Adieu, (Bijou) Brigitte

rd | 16. August 2007, 16:27 | keine Kommentare

Der Bauschuttcontainer vor der Ladenfront in der Klever Stadtmitte ließ das Schlimmste befürchten. Und so kam es auch: Bijou Brigitte, gefühlte Jahrzehnte verlässlicher Lieferant für Modeschmuck aus den Grenzbereichen der Ästhetik und (zumindest in den Zeiten vor H&M) die sichere Anlaufstelle, wenn sich schüchterne Teenager die ersten eigenen Dessousträume zu realisieren trauten, ist nicht mehr. Dass Klever Teenager so aussehen, wie sie aussehen (Kirmes forever!), ist zu großen Teilen dem schillernden Sortiment von Bijou Brigitte zu verdanken. Jetzt hauen Bauarbeiter, die dem mitgebrachten Bier nach zu urteilen aus den neuen Bundesländern stammen, mit schwerem Gerät alles kurz und klein. Was folgt? Theoretisch wäre an der Stelle noch Platz für ein Bäckereicafé (immerhin ist Heicks mehr als 50 Meter entfernt und zudem auf der gegenüberliegenden Seite) oder für einen Handyshop (der nächste ist erst im übernächsten Geschäft).

Nachtrag: Es ist nur ein Umbau! Kein neuer Handyshop!! Ab dem 27. August, wie mittlerweile Schilder an der Ladenfront verkünden, ist die dekorative Grundausstattung für Klever Teenager wieder gesichert.



Schreien bis der Arzt kommt

rd | 16. August 2007, 16:04 | keine Kommentare

Ein Mann aus meiner Nachbarschaft hatte kürzlich einen Motorradunfall. Tagsüber, mitten in Kleve, in Sichtweite der Stiftskirche, deren Türme nicht nur zu den Wahrzeichen dieser Satdt gehören, sondern auch an die tiefe Verankerung der christlichen Werte hierzulande gemahnen. Naja, zumindest bis man einen Motorradunfall hat und am eigenen Leibe erleben darf, wie hoch Hilfsbereitschaft im Kurs steht.

Die Maschine krachte auf das rechte Bein des Mannes, zertrümmerte das Fußgelenk und blieb auf den geborstenen Knochen liegen. Er schrie vor Schmerzen, und was geschah? Passanten gingen an der Unfallstelle vorbei, Autofahrer auf Parkplatzsuche kurvten um das Motorrad herum, Anwohner schauten aus dem Fenster. Zwanzig Minuten habe es gedauert, so der Nachbar, bis ihn jemand aus der misslichen Lage befreite. Selbst wenn man nun einrechnet, dass Opfer subjektiv immer glauben, es dauere ewig, bis Hilfe eintrifft – schon eine Minute wäre angesichts der belebten Ecke zu viel.

So lernen wir, dass in Kleve ein moderater Darwinismus praktiziert wird. Wer selbst gestürzt ist, kann auch selbst wieder aufstehen. Survival of the fittest – zumindest die ersten zwanzig Minuten.



1000 Meisterwerke: Volksbank-Azubis

rd | 11. August 2007, 18:24 | 5 Kommentare

Mannschaft

Wir sehen das Werk eines unbekannten Fotografen, das der Auftraggeber anlässlich der Einstellung von sieben Auszubildenden mit einigen Zeilen zur erwünschten Deutung an die lokale Presse überreichte: „Hier im Stadion wie auch in der Volksbank Kleverland weiß man: Mannschaftsgeist ist wichtig“, sagt eine Frau, die der Öffentlichkeit als „Ausbildungsleiterin Tanja Gubbels“ vorgestellt wird.

Wie es um den Mannschaftsgeist der Volksbank Kleverland bestellt ist, erschließt sich dem Betrachter erst durch die Analyse der Aufstellung, die im Sport auch als „System“ bezeichnet wird. Das Geldhaus spielt ein lupenreines 4-1-2-1-2-System, wobei der Lichtkünstler den beiden Stürmern, die als „Personalmanager Joachim Beisel“ und „Vorstandssprecher Frank Ruffing“ bezeichnet werden, durch die Wahl der Perspektive eine offenbar überragende Bedeutung zumisst. Zum restlichen Ensemble halten die beiden Stürmer etwa zwei Meter Abstand, und – wenn die Figur an der Spitze der dahinter liegenden, leicht verschobenen Raute als Tanja Gubbels identifiziert werden kann – wird die Entrückheit der beiden Herren noch offensichtlicher. Denn nur scheinbar flankieren die beiden Offensivspieler die mit Businesskostüm verfremdete Mittelfeldspielerin im Zentrum des Bildes, so wie in einschlägigen Videos meist mehrere Frauen sich um einen Herrn in der Mitte bemühen.

