Et is den Bölt sin eige Schöld

rd | 12. Januar 2008, 16:09 | 9 Kommentare

Noch ein Rätsel der plattdeutschen Sprache, und diesmal gibt’s die Lösung gleich mit. In diesem Jahr hat die Karnevalsgesellschaft Schwanenfunker ein kryptisches Motto: “Et is den Bölt sin eige Schöld.” Meine Kenntnisse der Mundart scheiterten am Wort Bölt, und so fragte ich zwei gestandene Karnevalisten. Das betrübliche Ergebnis: Sie wussten es auch nicht.

So besteht in dieser kurzen Session durchaus die Möglichkeit, dass die Schwanenfunker mit einem Motto ins Rennen gehen, das keiner versteht.

So weit darf es nicht kommen!

Zum Glück gibt es die Wissenschaft, also mal rasch im Rheinischem Wörterbuch

im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und des Provinzialverbandes der Rheinprovinz auf Grund der von Johannes Franck begonnenen, von allen Kreisen des Rheinischen Volkes unterstützten Sammlung bearbeitet und herausgegeben von Josef Müller, Heinrich Dittmaier, Rudolf Schützeichel und Mattias Zender, 9 Bände, Bonn/Berlin 1928-1971

geblättert. Doch es ist wie immer: 2 Experten, 3 Meinungen. Demnach hat Bölt die Bedeutung Beule, kann aber auch Bretterzelt, altes Haus heißen – und außerdem im abschätzigen Sinne für die weibliche Brust verwendet werden.

Der Reihe nach: Unter dem Stichwort Schmied findet sich folgende, laut Wörterbuch aus Kleve-Warbeyen stammende Redewendung:

Et es de Bölt (elende Hütte) sin eige Schöld, dat hej de Kast mott drage; was hej mar (nur) nor de Schm. gegohn, den hatt öm drafgeschlagen

In Kleve dagegen wird unter dem Stichwort Schuld die folgende Sentenz verortet:

En ander hät alltit de Schöld, gen Mensch sieht sinen eigen Bölt

Emmerich schließlich trägt zur endgültigen Verwirrung bei. Dort werden Frauen mit geringer Oberweite angeblich so beschrieben:

Glatt af, gen Hölt en gen Bölt

Und da denkt man immer, der Karneval ist so oberflächlich. Doch bei den Schwanenfunkern sieht es ja fast so aus, als hätte Heinrich Bölt die Feder geführt. Jedenfalls, um diese etymologische Plattplauderstunde zu beschließen, erbrachte ein Anruf bei meinem Vater Klarheit: Beule. Wenn man eine Beule abkriegt, ist man’s selbst schuld, dass man damit rumlaufen muss. Et is den Bölt sin eige Schöld, das darf man auch gerne mit einem dreifachen Helau z. B. dem Rentner aus der Münchner U-Bahn nachrufen.



Der Vergleich: Schweizerhaus vs Radhaus

rd | 12. Januar 2008, 12:16 | 19 Kommentare

Tief durchatmen! Glück gehabt! „Das Schweizerhaus steht mit der Zwangsversteigerung der Immobilie am 12. März nicht vor dem Aus. Das machte gestern Erwin Steinkogler deutlich. Er ist Chef der Steinkogler Unternehmensberatung (Rosenheim), die das Materborner Parkhotel betreibt. ,Die Zwangsversteigerung betrifft die Inhaber der Immobilie, Familie Kalenberg‘, so Steinkogler. Sein Unternehmen habe einen Pachtvertrag bis 2009.” So berichtet heute die NRZ. Somit bleibt der Gegenentwurf zum Radhaus, dem zweiten Pol des Klever Disconachtlebens, erhalten. Wie schön, dass man wählen kann – hier die die Übersicht über die wichtigsten Unterschiede.

