Wilfried Szubries, 1934-2017

rd | 03. Januar 2018, 17:19 | 2 Kommentare
Timpe (W. Szubries) schafft Ordnung – per Telefon mit Wählscheibe (Screenshot aus dem Film „Smog“)

Timpe (W. Szubries) schafft Ordnung – per Telefon mit Wählscheibe (Screenshot aus dem Film „Smog“)

(Dieser Text ist auch erschienen in der neuen Ausgabe des Magazins Der KLEVER) Am Ende bleibt das Wort. Im Fall von Wilfried Szubries vielleicht das Wort in Gestalt von Gedichten, die er noch wenige Tage vor seinem Tod seinen Zimmergenossen und Besuchern im Krankenhaus vorgetragen hat, um sie zu unterhalten und möglicherweise von der eigenen Malaise abzulenken. Vielleicht das Wort in Gestalt von zwanzigtausend Büchern und unzähligen Rezitationsprogrammen, die er in seiner eigenen Bibliothek gesammelt hatte und die nun Zeugnis eines Lebens sind, das so eng wie kaum ein anderes mit der Sprache verwoben war.

In einem früheren Leben war Szubries Schauspieler, er trat auf in Nebenrollen in der Comedy-Serie „Ein Herz und eine Seele“ und in dem Siebziger-Jahre-Umweltdrama „Smog“. Es hätte mehr kommen können, doch eine Einladung der Paramount-Studios unter der Leitung Volker Schlöndorffs sagte Szubries ab. Der Sohn eines Bergarbeiters hatte schlicht und einfach kein Interesse an der Unterhaltungsindustrie und Glitzerwelt Hollywoods.

Szubries wurde als Sohn eines ostpreußischen Einwanderers in Duisburg-Hamborn geboren und wuchs als drittes von vier Kindern in einer Arbeiterkolonie auf. Die Integration damals gelang, einigen Bildungsprogrammen ist es zu verdanken. Szubries beteiligte sich an kulturpolitischen Angeboten, er bildete sich musikalisch, theologisch, philosophisch, er besuchte gute Schulen mit inspirierenden Lehrern. In keiner anderen Zeit und Region Deutschlands erfuhren Jugendliche mit Migrationshintergrund so viel Entwicklung.

In der Zeit nach dem Faschismus in Deutschland lernte Szubries Theologen wie Rudolf Bultmann und Ernst Käsemann kennen – auch sie waren für ihn ein Brunnen der Erkenntnis. Der Thematik des christliche Glaubens blieb er zeitlebens treu, dem Dogma der christlichen Kirche nicht. Von der Beschäftigung damit zeugen unzählige Collagen aus Bibelzitaten im Rahmen von Kreuzgängen und Passionswegen, unter anderem auch in der Klever Stiftskirche vorgetragen zu opulenten Orgelklängen nach Kompositionen von Marcel Dupré. Auch Projekte zu „Jazz und Bibel“ unterstützte Szubries als Sprecher.

Es galt das gesprochene Wort

Als Rezitator feierte er auf den Bühnen große Erfolge, es gab Programme zu den verschiedenen Jahreszeiten, zu Wein, Rosen und Bäumen, zu Liebe, Trauer und Tod, und vielem mehr. Zum offiziellen Abschluss seiner Bühnenkarriere ermöglichte die Stadt Kleve Wilfried Szubries, damals 65 Jahre alt, 1999 noch einmal, in der Stadthalle mit seinem beeindruckenden Fontane-Programm aufzutreten. 90 Minuten Soloprogramm, ausverkauft, mit musikalischer Begleitung durch Friedhelm Olfen. Sprechen kann auch Musizieren sein.

Zur Beerdigungsfeier schrieb ein Freund an Szubries’ Kinder: „Wie oft haben wir über die Partitur (!) von Gedichten gesprochen, über den Zusammenhang von Metrik, Form und Gehalt. Manchmal an scheinbar einfachen Gedichten, etwa an Ginzkeys ‚Augustin‘: wie die Metrik plötzlich ein Loch in ihrem Dreiertakt (Walzer) bekommt, in das der Musikant dann hineinfällt.“

Das war Wilfried Szubries Leidenschaft: das Ergründen der inneren Struktur von Gedichten, um sie nicht nur beim stillen Lesen, sondern auch im Vortrag in ihrer ganzen Schönheit zu erfassen. An der Musikhochschule in Münster unterrichtete er Sprecherziehung und beeindruckte im Vorstellungsgespräch das Kuratorium mit der entwaffnenden Erkenntnis, er habe selbst nach einem Vierteljahrhundert intensiver Beschäftigung mit der Sprache mehr Fragen als Antworten. Es erscheine ihm, als wüchsen mit den zunehmenden Erkenntnissen und Einsichten zum Thema zugleich auch unaufhaltsam die Schatten des Unwissens und des Verborgenen. „Ich brauche drei Leben, mindestens drei, um mit meinen Gedichten fertig zu werden“, sagte er mehr als einmal.

Man hat nur eines, und das ist nun vorbei. Schon vor einigen Wochen, am 15. Oktober, starb Wilfried Szubries nach kurzer Krankheit, die Öffentlichkeit nahm von seinem Tod kaum Notiz. Szubries hinterlässt Frau, zwei Kinder und drei Enkelkinder.

Der Satz, der sich Leben nennt, ist zu Ende. Stille.

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“ (Fontane)

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2 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 2. Rüdiger Weizenkeim

    Habe ihn erstmals Mitte der 80er in einem Kindergarten-Gottesdienst in der Unterstadt-Kirche erlebt. Ich war sehr beeindruckt. Er erinnerte mich immer ein wenig an Helmut Fischer („Monaco-Franze“). Ein sehr sympathischer, bescheidener Mensch mit enormen Wissen und Talent – findet man heute nicht mehr so oft.

     
  2. 1. Wolfgang Look

    Ich kenne ihn von seinen Lesungen im Turm in der Schwanenburg. Mich hat er insb. dafür sensibilisiert, wie groß der Unterschied zwischen der Fähigkeit Texte, insb. Gedichte, zu schreiben und sie vorzutragen ist. Außerdem hat er den Sinn für Betonung, Intonation, Schönklang, Rhythmus und Kommunikation mit dem Publikum statt autistisch-esoterischer Vertiefung, geschärft. Ganz früher war Dichtung immer Gesang, dieses Prinzip hat er in die Gegenwart getragen und verkörpert und wurde dadurch wie ein poetisch-musikalischer Elfenbeinturm und vielleicht auch Fremdkörper in einer nüchternen Welt.