Theo Brauer – die Bilanz nach elf Jahren und acht Tagen

rd | 20. Oktober 2015, 09:40 | 15 Kommentare

Bürgermeister Brauer: Jovialer Kümmerer (im Hintergrund Unternehmer Bernd Zevens)

Bürgermeister Brauer: Jovialer Kümmerer (im Hintergrund Unternehmer Bernd Zevens)


Wenn Theo Brauer heute nach elf Jahren und acht Tagen und einer gefühlten Ewigkeit aus dem Bürgermeisteramt scheidet, geschieht dies mit einer Prachtentfaltung, die an Triumphzüge aus der Antike erinnert und für die es in der deutschen Nachkriegsgeschichte kein Vorbild gibt. Zapfenstreiche hat schon mal gegeben, Umzüge nicht. Aber genau dieser Umzug, der um 18 Uhr am Marktplatz Linde beginnen wird und der ihn eine Dreiviertelstunde durch die Stadt bis zur Hochschule führen wird, ist der gewissermaßen folgerichtige Kulminationspunkt seiner zwei Amtszeiten. Er sei ihm deshalb von Herzen gegönnt.

Theo Brauer, 66, sah sich nicht einfach nur als Bürgermeister, dem der Souverän, das Volk, ein wenig Macht auf Zeit verliehen hat. Er hat sich selbst wahrgenommen als „Pater familias“ dieser Stadt, als großen Kümmerer und Heger. Und die Stadt, das waren für ihn die Menschen in ihren Vereinen. Den Schützenvereinen, den Sportvereinen und den Karnevalsgesellschaften. Er duzte alle, und er schwadronierte gerne. Unvergessen der Augenblick, als er inmitten der großen Aufstiegsfeier des 1. FC Kleve in einer Zeitungsredaktion anrief und ebenso sieges- wie freudetrunken das historisch bedeutsame Detail durchgab, er habe das Bier in den Schuhen stehen. Später kühlte die Liebe etwas ab.

Wenn Brauer heute durch die Stadt zieht, laufen in seinem Gefolge 31 Abteilungen. Die Schützenvereine, denen er zum Kirmesauftakt den prunkvollen Umzug durch die Stadt schenkte, der jetzt offenbar das Vorbild geworden ist für seine eigene Verabschiedung. Die Musikzüge, die sicherlich die eine oder andere Fanfare zu Ehren des „Meisterbürgers“ (Rheinische Post) spielen werden. Und die Karnevalsvereine, allen voran die Schwanenfunker, zu deren Mitgliedern auch Udo Janssen zählt, der so gerne der Nachfolger von Theo Brauer geworden wäre und dem der Wähler einen Strich durch die Rechnung machte. Wird Udo Janssen in der siebten Abteilung mit Narrenkappe mitmarschieren, während seine siegreiche Gegenkandidatin, die zukünftige Bürgermeisterin Sonja Northing, fünfzig oder hundert Meter vor ihm an der Seite von Theo Brauer die Stadt hinabläuft?

Der Umzug ist aber nicht nur der Mikrokosmos einer Gesellschaft, die womöglich so nur noch in der Fantasie älterer Männer existiert, er bezeugt auch final, wie getrieben der scheidende Amtsinhaber davon war, dass sich seine eigene (zweifelsohne vorhandene) Größe auch in der Außenwelt spiegeln muss. Dazu sollte man wissen, dass auch eine frühere Amtszeit von Theo Brauer mit einem großen Festumzug endete – die von „Theo dem Feurigen“, dem Klever Karnevalsprinzen der Session 1978/79.

In der ebenfalls zum großen Auftritt neigenden, nun aber abgewählten Hochschulpräsidentin Professor Dr. Marie-Louise Klotz hatte der Bürgermeister eine kongeniale Partnerin für diese Art der überbordenden Präsentation gefunden, an dessen Ende womöglich tatsächlich einige Menschen der Ansicht waren, die kleine Kreisstadt im Westen der Republik sei der Nabel der Welt. Genährt wurde diese Illusion bei den handelnden Personen natürlich noch durch die Besuche des Bundespräsidenten Joachim Gauck und der Kanzlerin Angela Merkel. Beide sehen Kleve seitdem mit anderen Augen. Falls sie es nicht mit Walsrode verwechseln.

Theo Brauer hat Verdienste, das ist unbestritten. Er hat eine Umgehungsstraße gebaut, er hat den City-Train geschaffen, er hat die Schullandschaft umgekrempelt, er hat die Bürgerbeteiligung vorangetrieben, er hat die Hochschule in die Stadt geholt, er hat das Parkleitsystem ersonnen. Und nicht zu vergessen der Pleustophytenkreuzer, der den Spoykanal von unerwünschten Wasserpflanzen befreit!

