Blitzeinschlag in der Schwanenburg: Wird es für immer 18:37 Uhr bleiben?

rd | 03. September 2020, 19:36 | 13 Kommentare
Einfach mal innehalten und den Tag gepflegt um 18:37 Uhr beginnen
Kategorie: Wolkenblitz
Die Steuerungseinheit der Turmuhr: 6 Schaltkreise, 0 Strom

(Aktualisiert, mit zusätzlichen Informationen zum Einschlag) Als am 28. August um 18:37 Uhr und 33 Sekunden ein Blitz der Kategorie „starker Knaller“ in den Schwanenturm einschlug, stand die Zeit sofort still. Eine negative Ladung von neun Kiloampere ergoss sich für den Bruchteil einer Sekunde in die Steuerungseinheit der Turmuhr und verschmurgelte sämtliche sechs Schaltkreise des Geräts, mit denen sowohl das gemächliche Fortschreiten der Zeiger wie auch die Glockenschläge kontrolliert werden. Ein Schaden von historischer Dimension!

Um sich das Ausmaß des energetischen Impacts zu verdeutlichen, sei darauf hingewiesen, dass schon bei einem einzigen Ampere 6,2 Trillionen Elektronen pro Sekunde unterwegs sind. 9 Kiloampere (9 kA) stehen dann, eine (realistische) durchschnittliche Dauer des Blitzes von einer Zehntelsekunde angenommen, für 5,58 Trilliarden Elektronen. Das ist eine unvorstellbar große Zahl. Wenn man pro Stunde ein Elektron zählen würde, wäre man nach einem Tag erst bei 24. Erst nach 232,5 Trillionen Jahren wäre man fertig – wenn man solange durchhielte.

Der goldene Schwan, der auf der Spitze des Turms thront, kommt interessanterweise nicht als Zielpunkt des Einschläge infrage. Er ist durch einen Blitzableiter gesichert. Die Vermutungen gehen dahin, dass der hochenergetische Elektronenfuror direkt in einen Uhrzeiger einschlug – wodurch er dann freie Bahn zum Uhrwerk und der angeschlossenen Elektrik hatte. Die quirligen, ambigen Elementarteilchen, die sich mit der Geschwindigkeit des Lichts fortbewegen, haben dort zwar keinen äußerlich sichtbaren Schaden hinterlassen, allerdings blicken die drei Flüssigkristallmonitore so tot in die Welt wie die Anzeige eines solargetriebenen Taschenrechners, der zwanzig Jahre in einem Bergwerk gelegen hat.

Doch damit nicht genug. „Wir wissen nicht, ob das Uhrwerk beschädigt ist“, so Udo Trepmann, der Hausmeister der Schwanenburg. Der Techniker ist informiert, wie man so schön sagt, in diesem Fall handelt es sich um die Mitarbeiter der auf Turmuhren spezialisierten Firma Eduard Korfhage & Söhne. Die Fachleute der Firma aus dem niedersächsischen Melle („Tradition – Erfahrung – Fortschritt“) haben ihr Erscheinen für die 38. Kalenderwoche angekündigt. Die beginnt erst am 14. September.

Eine sofortige Reparatur erwartet allerdings niemand, vielmehr rechnen die Verantwortlichen damit, dass die vagabundierenden Elektronen mit ihrer negativen, auf Zerstörung ausgerichteten Ladung auch im Uhrwerk Schäden angerichtet haben, die den Austausch von Bauteilen erforderlich machen. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Spezialteile, die nicht in irgendwelchen Kisten herumliegen, sondern die ihrerseits erst bestellt werden müssen, und womöglich sogar erst eigens angefertigt werden müssen. „Bis die Uhr wieder läuft, das wird noch dauern“, so Trepmann. Bis dahin bleibt es in Kleve immer 18:37 Uhr, wenn man zum Turm schaut.

Die Zeit rast? Nein, sie steht. Halten wir inne und schauen in uns. Mors certa, hora incerta.

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13 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 1. jean-baptiste

    Der alte Schaltkasten hat ja auch schon gut seine 20-30 Jahre auf dem Buckel.
    Vielleicht könnte man ja von der Erfahrung anderer profitieren?
    https://www.blb.nrw.de/en/presse/pressemeldungen/pressedetails/demontage-der-turmuhr-am-landgericht-krefeld?
    Victoria Müller wäre da die geeignete Ansprechpartnerin.
    T: +49 203 98711 – 419
    M: victoria.mueller@blb.nrw.de
    Eine Entkopplung der beiden Zifferanzeigen und eine Kopplung an DCF77 wären nämlich kein überflüssiger Luxus.