Schweizerhaus Radhaus
Lage oben unten
Tradition Gegründet 1962 von der Kalenberg-Dynastie Gegründet ca. 1972 von Georg K. (gib’s ruhig zu!)
Übernachtungen (Anteil in Kleve) 50 % 0,5 % (ja, du, Georg!)
Alter des weibl. Stammpublikums runtergemalte 35 hochgemalte 18
Größte Veranstaltung Möhneball Abifete
Typischer Abgang Aufzug NightMover
Dresscode Pimped Vrede Crushed H & M
Bester Flirtspruch „Ich bin vom DGB, willste mit auf mein Zimmer?“ „Ich bin vom Sebus, magst du auch einen warmen Kakao mit Sahne?“
Wenn man aufwacht, liegt das am… Defibrillator Entzug


Szene-Schock: Schweizerhaus unterm Hammer

rd | 10. Januar 2008, 15:00 | 1 Kommentar

Das ist ein echter Schock für die Klever Discoszene (und offenbar auch für die Gewerkschaftsbewegung, dazu später): Das Parkhotel Schweizerhaus (SH in Fachkreisen) wird am 12. März zwangsversteigert, berichtet die NRZ. Künftige Eigentümer könnten laut Bebauungsplan aus der ersten Vergnügungsadresse im Lande, die für die Hälfte aller Hotelübernachtungen in Kleve verantwortlich ist, auch ein Seniorenheim machen. Verkehrswert des Gebäude: 5,98 Millionen Euro.

Im Forum auf der Website des Hotels, in dem sich sonst unter anderem hormongesteuerte Damen nach den süßen Türstehern mit den blauen Augen erkundigen („Ich kann dir sagen, dass er Fabian heißt, aus Köln ist und ich glaube so um die 22 Jahre alt“), grassiert schon die nackte Angst:

Also ich fänds echt schlimm wenn aus dem SH ein Altenheim wird, davon haben wir doch genug. So langsam wird Kleve langweilig was die Ausgehmöglichkeiten anbelangt und das SH gehört nunmal zur Geschichte von Kleve und war immer für Kegelclubs ein Anziehungspunkt weil Partys und feiern da groß geschrieben wurde. Genießen wir die Zeit die wir da noch haben und vielleicht geht ja noch alles gut aus und es bleibt uns erhalten so wie es ist.

Etwas rätselhafter ist dagegen der folgende Kommentar:

Woran frage ich mich liegt es, dass solche Häuser mit TRADITION vor die Wand gefahren werden. Legendär sind die Discobesuche, die Wochenend-Seminare der Gewerkschaften und nicht zu vergessen die 5. Jahreszeit in diesem Haus. Wer soll wenn nicht das Schweizerhaus diese Dinge auffangen?

Legendäre Wochenendseminare der Gewerkschaften? Oder Wochenendinseminare?? Es klingt jedenfalls so, als ob ein eher horizontales, nicht direkt am Klassenkampf orientiertes Verständnis von Gewerkschaftsbewegung geherrscht hat. Naja, ein bisschen Spaß muss sein.

KlePeter (12.01. 11:07):

Genussverstärker

rd | 09. Januar 2008, 13:17 | keine Kommentare

BrokDieser Beitrag hat mit Kleve nur insofern etwas zu tun, als dass ich das Gratismagazin Genussverstärker auf dem Tresen der Zeitschriftenhändlerin meines Vertrauens entdeckte. Doch ich halte die Titelbildkomposition für so gelungen, dass ich dem „Pfeifenraucher des Jahres 2007“, der ein CDU-Europapolitiker ist und sich auch schon mal mit Hillary Clinton und Kofi Annan getroffen hat, gerne 250 mal 333 Pixel Platz frei räume (was Friedbert Pflüger nicht gelungen ist, obwohl mir auch ein interessantes Dokument von ihm in die Hände gefallen ist). Das Bild beweist immerhin, dass Politik unter Umständen doch nicht ganz so ein trostloses Geschäft ist, wie ich mal vermutete hatte. Die Serie der „Pfeifenraucher des Jahres“ wurde übrigens 1969 mit Herbert Wehner begründet. Die offizielle Berufsbezeichnung von Elmar Brok lautet: Senior Vice President Media Development Bertelsmann AG. Seine prägnanteste politische Aussage ist diese: „Wir Genießer wollen und können Rücksicht nehmen auf andere, doch man muss uns auch dürfen lassen.“ Darauf einen Dujardin.