Von Pilsen nach Bedburg-Hau, von der ČSSR zum LVR: Dr. Brill geht in den Ruhestand

Andreas Daams | 15. Juni 2016, 18:00 | keine Kommentare
Marie Brill: Abschied nach einem Jahrzehnt (Foto: Andreas Daams)

Marie Brill: Abschied nach einem Jahrzehnt (Foto: Andreas Daams)

(Aktualisiert, jetzt mit Bildern der Verabschiedung) Gibt es ein schöneres Lob? „Sie haben mir gut getan“, hat ein Patient auf eine Karte geschrieben. Die Adressatin: Dr. Marie Brill, Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Bedburg-Hau. Das ist sie seit 2006, zweimal wurde sie wiedergewählt. Damals war sie die erste Direktorin einer LVR-Klinik überhaupt. Heute wird sie in den Ruhestand verabschiedet.

Ein Blick zurück. Als Marie Brill 1984 als Ärztin an der LVR-Klinik anfing, hatte sie ein Medizinstudium hinter sich, reichlich Erfahrung, außerdem war sie Mutter zweier junger Kinder. Und: Sie war Flüchtling. Geboren und aufgewachsen in der damaligen Tschechoslowakei, entschied sie sich mit ihrer Familie 1983 zur Flucht nach Deutschland. Der Grund war nicht ihre berufliche Situation im Pilsener Universitätskrankenhaus. Im Gegenteil: „Dort habe ich keinen Einfluss der Partei erlebt, wir waren sogar sehr fortschrittlich und hatten sogar Sozialarbeiter und Kreativtherapeuten“, erinnert sie sich. Aber das politische System und die Angst vor der Geheimpolizei ließen sie diesen schweren Schritt tun. Bereut hat sie ihn nie. Auch ihre beiden Kinder, damals noch im Baby- und Kleinkindalter, sind heute stolz auf ihre Mutter.

Das können sie natürlich auch in Bezug auf ihre berufliche Leistung sein. Ein Flüchtling aus dem damaligen Ostblock erhielt damals schnell Asyl und sofort einen Sprachkurs. So konnte Marie Brill bereits nach wenigen Monaten das erste Arbeitsangebot annehmen. Und das kam aus Bedburg-Hau. „Eigentlich wollte ich nur drei Jahre bleiben, schließlich kam ich aus einer Großstadt“, lacht sie. Aber dann verliebte sie sich in die Landschaft, die Kinder wuchsen in der ruhigen Klever Atmosphäre auf, und in der Klinik ging es ebenfalls vorwärts. 1991 wurde sie Chefärztin der Abteilung Allgemeine Psychiatrie I, ein Jahr später Stellvertreterin des Ärztlichen Direktors.

Veränderungen in der Betreuung

Vergleicht man die Klinik heute mit der von 1984, könnten die Unterschiede größer nicht sein. Damals gab es noch Schlafsäle für 70 Patienten, viele blieben jahrelang in der Klinik. Heute gibt es nur noch Ein- und Zweibettzimmer, und ein riesiges Netzwerk kümmert sich um Wohnen und Betreuung inmitten der Gesellschaft. Gab es 1984 eine Ambulanz der Klinik mit 80 Patienten im Quartal, versorgen die heute sieben zum Teil dezentralen Ambulanzen 6500 Patienten im Quartal.

Eine zusätzliche in Emmerich ist in Planung. „Heute können wir 90 Prozent der Krankheiten soweit zurückdrängen, dass die Patienten ganz ohne Hilfe oder mit Unterstützung draußen leben können“, erläutert Marie Brill. Eine viel differenziertere Diagnostik, vielfältige Therapien und bessere Medikamente machen es möglich.

Natürlich hat sich auch die Gesellschaft geändert. Psychische Erkrankungen sind kein Tabu mehr, sondern können unter Umständen jeden treffen. Marie Brill lobt in diesem Zusammenhang die Politik: „Ich hatte das Gefühl, dass durch die politische Steuerung des LVR viele Projekte angestoßen wurden, die die Situation der psychisch Kranken deutlich verbessert haben.“ Erst gerade hat sie ein Projekt erfolgreich abgeschlossen, in dem ehemalige Patienten als Genesungsbegleiter heutige Patienten motivieren und stärken. Sie hofft, dass das neue geplante Entgeltsystem dem Personal weiterhin genügend Zeit für die Patienten lässt. Denn: „Zeit für die Patienten kann man nicht genug haben.“ Die danken es. Manchmal sogar mit einer netten Karte zum Abschied.

Freute sich mit ihren Gästen über die gelungene Verabschiedung im Gesellschaftshaus: v.l.n.r.: Peter Hohl, Peter Brill, Dr. Marie Brill, Martina Wenzel-Jankowski, Peter Driessen

Freute sich mit ihren Gästen über die gelungene Verabschiedung im Gesellschaftshaus: v.l.n.r.: Peter Hohl, Peter Brill, Dr. Marie Brill, Martina Wenzel-Jankowski, Peter Driessen

Alle wollten „Tschüss“ sagen(v.l.n.r.: Martina Wenzel-Jankowski (LVR-Dezernentin Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Hilfen), Peter Hohl (Vorsitzender Krankenhausausschuss 4), Dr. Marie Brill (Ärztliche Direktorin LVR-Klinik Bedburg-Hau), Christa Kreuzhof (ehemalige Pflegedirektorin LVR-Klinik Bedburg-Hau), Beate Ernesti (stellv. Personalratsvorsitzende LVR-Klinik Bedburg-Hau), Peter Brill (Ehemann der Ärztlichen Direktorin), Peter Driessen (Bürgermeister der Gemeinde Bedburg-Hau), Dr. Alexander Eckert (ehemaliger Ärztlicher Direktor der LVR-Klinik Bedburg-Hau)

Alle wollten „Tschüss“ sagen(v.l.n.r.: Martina Wenzel-Jankowski (LVR-Dezernentin Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Hilfen), Peter Hohl (Vorsitzender Krankenhausausschuss 4), Dr. Marie Brill (Ärztliche Direktorin LVR-Klinik Bedburg-Hau), Christa Kreuzhof (ehemalige Pflegedirektorin LVR-Klinik Bedburg-Hau), Beate Ernesti (stellv. Personalratsvorsitzende LVR-Klinik Bedburg-Hau), Peter Brill (Ehemann der Ärztlichen Direktorin), Peter Driessen (Bürgermeister der Gemeinde Bedburg-Hau), Dr. Alexander Eckert (ehemaliger Ärztlicher Direktor der LVR-Klinik Bedburg-Hau)

(Dieser Text von Andreas Daams ist auch in der NRZ erschienen („Ich wollte nur drei Jahre bleiben“) und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.)

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