Die Distanz zwischen den beiden ersten Bildebenen, die Position des Balles bei den beiden Offensivspielern sowie die rautenhafte Verbindung mit drei der sieben Azubis verweist die Frau ins Glied. Ihre Aufgabe in diesem Ensemble scheint es zu sein, Abstand zu halten zwischen „denen da oben“ und den jungen Menschen, die sich vielleicht noch Illusionen über Aufstiegsmöglichkeiten im Berufsleben hingeben. Für die sieben Berufsanfänger sind die dritte, vierte und fünfte Bildebene reserviert worden, und die Mimik des linken Angreifers macht ersichtlich, dass – gäbe es auch noch eine sechste, siebte und achte Bildebene – er sie gerne noch weiter in Richtung Dienstboteneingang platzieren würde.

„Der Star ist die Mannschaft“, sagte einst Berti Vogts, und diese Fotoarbeit macht auch an kleinen requisitorischen Details deutlich, dass dies in der Volksbank Kleverland offenbar eine andere Bedeutung hat als im Rest der Welt: Das subalterne Personal ist auf einer Werbeplane postiert, die leicht als Logo des Geldhauses zu identifizieren ist, womit offenbar ausgdrückt werden soll, dass sie auf den sicheren Untergrund eines Unternehmens angewiesen sind, um in der harten Welt des Kapitalismus bestehen zu können. Nur die beiden Alphatiere Ruffing und Beisel dürfen vorrücken auf den Rasen, der die Welt bedeutet.

Insgesamt also vermutlich eine stimmige Darstellung der real existierenden Machtverhältnisse in einem kleinen Geldinstitut am Rande der Republik, wenn nicht ein monströs aberwitziges Detail das sorgfältig konstruierte Hierarchieidyll konterkarieren würde: Es sind keine Zuschauer zu sehen. Die Tribüne – so leergefegt, wie wir das sonst nur aus internationalen Begegnungen kennen, die nach Zuschauerkrawallen auf Geheiß der UEFA unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden mussten.

Doch hier liegen die Dinge offensichtlich anders: Vermutlich haben die beiden Frontmänner durchaus ein Sensorium für die Fragilität ihrer Situation, die allerdings im Kleingehege einer regionalen Bank gut zu kontrollieren ist. Doch im Fußballstadion herrscht auf den Rängen eine massive Konzentration von Fachwissen und Umsturzbereitschaft – und von beiden Seiten attackiert, dürften die Alphatiere vor einer Situation stehen, die nicht mehr zu beherrschen ist: Aus der Sicht des Experten entlarvt sich die scheinbar sinnvolle Aufstellung als absurde Konstruktion – welcher Trainer würde seine ältesten Kräfte in die Sturmspitze beordern und eine Abwehr aus Jungspunden zusammenstellen? Noch größer indes dürfte die Angst vor einer pöbelnden Menge sein: Zwar trägt die Bank den Namen des Volkes, aber womöglich ist die gähnende Leere Ausdruck der Befürchtung, dass grölende Chöre proletarischer Fans („Ausziehen! Ausziehen!“) die Würde des ständekapitalistischen Idylls unterminieren.

So übermittelt uns diese Komposition so eindringlich wie nur wenige andere eine Vorstellung von der Vergeblichkeit aller kapitalistischen Anstrengungen, eine Fassade der Bedeutung zu errichten („Weg frei zur Karriere“, ist die dazu gehörige Pressemitteilung betitelt). Sobald man etwas genauer hinschaut, sieht man nur – nackte Angst.


Alles planieren!

rd | 11. August 2007, 16:59 | 4 Kommentare

PressemeldungEben noch hatte ich mit Hilfe von Photoshop einige weitere schöne Bodenplatten für die Klever Innenstadt entworfen (mehr hier), da meldet die Lokalpresse schon, dass „im Bereich des historischen Stadtkerns unterirdisch zahlreiche Rückstände mittelalterlicher sowie frühneuzeitlicher Bauten zu finden (sind), die Rückschlüsse auf die Veränderung der Siedlungsstruktur in Kleve zulassen… Aus diesem Grunde hat das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege beantragt, den historischen Stadtkern von Kleve in die Liste der ortsfesten Bodendenkmale einzutragen.“ Ein bisschen schade für die Eigentümer von Grundstücken, die beispielsweise mal einen Keller ausheben wollen: „Veränderungen im Bodenbereich (bedürfen) einer denkmalrechtlichen Erlaubnis.“ Deshalb mein erweiterter Vorschlag: Alles planieren, das Gelände versiegeln und mit folgender Bodenplatte versehen:

Bodenplatte

Schandfleck in Kleve | kleveblog (21.01. 16:47): [...] [...]...
ralf.daute (02.01. 13:02): So war's gedacht… und später gibt's dann die Inhalte nur noch für teure...
W.M.H. (02.01. 12:35): Diese Seiten machen ja süchtig!...
Hymerborn – neuer Stadtteil entdeckt | kleveblog (02.11. 03:05): [...] Die Idee, den Besitzern von Wohnmobilen in Innenstadtnähe einen Stel...