Ein eigener Kopf

rd | 17. Oktober 2015, 08:45 | 3 Kommentare
Wacher Blick, eigener Kopf: Katharina von Kleve

Wacher Blick, eigener Kopf: Katharina von Kleve

(Beitrag für die NRZ-Serie Klever Köpfe) Unter den vielen Beziehungsmodellen, die das Paarleben in der Neuzeit erträglich machen sollen, heißt eines abgekürzt „LAT“. Die Buchstaben stehen für eine englische Wendung, die da heißt: „Living apart together“, getrennt zusammenleben also. Bei genauerer Betrachtung findet sich dieses Modell allerdings auch schon bei einer Beziehung im ausgehenden Mittelalter, und zwar bei der Ehe der Fürstentochter Katharina von Kleve mit Arnold von Egmond, Herzog von Geldern und Graf von Zutphen.

Katharina von Kleve, am 25. Mai 1417 auf der Schwanenburg als Tochter von Herzog Adolf II. von Kleve und Maria von Burgund geboren, war gerade einmal sieben Jahre alt, als sie aus politischen Erwägungen mit Arnold von Egmond verlobt wurde. Die Ehe wurde geschlossen, als Katharina 13 war, und in den folgenden neun Jahren tat sie der damaligen Pflicht genüge und gebar ihrem Mann sechs Kinder, von denen allerdings zwei früh starben.

Die Ehe verlief unglücklich, wohl nicht nur wegen der Standesunterschiede und unterschiedlicher machtpolitischer Interessen. Katharina entstammte einem alten deutschen Fürstengeschlecht, während ihr Gatte ein gewöhnlicher holländischer Edelmann war, der finanziell von den geldrischen Fürsten abhängig war. Aufgrund der engen Verwandtschaft war Katharina Burgund gewogen, Arnold dagegen überhaupt nicht. Zudem bestimmten Überfälle, Plünderungen und Entführungen das öffentliche Leben im Herzogtum – anarchische Zustände, die Arnold billigte und die Katharina missfielen.

Um das Jahr 1440 herum fällte Katharina den für damalige Zeiten von einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein zeugenden Entschluss, ihrem Mann großräumig aus dem Wege zu gehen.

In Nimwegen oder in Lobith, zur damaligen Zeit durchaus eine Tagesreise von der Residenz in Geldern entfernt, begründete die Klever Fürstentochter einen eigenen Hof – um ihr Wohlergehen kümmerten sich rund fünfzig Zofen, Diener und andere Hilfskräfte. In diesen Jahren entwickelte sie eine außerordentliche Leidenschaft als Kunstmäzenin, der wir heute das weltberühmte „Stundenbuch der Katharina von Kleve“, eine Art Gebetbuch, zu verdanken haben.

Das von ihr gesponserte Werk mit seinen 157 Miniaturen stammt von einem unbekannten Meister und ist heute im Besitz der New Yorker Morgan Library & Museum. 2009 war es im Nimwegen Museum Het Valkhof ausgestellt – wodurch es nach allerlei Irrungen und Wirrungen der Geschichte kurzzeitig wieder genau dort war, wo es mehr als fünf Jahrhunderte zuvor genutzt wurde, um die Übersicht über die täglich zu verrichtenden Gebete zu behalten.

„Es ist die schönste und wertvollste Handschrift, die jemals in Nordwesteuropa erstellt worden ist“, so Ruud Priem, Konservator für alte Kunst im Valkhofmuseum. Für den Klever Museumsdirektor Prof. Harald Kunde ist das Werk „ein Reichtum, der in der Region seinesgleichen sucht“.

Das Buch zeigt auch, dass der selbstbewussten Frau aus dem ausgehenden Mittelalter Standesbewusstsein nicht fremd war. Gleich auf der ersten Tafel hat sie sich mit abbilden lassen. Die Fürstin ist mit einem prächtigen Hermelinmantel bekleidet. Ihre Reisen unternahm sie in einer goldenen Kutsche.

Bei allem Mäzenatentum ließ sie die Politik allerdings nicht links liegen. Als ihr Mann 1449/50 eine Pilgerreise nach Rom und Jerusalem unternahm, führte Katharina die Regierungsgeschäfte und versuchte später ihren Sohn Adolf als Machthaber zu installieren. 1465 war soweit: Adolf ließ seinen Vater und Katharinas Mann auf Schloss Bühren gefangen nehmen. Arnold kam erst sieben Jahre später wieder frei, als er sein Herzogtum verpfändete.

Katharina lebte seitdem zurückgezogen in Lobith. Den Tod ihres Mannes 1473 nahm sie nachrichtlich zur Kenntnis. Als sie sechs Jahre später starb, 1479, wurde sie neben ihrem Vater, Adolf II., im Kartäuserkloster bei Wesel beigesetzt.

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3 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 3. rd

    @Wolfgang Look Bei mir zu Hause.

     
  2. 2. wolfgang Look

    Wenn ich recht verstehe, befindet sich das Stundenbuch wieder in New York. Gibt es denn eine Möglichkeit einen Druck oder eine elektronische Fassung /Ausstellungskatalog o.a. noch irgendwo einzusehen. Der dt. Buchhandel führt es wohl nicht mehr? Würde mich nämlich interessieren.

     
  3. 1. Markus van Appeldorn

    Schön, Ralf. Was Du aber gar nicht erwähnt hast – und hier wird’s für Barbara Hendricks interessant, sollte sie mal auf ihren österreichischen Amtskollegen treffen: Katharina von Kleve ist auch die Ur-Großmutter des Erzhauses Habsburg-Lothringen. Ihre Enkelin heiratete nämlich einst den Chef de Lorraine. Aus dieser Verbindung stammte in direkter Linie Stephan von Lothringen ab, Römisch Deutscher Kaiser und Gatte der berühmten Maria Theresia, Chefin des damals im Mannesstamme ausgestorbenen Hauses Habsburg. So gesehen war etwa Kaiser Franz Joseph I. (der von Sissi) ein Klever.