     
  2. 2. Stefan Schuster

    Gemach, gemach, dies ist die Losung der Stunde und die Moral aus der Geschicht. Trösten wir uns vorläufig beim Gedanken, das die Turmuhr uns immerhin zweimal täglich korrekt an die Hektik der Zeitläufte erinnert.

    Zur Ursachenforschung ergibt sich ein ganz einfacher Entscheidungsbaum:
    * Blitzschutz vorhanden (ja/nein),
    * Blitzschutz ausreichend (ja/nein),
    * Vorhandener Blitzschutz funktioniert (ja/nein).

    Zur erforderlichen Zeitdauer für die Reparatur ist entscheidend, ob ein Wartungsvertrag mit garantierten Reaktionszeiten existiert, was nicht unbedingt für historisch und städtebaulich bedeutsame Anlagen der Fall sein muß. Eine mittlere Kreisstadt darf entscheiden, ohne Wartungsvertrag im Schadensfall eine Einzelbeauftragung anzustoßen. Immerhin unterschreitet die 2-Wochen-Frist bis zum Eintreffen eines Handwerkers deutlich den Zeitraum, der in Kleve benötigt wird, den Anbau eines unbeheizten Wintergartens von 6 m² Grundfläche zu genehmigen. Also bis zur Herstellung einer optimalen Lösung Geduld praktizieren, und als Workaround zum Ablesen der Uhrzeit das Smartphone zücken. Es wird ja niemand gezwungen, sich dazu eine Rolex zu kaufen.

    Kleiner Vorschlag: Der alte, jetzt schadhafte Steuerungskasten sollte nicht einfach auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen werden, er verdient die adäquate Präsentation in einer Glasvitrine für nachfolgende Generationen. Die programmierbare Steuerung einer komplexen technischen Anlage per Kippschalter und Drucktaster, sowie die Darstellung des Soll-Zustands per Segmentanzeigen gehört gebührend gewürdigt. Nehmen wir uns dazu die Zeit, solange die Endmoräne unter dem Schwanenturm noch standfest ist.

     
  3. 3. Koon

    Ist ja mal was neues, dass Kleve in der Zeit stehen geblieben ist.

     
  4. 4. rd

    @Stefan Schuster Zuständig ist das Land NRW, in dessen Besitz sich die Immobilie befindet.

     
  5. 5. jean-baptiste

    @2. Stefan Schuster “Segmentanzeigen”
    So alt ist der nun auch wiederum nicht, das sind klar erkennbar LCD-Displays.
    Ausstellenswert ist so etwas definitiv nicht, weder alt genug, noch ein wirkliches Lehrstück der Geschichte.
    Der auch noch eine Vitrine zu spendieren wäre ein völlig falsches Signal an die Besucher.

    https://www.clock-o-matic.be/torenuurwerk/automatisering scheint auch ein führendes Unternehmen zu sein, nach eigener Aussage mehr als 50 betreuten Turmuhren in Belgien und Luxemburg, und die Fahrstrecke nach Holsbeek liegt ja auch noch im Bereich des möglichen.

     
  6. 6. jean-baptiste

    @3. Koon “in der Zeit stehen geblieben”
    Ein wahrer Klever sieht das anders.
    In dessen Vision schreiten wir in grossen Schritten voran, genau genommen in 12-Stunden Schritten.
    Weshalb sich dann mit Minuten, Viertelstunden – Halbstunden und Stunden abgeben, alles nur unnötige Details .

     
  7. 7. Doc Emmett Brown

    Marty, wenn Du das hier bei Deiner Ankunft im Jahr 2222 im kleveblog.de lesen wirst — ich warte am Draisinenbahnhof auf Dich.

    PS: Gut, dass keiner den DeLoreon oben vor der Schwanenburg gesehen hat.

     
  8. 8. Doc Emmet Brown

    Ich stand auf dem Klo und wollte eine Uhr aufhängen. Der Beckenrand war nass, da rutschte ich aus und schlug hart mit dem Kopf auf. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich eine Offenbarung, eine Vision. Ich hatte ein Bild in meinem Kopf. Ein Bild hiervon! Dieser Kasten macht Zeitreisen überhaupt erst möglich: der Fluxkompensator!”

