And the winner is…

rd | 25. Januar 2008, 00:42 | 13 Kommentare

(Regen. Fette Tropfen prasseln auf die Plastikplanen des Festzeltes, das in einer doppelten Nachtschicht vom Technischen Hilfswerk, Ortsgruppe Kleve, auf den Trümmern der Stadthalle errichtet wurde. Windböen zerren an den Abdeckungen, sodass beständig Karabinerhaken gegen Metallgestänge klackern. Alles in allem ein würdiger Rahmen für die Verleihung des einzig wahren Klever Unternehmerpreises. Thomas Helmer moderiert.)

HELMER: Meine Damen und Herren, es liegt schon eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass angesichts der Tragödie um die mongolischen Künstler und die Klever Stadthalle der erste Platz in dieser Konkurrenz ausgerechnet an ein Unternehmen geht, das sich dem Überleben in unwirtlichen Umfeldern verschrieben hat. Nein, damit meine ich nicht das Nagelstudio Döllekes und auch nicht Wein Peters.
Meine Damen und Herren, Platz 1 geht an (Trommelwirbel von einem tragbaren CD-Player)

Camping Freizeit Sport (ehemals Servos) dafür, dass
es dort alles gibt (ausser Tiernahrung)

Camping Freizeit Sport

(Applaus brandet auf, der in ein frenetisches, rhythmisches Klatschen übergeht. Vereinzelte Rufe ertönen: „Ein würdiger Sieger!“ Thomas Helmer räuspert sich und kann nun die Begründung der Jury vortragen.)

HELMER: Dieses Geschäft kann man eigentlich nicht beschreiben. Der erste Eindruck ist, dass bei einem Einbruch in eine Lagerhalle die Täter aufgeschreckt wurden und die Flucht ergriffen haben. Doch im scheinbaren Chaos eines komplett zugestellten Verkaufsraums hat der äußerst sympathische Firmenchef den absoluten Überblick. Er ist sein eigenes SAP.

Man sagt allerdings, dass er manchmal Google Maps anwirft, um seltener gefragte Produkte zu orten. Lange Zeit mussten Kunden niederknien, wenn sie mit ihrer ec-Karte bezahlen wollten. Angeblich war das Kabel nicht lang genug. In Wahrheit auch dies ein raffinierter Test, ob der Käufer für die ausgewählten Produkte überhaupt noch in Frage kam.

Sonnenbrillen, Schlitten, Skateboards, NATO-Parkas, Warndreiecke, Taschenmesser, Campingkocher, Wanderstiefel, Springseile, Dartscheiben, Wollsocken, Angeln, Schlauchboote, Nebelleuchten, Feuerwerkskörper, Käppis, Trampoline, Regenhosen, Skier vereinigen sich hier zu einem stimmigen spätkapitalistischen Ensemble der Survival-(of-the-fittest)-Gesellschaft, das schon durch bloße Begehung einen Erkenntnisgewinn beschert: Wer es bis zu den Schlafsäcken hinten links geschafft hat, hat bewiesen, dass er auch ohne Schlafsäcke in freier Natur überleben kann.

(Wieder brandet Applaus auf, als der Firmenchef auf die Bühne tritt. Er ist perplex und muss improvisieren. Aber das macht er gut.)

DER CHEF VON CAMPING FREIZEIT SPORT: Vielen Dank. Ich weiß gar nicht, womit ich diese Ehre verdient habe. Sicher denken Sie, dass ich nun mit dem Preisgeld und den schönsten meiner Produkte einen gaaaanz gefährlichen Survivalurlaub machen werde. Doch meine wahre Leidenschaft ist das Riesenradfahren, und werde das Geld bis zur nächsten Klever Kirmes aufheben und dann mit meiner Tochter noch öfter Riesenrad fahren.

(Applaus, was sonst? Bürgermeister Theo Brauer wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.)

BRAUER (scheinbar cool): Das Dach ist wohl nicht ganz dicht.

(Den mongolischen Artisten geht es den Umständen entsprechend gut. Aber Ute Schulze-Heiming vom Kleve Marketing ist schon beim Bürgermeister „vorstellig“ geworden, damit der Etat für die Künstler im kommenden Jahr verdoppelt wird – auf 300 Euro. Es wird ihr gelingen.)



Stadthalle wird wieder aufgebaut

rd | 22. Januar 2008, 15:45 | 6 Kommentare

Die ursprünglich für heute vorgesehene Verleihung des Klever Unternehmerpreises muss leider um wenige Tage verschoben werden. „Die Stadthalle wird wieder aufgebaut“, versichert Bürgermeister Theo Brauer auf einer improvisierten Pressekonferenz im Flöns & Schmöker.

