze Güterzüge voller Zitate über das Wesen des Kunstsammlers heranzukarren. Vermutlich ist nicht einmal Google imstande, eine solche Menge von Treffern anzuliefern. Zum Glück war im Hintergrund das stete Klimpern von Gläsern zu hören – das gehörte sicherlich zur Vorbereitung der großen Party!


Während immer neue Zitate heranbrandeten, begann ich – leicht schläfrig – eine Liste der Dinge, die ich am folgenden Tag im Haushalt erledigen wollte, zusammenzustellen: Küche, Wäsche, Fensterbänke. Fast lautlos murmelte der Professor, zeitweise fiel auch noch das Mikrophon aus, was aber nicht alle Gäste als unbedingtes Manko der Veranstaltung empfanden.

Feingeistige Ausführungen verhallten ungehört

Plötzlich wurde es laut. Theo Brauer hatte sich offenbar das Mikrophon zurückerkämpft, weil er auch mal wieder etwas sagen wollte. Schon mit seinem ersten Satz bewies er eindrucksvoll, dass er die feinsinnigen Ausführungen des Professors zu den Variationen seines Titels komplett ignoriert hatte. Das wiederum hätte der Beweis für eine gewisse anarchistische Größe sein können, es war aber vermutlich einfach nur Bolderigkeit. Dann gab’s eine schicke Urkunde und 5000 Euro von der Stadt für den Verein, der damit Bilder (oder Teile von Bildern) kaufen kann, die dann wiederum in einem Museum der Stadt hängen. Klever sind clever!, hieß es früher immer.

Als Irene Kurka (Sopran) und Ruthilde Holzenkamp (Akkordeon) den offiziellen Teil mit „Someone to watch over me“ von Gershwin beschlossen, wurde das zarttönende Duo im Hintergrund begleitet vom Ploppen der Sektflaschen, die für die große Party entkorkt wurden. Ein letzter Akt unfreiwilliger Komik, den nicht einmal die versammelte Riege der Sauertopfmienen ignorieren konnte. Ich genehmigte mir zwei Gläser Sekt und entschwand in das Dunkel der Nacht, nicht ohne noch irgendwo am Rande aufgeschnappt zu haben, dass der Professor mit dem tollen Vortrag (eigentlich Mediziner) ganz doll viel Kunst sammelt, die man natürlich gerne auch mal außerhalb seines Wohnzimmers sehen würde, zum Beispiel im Museum Kurhaus, und deshalb hätte der Mann seinen angestaubten Zitatenschatz ausbreiten dürfen. Keine Ahnung ob’s stimmt, aber warum eigentlich nicht? Als Hochkulturfreak muss man vermutllich solche strategischen Dimensionen der Ereignisse im Auge behalten. It’s only a game, und so gesehen war die 5. Verleihung des Johann-Moritz-Kulturpreises der Stadt Kleve ein ganz starker Abend.



Der größte Parkplatzbetreiber

rd | 07. Februar 2007, 13:23 | 1 Kommentar

Alle jubeln. Weil der Ryanair-Chef Michael O’Leary auf einer Pressekonferenz ein „Ja zum Airport Weeze“-T-Shirt überstreift, in die Kameras bleckt und mit seiner nervigen Rumtatarhetorik verkündet, seine Fluglinie baue den „Airport Weeze“ (laut Ryanair nur 70 km vom Flughafen D’dorf entfernt an der A57 gelegen) zu einer „Basis“ aus. Das heißt offenbar, dass zwei Maschinen über Nacht da stehen bleiben. Besonders betont wird die Tatsache, dass es sich um neue Jets handelt. 2500 neue Jobs sollen entstehen. Juhu!

Noch mehr Freude: Der Kreis Kleve kauft – bei nach wie vor unsicherer Rechtslage, was die Betriebsgenehmigung für den ganzen Laden angeht – 49 Prozent der Anteile für 17 Millionen Euro (das heißt, als Bürger des Kreises bin auch ich jetzt zu ca. 1/270.000stel Flughafenbesitzer). Ich werde meinen Enkeln später sagen müssen: „Das habe ich nicht gewollt.“

Laut Presseberichten macht der Airport derzeit 400.000 bis 500.000 Euro Verlust monatlich. Nach meinem Verständnis von BWL dürfte der Kreis den fortan zur Hälfte mittragen. Bleibt die spannende Frage, woher das Geld kommen soll, um diese Verluste auszugleichen. Bekanntlich nicht von Ryanair (die ja keine oder nur minimale Landegebühren zahlen). Vielleicht von den parkenden Fluggästen? Sicherlich ein interessantes Geschäftsmodell. Vielleicht kann der Kreis ja noch mehr hochdefizitäre Unternehmen kaufen, drumherum gebührenpflichtige Parkplätze errichten und so neue Arbeitsplätze schaffen (Parkplatzwächter).

Der Weg in den Staatsmonopolkapitalismus wird „kein leichter sein“ (X. Naidoo).

Merkels Terminalerfahrung in Weeze | kleveblog (19.09. 21:52): [...] Mir würde das für einen Tag reichen, aber eine echte Regierungschef...


Das Wim-Thoelke-Problem

rd | 07. Februar 2007, 10:15 | keine Kommentare

Wenn man am frühen Dienstag Abend in einer Gaststätte Muscheln bestellt und die Kellnerin nach kurzer Nachfrage in der Küche mit der enigmatischen Botschaft zurückkehrt:

„Zwei Portionen sind noch da…“,

steht man als kundiger Klever Kneipengänger vor dem Wim-Thoelke-Problem: Risiko! Kurze strategische Überlegung: Kein Gastwirt kauft am Montag Muscheln, Sonntag geht nicht, Samstag kommt wahrscheinlich nicht infrage, weil die Wochenendbeschaffung schon am Freitag abgewickelt wird. Also was immer da in der Küche noch für zwei Portionen reicht, ist wahrscheinlich vier Tage alt. Trotzdem bestellt, aber mit dem Kugelfischgefühl der Japaner. Ein Gefühl, das sich noch verstärkte, als der Gastwirt während des Essens an unserem Tisch vorbei frische Ware in die Küche trug.

Hat aber geschmeckt. Manchmal braucht man auch beim Essen etwas Nervenkitzel.


Ringstraße & Selbstironie

rd | 06. Februar 2007, 23:55 | keine Kommentare

Von meiner Friseurin (Friseuse darf man wohl nicht mehr sagen) mit dem Ausdruck des Bedauerns erzählt: Die Absolventen der Ringschule – neuhochdeutsch Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen oder so ähnlich – zogen zur Feier des Schulabschlusses mit T-Shirts durch die Stadt, auf denen zu lesen war: „Hartz IV, wir kommen!“

Eigentlich ist die Entrüstung nicht nachzuvollziehen. Immerhin zeigen die T-Shirts, dass die Schule ihrem Bildungsauftrag nachgekommen ist: Die Schüler wissen, was ihnen bevorsteht. Es sei denn, die Schüler haben ihre Aktion mit dem Wissen um die wahren Vergünstigungen eines Hartzlebens gestartet. Aber das ist eben nicht „IV“. Also eher unwahrscheinlich.