Prostitution in Zeiten der Globalisierung, ein Geständnis in Kleve

rd | 13. Januar 2017, 20:31 | 8 Kommentare
Für diesen Blick aus dem Fenster der Schwanenburg auf das verschneite Kleve hatten die Angeklagten gestern nichts übrig

Für diesen Blick aus dem Fenster der Schwanenburg auf das verschneite Kleve hatten die Angeklagten gestern nichts übrig

Die Wahrheit ist ein Biber (kleveblog)

(Von unserem Gerichtskorrepondenten – überarbeitete Version) Man kann nicht sagen, dass er es nicht versucht hätte. Versucht, in einem anderen Leben Fuß zu fassen. Im Prozess um die so genannten „China-Bordelle“, von denen sich eines in einem Reihenhaus im Kranenburger Gewerbegebiet Hammereisen befand, ließ der Hauptangeklagte Zhiyuan Z. gestern von seiner Anwältin Sonka Meurs-Heurs eine Erklärung verlesen, in der er seinen Lebensweg schilderte – und letztlich die Verantwortung für den Betrieb von vier Bordellen gestand. Ein Durchbruch in dem Mammut-Prozess vor Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Christian Henckel, der schon seit Wochen dauert und dessen Ende nicht ansatzweise in Sicht ist.

Acht Verhandlungstage hatte Zhiyuan Z. geschwiegen und erleben müssen, was die Staatsanwaltschaft so alles an Belastungsmaterial zusammengetragen hatte. Sie wirft ihm in der vor dem Landgericht Kleve schon mehrfach durchverhandelten Kombination Steuerhinterziehung, Vorenthalten von Sozialversicherungsentgelten und Menschenhandel vor. Nun reagierte der 53 Jahre alte Rotlichtunternehmer. In der verlesenen Einlassung hieß es, seine Eltern, Lehrer, seien politisch verfolgt worden und bei einer Demonstration ums Leben gekommen. Er sei daraufhin bei einer Bauernfamilie unter einfachen Bedingungen aufgewachsen und habe als Kuh- und Schafhirte gearbeitet. Sein letzter Job in China habe ihm zehn Euro eingebracht – monatlich.

1992 gelangte er nach Deutschland, bis 2001 habe er als Koch in einem China-Restaurant gearbeitet. Das habe 2003 schließen müssen. 2004, nunmehr in Nürnberg, habe er erneut in einem China-Restaurant eine Stelle gefunden, doch dies sei ebenfalls geschlossen worden. In dieser Zeit habe er Kontakte zum Rotlichtmilieu geknüpft, zunächst als Kunde in einem „China-Bordell“, was ihm offenbar die Verdienstmöglichkeiten vor Augen führte. Dann kam die Wende vom Kunden zum Unternehmer, deren genaues Zustandekommen allerdings im Vagen blieb. Jedenfalls fuhr der Angeklagte nach Italien, um bei einem „Geschäftspartner“ 200.000 Euro in bar abzuholen – fürs neue Business.

2011 habe er in Essen selbst Räume für einen Club angemietet, in dem ein oder zwei „Mädchen“ für ihn tätig gewesen seien. Die Frauen waren aber laut der verlesenen Erklärung alle „schon älter“ gewesen, was dazu führte, dass das Sex-Geschäft nur schleppend anlief. 2013 und 2014 versuchte er sein Glück mit der Eröffnung weiterer Läden, die allerdings erst 2014 begannen, Gewinne abzuwerfen. 2014 habe er den Club in Kranenburg von holländischen Betreibern übernommen. Der Club in Hamm sei von seiner Frau betreut worden. Teils hätten die Mädchen wechselweise in verschiedenen Clubs gearbeitet. Seine bemerkenswerte Begründung: „Bei den Mädchen habe ich den Eindruck machen wollen, dass ich der große Mann bin“.

Nicht so groß allerdings, wie die Anklage unterstellt. Den Ausführungen von Z. zufolge war er nicht für die 24 in der Anklage genannten Betriebe verantwortlich, sondern „nur“ für vier. Zu den Geldtransfers ins Reich der Mitte – die für die Anklage ein Indiz dafür sind, wie erfolgreich das Geschäft in Deutschland tatsächlich lief, sagte Zhiyuan Z., dass er einmalig 60.000 Euro nach China auf das Konto seiner Mutter überwiesen habe. Mit den anderen Überweisungen, die Bestandteil der Anklage sind, habe er nichts zu tun. Diese seien nur für andere Chinesen gemacht worden, die selbst über kein Konto verfügten.

Rückblickend gab er an, dass er 2011, als er mit seinem ersten Geschäft begann, keinerlei Kenntnisse gehabt hätte, wie solch ein Geschäft geführt werde und welche steuerlichen Verpflichtungen damit verbunden seien. Er sei davon ausgegangen, dass die Frauen für ihre Steuern selbst verantwortlich seien. Man könnte es umschreiben mit: Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.

Als das Geschäft ab 2015 wirklich lukrativ wurde, habe er Geld für den Kauf des Hauses in Essen, in dem das dortige Etablissement ansässig war, zurückgelegt. In diesem Jahr habe auch Kontakt zu einem Steuerberater aufgenommen. Doch ausgerechnet an dem Tag, als der Kauf des Hauses in Essen getätigt werden sollte, wurde er von der Polizei festgenommen. Die Logik der Erklärung an diesem Punkt: Wäre ich nicht verhaftet worden, hätte ich die Sache mit den Steuern in Angriff nehmen können. Und alles wäre gut geworden.

Nun aber ist es ein Fall fürs Gericht.

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8 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 8. R K H

    Hallo, vor nicht allzu langer Zeit wurden in D. Steueroasen angeprangert. Das D. für internationale Geldanleger nicht uninteressant ist wurde nicht erwähnt

     
  2. 7. rd

    @ST Stiefmutter

     
  3. 6. Sven Timmermann

    „(…)seine Eltern, Lehrer, seien politisch verfolgt worden und bei einer Demonstration ums Leben gekommen(…)sagte Zhiyuan Z., dass er einmalig 60.000 Euro nach China auf das Konto seiner Mutter überwiesen habe.“#

    ???

     
  4. 5. kleinendonk

    wo ist denn jetzt die beste Adresse um seine Schwarzgelder loszuwerden -:) Von unserem Gerichtskorrepondenten der Früh-Zentrale

     
  5. 4. Günter Hoffmann

    Traurige Vita, aber sowas stimmt die Justiz gerne gnädig. Dann vom China-Cowboy zum gut betuchten deutschen Puff-Luden ist allerdings schon ein gepflegter weiterer Lebensweg, der den Kommentator nicht unberührt lässt. Wie sagte schon der weise Konfuzius; „Wenn ein Freund (hier Lude) von weit her kommt, ist das nicht auch ein Vergnügen?“

     
  6. 3. rd

    @pietje Ist korr. Thx.

     
  7. 2. pietje puh

    „unter einfachen Bedingungen saufgewachsen“

    Der arme Kerl 😉

     
  8. 1. Markus van Appeldorn

    Fül diesen Text gilt wiedel mal: Nix velstehen.