Derzeit werden die letzten mongolischen Artisten von Sanitätern des Arbeiter-Samariter-Bundes versorgt, während gymnasiale Hilfskräfte, ergänzt um einige Dutzend 1-Euro-Jobber, damit beschäftigt sind, den vom Löschwasser aufgeweichten Bühnenboden sowie den in Flammen aufgegangenen Vorhang zu entfernen, damit eine Zeltkonstruktion errichtet werden kann, um die Feier fortzusetzen.

Thomas Helmer nutzt das Unglück, das Augenzeugenberichten zufolge durch ein misslungenes Bühnenkunststück ausgelöst wurde, um mit seiner Frau durch die Fußgängerzone zu schlendern. Er kauft ihr drei Handys.



Funkerpresse (remixed)

rd | 21. Januar 2008, 17:25 | 7 Kommentare

Für alle, die nicht dabei gewesen sind:

Tradition vereint sich mit Zukunft. Dafür kernig und knackig. Phantastische Stunden in der Stadthalle. Pflege der Mundart durchtränkt mit neuen Ideen. Immer noch treffsicher in seinem Prolog. Und vor allem eines: total lokal. Fulminant war der Elfentanz. Hervorragende Bütt mit ironischem Augenzwinkern. Grandiose Wortspielereien. So einiges aus dem Metzgerleben zu erzählen. Mit tosendem Applaus bedacht. Exzellentes Platt in seiner hervorragenden Bütt. Mit ihren witzigen Liedern wieder ein Genuss. Was er perfekt in einem fingierten Telefongespräch meisterte. Künstler, die ständig verrückte Ideen auf die Bühne zaubern. Nahm Abschied mit seinen herrlichen Wortverdrehereien. Tanz und Akrobatik vom Feinsten. Ein gelungener Abend.

Diese Lokalpresseschau belegt ja wohl eines eindeutig: Et is den Bölt sin eige Schöld, wenn er nicht zur Schwanenfunker-Sitzung gegangen ist.


Schandfleck in Kleve

rd | 21. Januar 2008, 16:39 | 4 Kommentare

So schnell kann’s gehen. Eben wurde die Hoffmannallee durch die Verleihung des zweiten und dritten Platzes meines privaten Unternehmerspreises als Gewerbestandort drastisch aufgewertet, schon fällt auf, dass zwischen diesen Perlen des Kapitalismus Parzellen größter Verwahrlosung die modrige Aura des Untergangs verströmen. Heute meldet die Rheinische Post, es gebe einen „Schandfleck in Kleve“, und zwar das leerstehende Gebäude an der Ecke Hoffmannallee/Thaerstraße. „Gemüter“ seien bereits „erregt“. Originaltext:

Die Stadt habe deshalb vergeblich versucht, mit dem auswärts wohnenden Besitzer Kontakt aufzunehmen, so Jürgen Rauer. Der Technische Beigeordnete im Rathaus führte aus, dass deshalb eine niederländische Grundstücksgesellschaft, die das Objekt zum Verkauf anbietet, angesprochen worden ist. Es habe aber keine Reaktion gegeben. „Wir als Stadt können nur eingreifen, wenn die öffentliche Sicherheit bedroht ist“, erklärte Rauer. Andere Maßnahmen wären ein Eingriff in das Privateigentum, das ja geschützt sei.

Mal abgesehen davon, dass der letzte Satz doch sehr beruhigt (elementares Recht gilt auch hier), verblüfft die Tatsache, dass – wenn schon diese kleine Eckkaschemme, die meines Wissens vor langen Jahren mal das Café Extrablatt in Kleve beheimatete, den ersten in einer langen Kette von erfolglosen Versuchen, am unteren Niederrhein Erlebnisgastronomie heimisch zu machen, als „Schandfleck“ ausgemacht wird – problemlos größere Teile der Innenstadt genauso bezeichnet werden könnten – oder ist etwa die ehemalige Post (ausschnittsweise hier zu sehen) ein Juwel?

Darüber ist an dieser Stelle bereits berichtet worden – doch nun gibt es Hoffnung. Freddy Heinzel, der Anwalt des neuen Besitzers der Neuen Mitte hat stolz mitgeteilt, dass weitere Umbauten in der Innenstadt ganz rasch erfolgen könnten. Der niederländische Investor sei nämlich auch in Besitz eines Abrissunternehmens. Liebe Immobilienbesitzer, also bitte gut markieren, was stehen bleiben soll! Sonst sieht’s hier bald so aus:

Bodenplatte