Durch ihn und mit ihm und in ihm.

Doch betrachtet man die Liste etwas näher, wird deutlich, dass Brauer in dem einen oder anderen Fall zwar tatsächlich Dinge vorangetrieben hat – dass die entscheidenden Impulse aber von ganz anderer Seite kamen. Die Hochschule war eine anfangs belächelte Idee von einigen weitsichtigen Menschen, die sich vor zehn Jahren zum Verein Campus Cleve zusammengeschlossen hatten. Auch die FDP spielt eine entscheidende Rolle – in Düsseldorf.

Aber Kleve erkannte die Chance, ergriff sie, und so konnte Theo Brauer zur Eröffnung des Weihnachtsmarkts 2008 im Forstgarten die Nachricht vom Zuschlag in gewohnt dröhnender Rhetorik verkünden: „Kleve bekommt eine Fachhochschule. Eine neue Zeitrechnung ist angebrochen. Freue dich, oh freue dich, Kleve.“ Danach sang ein Kinderchor „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Beim Umkrempeln der Schullandschaft war es zumindest anfangs so, dass die Verantwortlichen zum Jagen getragen werden mussten. Als aber die Stadtspitze das Ausmaß der Verunsicherung bei den Bürgern tatsächlich zur Kenntnis genommen hatte, packte sie die Dinge in der Tat beherzt an, und so bekam Kleve tatsächlich plötzlich eine Gesamtschule. Der Bürgermeister hatte die Stimmung erkannt und sich mit einem Male an der Spitze der Bewegung gestellt. Allerdings ist der Wandel immer noch nicht abgeschlossen, die Nachfolgerin wird noch einige Millionen-Baustellen vorfinden.

Ein Projekt, dass Theo Brauer höchstpersönlich angestoßen hatte, endete hingegen als völliges Fiasko – das Minoritenplatz-Verfahren. Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Dem bekennenden Kurzschläfer, der stets sein unermüdliches Arbeitspensum betonte („24 Stunden plus X“), war die nächtliche Vision erschienen, die Bürger beim Neubau des maroden Rathauses und bei der Neugestaltung der als Parkplatz genutzten Minoritenplatz-Brache im Herzen der Stadt mitreden zu lassen. An sich eine gute Idee, doch die Umsetzung war eine einzige Katastrophe. Am Ende stimmten die Bürger über Vorschläge ab, die sich als irreal herausstellen.

Das Rathaus, das im offiziellen Sprachgebrauch einer „Kernsanierung“ (Willibrord Haas) unterzogen wird, sollte erst von einem Unternehmen aus Bocholt gebaut werden. Allerdings stellte sich heraus, dass die Ausschreibung fehlerhaft war. Bei der neuen Ausschreibung bekam der Klever Unternehmer Erich Tönnissen den Zuschlag. Das Gebäude wird nun deutlich teurer und ein Jahr später fertig als geplant – eine Verzögerung, die nicht das Bauunternehmen zu verschulden hat.

Für den Minoritenplatz zauberte Theo Brauer nach einem dieser merkwürdigen Besuche auf der Münchner Immobilienmesse EXPO Real den Investor Sontowski aus dem Hut, der den beteiligten Bürgern mit einem Modell zeigte, dass alles, was diese vorher engagiert besprochen und geplant hatten, auf dem Altar des Kommerzes geopfert werden sollte. Wäre es nach dem Willen von Theo Brauer gegangen, stünden heute an der Hafenstraße zehn Meter hohe Gabionenwände, so wie man sie von Lärmschutzwänden an holländischen Autobahnen kennt, als Rückseite eines Einkaufszentrums. Das will heute aber keiner mehr wissen.

Der Entwurf der Investoren aus Erlangen war so absurd, dass die Bürger des Meisterbürgers aufbegehrten und eine Bürgerinitiative formierten. Der „Denkpause“ gelang es, das irreguläre Projekt nach einem einjährigen Kampf zu beerdigen – der Rat stimmte einstimmig (!) gegen die Pläne des Investors. Das Wirken der Bürgerinitiative war auch ein Sargnagel für das schlechte Abschneiden der CDU bei der Kommunalwahl 2014. Das führte dann geradewegs in das Desaster der Christdemokraten bei der Bürgermeisterwahl am 13. September 2015. Die 23 Prozent für Udo Janssen – so gesehen, sind sie auch eine Spätfolge der erratischen Minoritenplatz-Idee des Bürgermeisters.