     
  9. 9. Martin Fingerhut persönlich

    Grundsätzlich schlägt ein Blitz bevorzugt an besonders hervorRagenden Stellen ein.
    Deshalb glaube ich nicht,
    daß er in diesem Fall sich einen der Zeiger ausgesucht haben soll,
    die alleSamt flach an der Fassade des Turms anliegen.
    Auch kann ich mir nicht vorstellen,
    daß dann der SteuerungsKasten noch als solcher zu erkennen wäre.
    Wenn rd’s Trilliarden Elektronen tatsächlich sich durch den Kasten hindurch gequengelt hätten,
    wäre von dem wohl eher nur ein Klumpen geschmolzener Schrott übrigGeblieben.
    Vermutlich wäre es aber noch nicht einmal so weit gekommen,
    denn die – sicherlich relativ dünnen – Drähte zwischen dem Kasten und dem UhrWerk hätten wie eine SchmelzSicherung gewirkt.
    Für viel wahrscheinlicher halte ich,
    daß der Blitz doch in den Schwan eingeschlagen hat.
    Da diesem jedoch augenscheinlich ” kein Federchen gekrümmt ” worden ist,
    dürften Herrn Schuster’s 3 Punkte ( s. #2. ) alleSamt mit “Ja” zu beantworten sein :
    Ein BlitzSchutz ist vorhanden,
    er ist ausreichend dimensioniert
    und er hat funktioniert.

    Warum aber ist die Steuerung trotzDem kaputt ?

    Ein Strom von ein paar kA, wie rd ihn beschreibt, wirkt nicht nur dort, wo er fließt,
    sondern er bewirkt auch ein erhebliches elektroMagnetisches Feld um sich herum.
    Durch dieses können Ströme induziert werden in Gegenständen, welche gar nicht direkt vom Strom betroffen sind.
    Elektronische Schaltungen – selbst solche, die schon ein paar JahrZehnte auf dem Buckel haben –
    arbeiten mit kleinen bis winzigen Strömen.
    Im Verhältnis dazu sind selbst die durch einen Blitz lediglich induzierten Ströme gigantisch.
    Das kann manche BauTeile überfordern.

    Selber erlebt habe ich einen router,
    der förmlich von der Wand geschleudert worden ist,
    nur weil ein Blitz ca. 50m entfernt in ein benachbartes Gebäude eingeschlagen hatte.

     
  10. 10. Bildungsferner

    @ Martin Fingerhut persönlich

    Hat es damals nur den Router erwischt oder gab es weitere Schäden?

    Ich hab mal einen Bildungsroman über Blitzforschung gelesen.
    Die Dinger machen die tollsten Sachen und keiner weiss so recht wieso.

     
  11. 11. jean-baptiste

    Jeder, Kommentator, wie Autor, stürzt sich hier auf die Stromstärken, allerdings, wenn nicht auch Spannungen im x-kV Bereich auftreten würden, wäre die Diskussion viel einfacher zu führen.
    Physik und Elektrotechnik lehren uns, dass es fifty shades of gray im Repertoire der schädlichen Umstände gibt.
    Dazu zählt, dass auch ein Blitzableiter nicht die ganze einschlagende Energie schadlos ableiten muss, und ausserdem auch das “normale” Stromnetz durch Weiterleitung von Überspannungen eine gewisse Rolle gespielt haben kann.
    Bei den wenigen Erkenntnissen, die wir haben gilt : nichts ist sicher, nur Eines, und das ist: kapott is kapott.

     
  12. 12. Martin Fingerhut persönlich

    @ 10. Bildungsferner :
    1 PC und die Zentrale einer TelefonAnlage
    – die beide direkt neben dem router und an diesen angeschlossen –
    sind dabei ” sanft entschlafen “.
    Allein der router ist spektakulär von den beiden Schrauben gehüpft,
    auf denen er an der Wand aufgehängt war.
    Die weiteren angeschlossenen Geräte
    – alle ein paar Räume weiter weg –
    haben es überlebt.

     
  13. 13. Niederrheinstier

    Mmuuuh, heute nacht geträumt, dass die Schwanenturm wieder heile wäre, mmuuuhZeitanzeige.
    Dann heute morgen sehnsüchtig zur Schwanenturm hochgelugt, mmuuuhspäh.
    Und siehe da, mmuuuhguck: Die Schwanenturmuhr tickt wieder richtig, mmuuuhabergehtauchschonderGlockenschlagwieder!? Da muss ich jetzt auch meinen Ohren mal spitzen, mmuuuhabhör. Oder, rd, kommt heute noch eine Meldung über den erfolgreichen Abschluß der Schwanenturmuhrreparatur auf Kleveblog, mmuuuhichwartegespannt???