Adieu, Herbert Wetzels! Der leise Abschied des Grandseigneurs der Großen Straße

Vor den Auslagen des Lebens: Herbert Wetzels, leicht melancholisch dreinblickend (Foto © Sparkasse Kleve)
Vor den Auslagen des Lebens: Herbert Wetzels, leicht melancholisch dreinblickend (Foto © Sparkasse Kleve)
Am Freitag hat er seinen letzten Arbeitstag, und dann ist er einfach weg: Herbert Wetzels, Geschäftsführer des Kaufhofs Kleve, geht in den wohlverdienten Ruhestand. Große Worte wollte er zu seinem Abschied nicht, allerdings ist kleveblog der Ansicht, dass man den Geschäftsmann nicht grußlos ziehen lassen kann – denn in seinen 23 Jahren, in denen er für den Kaufhof in Kleve tätig war, gelang es ihm – wiewohl der lokale Chef einer nationalen Warenhauskette – gewissermaßen das Gesicht des Klever Einzelhandels zu werden.

Wetzels ist kein Gewächs Kleves und auch keines des Kaufhofs: Er, der stets seinen Wohnsitz in Mönchengladbach beibehielt, kam als Quereinsteiger 1990 vom Textilhändler Peek&Cloppenburg nach Kleve, wo er sofort die Leitung des Kaufhofs übernahm. Sein Faible für Herrenoberbekleidung sieht man ihm an, denn für Klever Verhältnisse ist der Mann stets einen Tacken zu gut gegkleidet, immer mit Krawatte und meist mit Einstecktuch. Es hatte beinahe patronhafte Züge, wenn Wetzels gegen ein Uhr zu seinem täglichen Rundgang um die Filiale ansetzte und zwischen Menschen in Jogginghosen und mit Bratwürsten die Dekorationen seiner Schaufenster inspizierte. Dann wirkte er wie ein Grandeigneur der Großen Straße, wie ein Überbleibsel aus einer glamourösen Zeit, als der Kaufhof noch „1000-fach alles unter einem Dach“ bot.

Arroganz lag und liegt Wetzels jedoch fern. Er hatte ein Herz für seine Kunden, und natürlich auch für seine Angestellten. Kürzlich feierte seine Verkäuferin Hedwig Offenberg ihre 50-jährige Betriebszugehörigkeit. Das muss man sich einmal vorstellen: 50 Jahre Kaufhof, ohne vorher irgendwann dem Jugendwahn geopfert worden zu sein! „Ich halte ein gutes Betriebsklima für das A und O. Nur wer zufrieden ist, fühlt sich wertgeschätzt“, sagte Wetzels anlässlich des Jubiläums.

12 Millionen Euro Umsatz macht der Kaufhof im Jahr, meine Erinnerung an den Laden setzt ein, als der Kaufhof noch eine Lebensmittelabteilung hatte, in der ich mit staunenden Kinderaugen die violett ausgeleuchteten Aquarien betrachtete, in denen zum Verzehr bestimmte Karpfen auf Kundschaft warteten. Die Erinnerung führt zum Restaurant, in dem ich unter Herzklopfen einen (wie mir damals schien) eleganten Aschenbecher stahl, um ihn meiner Freundin zu schenken. Und sie landet in der Spielwarenabteilung, deren subtile Anziehungskraft Erziehungsberechtigten den Verstand rauben kann.

Ein Menschenleben halt, auch das von Herbert Wetzels. Und so, wie der Konsument im Wechsel der Schaufensterdekorationen den Rhythmus des Lebens erkennt, so erkannte Wetzels in den Schwankungen des Konsums den Takt des Kapitalismus mit seinen Aufs und Abs, stets kulminierend im Weihnachtsgeschäft.

Das führte dazu, dass jeder Lokalredakteur Wetzels als Konjunkturorakel zu befragen hatte. Früher bis zu achtmal jährlich (Start und Ende Winter- und Sommerschlussverkauf, vier verkaufsoffene Samstage vor Weihnachten), heute seltener. Wetzels Antworten fielen stets so aus, wie er sich kleidete: gediegen-elegant.

Beispielsweise kommentierte er das Weihnachtsgeschäft 2012 mit den folgenden Worten: „Für uns beginnt der Weihnachtsverkauf schon im November – und der war noch einmal besser als im vorherigen Jahr. Ohne eine perfekte Logistik und engagierte Mitarbeiter würde alles zusammenbrechen.“ Das hat Regierungssprecherformat.

Wichtig auch stets der Hinweis, dass der Umsatz bei „Klassikern wie Schmuck, Parfüm und Spielwaren” nochmals habe gesteigert werden können. Nur ganz selten ließ er sich emotional hinreißen. Eine Äußerung wie „Toll, toll, toll!” zum Weihnachtsgeschäft 2008 war das höchste der Gefühle. Lieber blieb er im Geschäftsmäßigen, wie beispielsweise vor drei Jahren, als er sich über den das Geschäftsverlauf „ausgesprochen zufrieden” zeigte. „Wir haben sehr gute Umsätze”, sagte der Geschäftsführer, was daran lag, dass die Kunden in diesem Jahr überraschenderweise „neben Kinderspielzeug auch vermehrt Uhren, Parfüm und Schmuck” erwarben.

Mit dem Understatement, das seinem Berufsleben eigen war, wechselt Wetzels nun in eine neue Lebensphase, in der er sich bevorzugt in Nordfriesland herumtummeln möchte. St. Peter Ording, Sylt. Er hinterlässt seiner Nachfolgerin Natalie Pallapies (33), die (aus Witten kommend) am Montag, 1. Juli, ihren Dienst antritt, ein bestelltes Feld – und im Klever Handel eine Lücke, die nur schwer zu schließen sein wird.

Adieu, Herbert Wetzels!

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3 Kommentare

  1. 3

    @1 Rollmops

    …meins war orange und die Lenkerelemente waren so eingestellt, dass man fast auf dem Schaltgestänge sitzen musste.

    Obwohl es damals nur drei Etagen im Kaufhof waren, gab es für einen kleinen Knirps jede Menge zu erkunden, während Mutti den Einkauf erledigte.

    …und das Sortiment !!!

     
  2. 2

    Wie sieht eigentlich die Zukunft der Immobilie „Kaufhof“ bzw. des Kaufhofs aus, z.B. in den kommenden 10 Jahren. Ich sehe hier große Veränderungen auf die Stadt zukommen, oder täuscht mich mein Instinkt?

     
  3. 1

    Die Aquarien kenne ich auch noch.Im Kaufhof habe ich mein erstes Fahrrad,eine himmelblaue Bonazafiets mit Dreigangschaltung, bekommen.Durfte ich selber aussuchen..:)