Auf der Habenseite von Theo Brauer steht auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit den Grünen. Es gelang ihm mit seiner gewinnenden Art, das für solche Zärtlichkeiten empfängliche Führungspersonal der Umweltpartei zu umschmeicheln und für die Idee zu begeistern, im Rat gemeinsame Sache zu machen. Das funktionierte nach Ansicht der Beteiligten sehr gut, sie kamen sich auch menschlich näher, doch der Wähler goutierte die Verbindung nicht. Den Preis zahlten die Grünen, die sich auch noch zur Bürgermeisterwahl als eine tief gespaltene Partei präsentierten. Zu den ersten, die der Wahlsiegerin Sonja Northing gratulierten, zählte Paula Backhaus, die amtierende Vorsitzende der Klever Grünen.

Wenn heute also 600 Feuerwehrleute, Schützenbrüder und Narren im Gefolge des Bürgermeisters die Stadt hinabziehen und womöglich Tausende den Weg säumen, so sei es den Beteiligten von Herzen gegönnt, denn es entspricht dem, wie Theo Brauer und seine Weggefährten für sich und die Stadt fühlen. Womöglich steht aber auch der eine oder die andere am Wegesrand und freut sich einfach, dass nun in Kleve Neues möglich ist.

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15 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 15. Klaus

    @14.

    The answer is blowin‘ in the wind.

    (frei nach Bob Dylan)

     
  2. 14. Klaus

    Wer hat eigentlich die Abschiedsveranstaltung für Brauer gestern in der Stadthalle mit 500 geladenen Gästen finanziert?

    Bin um Mitternacht dort vorbei gefahren und es war immer noch hell erleuchtet.

     
  3. 13. Günter Hoffmann

    …ääähm..mein Gott,……lasst IHN doch in Frieden ruhen…….natürlich dienstlich.

     
  4. 12. dagoberta

    😅😅😅👍👏👏👏👍😜😂

     
  5. 11. Müller

    Lieber Querulant,

    die Veranstaltungen zum Ende der Dienstzeit des Herrn Brauer sind doch peinlich (und überflüssig wie ein Kropf)!

    Herr Daute, gibt es irgendwo eine Live-Übertragung (N-tv, N24 oder ARD)?

     
  6. 10. Iwaw

    @rd

    Du hast den Nagel voll auf den Kopf getroffen. Besser geht es nicht. Die Projekte, die er sich auf die Fahne schreibt, haben andere angestoßen. Die Projekte, die er selber angestoßen hat, sind nun mal in den Sand gesetzt (Rathaus, Minoritenplatz u.a.)

    Sieht er selber nicht so, aber es ist so. Wenn er es selber so sehen würde, hätte er auf den eigenen Vorweihnachtszug verzichtet. Aber so ist er nun mal. Blenden und lächeln……

     
  7. 9. Bernd Derksen

    Werden die Rosen denn dem (Noch-CDU-? 😉 und Ex-SPD-Mitglied wieder so bemerkenswert „überreicht“ wie beim letzten beruflichen Abschied? 😉
    _____
    Genug lustig gemacht.

    Herr Brauer hat vielen Bürgern in direkten Begegnungen das glaubwürdige Gefühl vermittelt, sich für ihre Belange zu interessieren. Er hat eine bewundernswerte Art mit sehr unterschiedlichen Menschen auf Augenhöhe agieren zu können. Viele Menschen spüren zu lassen, dass der Bürgermeister sie und ihre Interessen sehr ernstnimmt und dafür mit hohem Zeiteinsatz sich aus vollster Überzeugung engagiert war eine große Stärke.
    Und wenn diese Menschen ihm ihre Dankbarkeit und Verbundenheit ausdrücken möchten, hat so ein „Miesmacher“ 😉 wie ich eigentlich kein Recht dazu, dies zu kritisieren.

    Und nun feiert schön das Ausscheiden aus dem Amt.

     
  8. 8. Bernd Derksen

    >für die es in der deutschen Nachkriegsgeschichte kein Vorbild gibt. Zapfenstreiche hat schon mal gegeben, Umzüge nicht. >

    Das ist auch mein Eindruck, wenn ich mich im Internet umschaue.

    Auch einzelne andere Bürgermeister werden mit einem Zapfenstreich verabschiedet.

    Aber kennt irgendjemand einen Bürgermeister in der (bundes)deutschen Geschichte, der sich mit einem derartigen Festumzug aus dem Amt verabschiedete?

    Wer hatte denn die Idee für ein derartiges, mich irgendwie eher an feudale Zeiten erinnerndenden, Abschluss der Amtszeit? Wollten die Vereine tatsächlich so „Ihrem“ Meisterbürger danken und einen „angemessenen“ Abschied bereiten?
    Und der musste dann zusagen, um „seinen“ Bürgern diesen Herzenswunsch nicht abzuschlagen?
    Oder war es gar seine Idee?

    Nun gut, jeder wie er mag. Und wenn Herr Brauer es so mag und viele Bürger mit ihm, dann ist das halt so…
    ______
    Um noch ein wenig weiter zurückzuschauen:
    Schützen- und Karnevalsvereine waren ja historisch in ihrer Entstehungszeit eher der Opposition bzw. Lächerlichmachung der Herrschenden, Fürsten etc., gewidmet. Versteht man sich heute etwa als das genaue Gegenteil? 😉

     
  9. 7. Querulant

    Wie verbittert (oder ist gar Neid) muss man eigentlich sein, um schlichtweg alles und jeden, der nicht dem eigenen Gusto entspricht, wieder und wieder mit hahnebüchenen Pseudotatsachen schlecht machen zu müssen? Eigentlich wollte ich mich aufregen, aber wahrscheinlich ist Mitleid angebrachter. Traurig, wahrlich nur traurig.

     
  10. 6. Johanna

    Gestern gab es die Abschiedsparty für die Mitarbeiter …… Sind sicherlich viele Tränen geflossen . Heute also Verabschiedung mit großem Zapfenstreich , steht dem BM von Kleve natürlich zu , denn wer in der Stadt den Bundespräsidenten und die Kanzlerin begrüßen konnte wird genauso verabschiedet wie irgendwann einmal diese Repräsentanten unseres Landes . ( Ironie aus )

     
  11. 5. Klaus

    @1 Lohengräm

    „Steht ja jedem frei am Umzug teilzunehmen. Und wenn die Vereine und Spielmannszüge das wollen, ist es eben so.“

    Eine Geste der Bescheidenheit hätte gereicht und die Vereine und Spielmannszüge hätten bestimmt einen anderen Rahmen gewählt. Aber sei’s drum, viel Spaß beim teilnehmen.

    PS
    Weiss jemand warum gestern ab 14.30 Uhr die Dienststellen der Stadtverwaltung Kleve, einschließlich des Bürgerbüros, der Bücherei und der Volkshochschule Kleve wegen einer betriebsinternen Veranstaltung geschlossen waren? War das auch schon eine Abschiedsparty? (http://www.kleve.de/de/aktuelles/dienststellen-geschlossen/)

     
  12. 4. Wolfgang

    Weiß jemand, wann man Herrn Otto in Goch bei seiner „Sänftenfahrt“ besichtigen kann? Immerhin stehen auch bei ihm 11 Jahre BM-Amt zu Buche. Oder ist der Kollege aus der Nachbarstadt nicht so extrovertiert und hält solch eine Selbstbeweihräucherung nicht für notwendig. Ich werde jedenfalls das Licht beim Vorbeizug ausschalten.

     
  13. 3. Lohengräm

    @1
    Verglichen mit dem wie Madame Bundes-Angie die Steuermittel rauswirft, die Privilegierten schützt und die Armen ausbeutet, verschwendet TB wohl recht wenig.

    Steht ja jedem frei am Umzug teilzunehmen. Und wenn die Vereine und Spielmannszüge das wollen, ist es eben so.

     
  14. 2. Lohengräm

    Umgehung?
    Ist die nicht noch von Josef Joeken eingetütet worden?
    Und war diese Verschandelung der Düffel ein „Verdienst“ ?

    Ausserdem @rd: Es muss heissen: „Freue dich, freue dich, OH Kleve.“

    Den Leukoplastbomber..äh kreuzer find ich auch gut. 🙂

     
  15. 1. Klaus

    Ich werde bestimmt nicht am Wegesrand stehen, um einen solchen Unsinn zu unterstützen, da ich um diese Zeit noch fleißig arbeite, um die Steuern zu erwirtschaften, die an anderer Stelle zum Fenster herausgeworfen werden. Was glaubt dieser Mensch eigentlich wer er ist?

    Ich hoffe aber inständig, dass sich eine Menge in Kleve zum Ehrlichen und Vernünftigen ändert. Noch habe ich aber keine große Hoffnung, da sich ja nur Brauer in den gut bezahlten Ruhestand verabschiedet. Am Rest ändert sich ja erstmal nichts.