Schwanenturmuhr: Zeit abgelaufen

rd | 04. Februar 2018, 17:03 | 7 Kommentare
Time not my north side: Schwanenturm

Time not my north side: Schwanenturm

Für Menschen, die ohnehin den Eindruck haben, dass ihr Leben zu sehr von der Zeit diktiert wird, die fremdbestimmt von stundenlanger Gremiumssitzung zu stundenlanger Gremiumssitzung hetzen und oftmals nicht einmal die Zeit für einen enspannten Mittagsimbiss bei einer Flasche Rotwein finden, hält die Nordseite des Schwanenturms seit Freitag ein Mahnmal der Entschleunigung bereit – eine Uhr ohne Zeiger! Der Stundenzeiger war bekanntlich am 18. Januar dem Wüten des Wintersturms Friederike zum Opfer gefallen, doch der Minutenzeiger, ohnehin der dräuendere Taktgeber unseres ins Slots der Verfügbarkeit aufgeteilten Lebens, zog noch unbeirrt seine Bahnen. Nun wurde auch dieser Zeiger demontiert, um Platz zu machen für eine hoffentlich solidere Neukonstruktion. Das aber dauert – Zeit! Zeit, die aber nicht mehr angezeigt wird, die wir nur noch in unserem Inneren fühlen können, Lebenszeit, in den mitochondrischen Uhrwerken unserer Zellen angeknabbert von freien Radikalen, krk, krk, krk, krk…



Wok-Schock! Küchenfeuer vernichtet Vereinsrestaurant der Merkur-Basketballer

rd | 02. Februar 2018, 17:52 | 4 Kommentare
Zerstört! Die Küche von Lin's Wok – das Restaurant bleibt vorerst geschlossen

Zerstört! Die Küche von Lin’s Wok – das Restaurant bleibt vorerst geschlossen

„Einmal Klassik-Wok mit Rind und extra Chili und Knoblauch!“ – Das wird es vorerst nicht mehr geben.

Das Restaurant Lin’s Wok (mit Apostroph) erfreut sich bei vielen Klevern großer Beliebtheit, und für die Basketballer des VfL Merkur Kleve war der asiatische Gourmet-Tempel lange Jahre ein zweites Zuhause. Unzählige Siege wurden dort gefeiert, noch mehr Niederlagen – leider! – bei gebratenem Reis mit doppelt knusprigem Huhn betrauert. Die Deckel des zu den Speisen servierten köstlichen Tsintao-Bieres, dessen Entwicklung auf die deutsche Kolonialzeit in China zurückgeht, dienten den Spielern, um unverstandene Spielzüge auf dem Esstisch nachzustellen. Legendär auch die 4-Augen-Gespräche, die Coach Ralf Daute mit seinen Spielern auf dem großen roten Sofa führte. Meist ging es um komplizierte Vertragsdetails, oft waren die Summen bis zu zweistellig („Wenn du mir das Geld jetzt nicht sofort gibst, spielst du nächsten Sonntag nicht mit!“).

Doch die Mannschaftstreffen in dem Restaurant gehören bis auf weiteres der Vergangenheit an: Am Freitagmittag brach in der Küche von Lin’s Wok ein Feuer aus, das den gesamten Raum verwüstete und auch den Gastraum schwer in Mitleidenschaft zog. Eine Katastrophe!

Die Betreiberfamilie hatte sich selbst noch ein Mittagessen zubereitet und saß an einem der Restauranttische – im Glauben, dass der Herd abgeschaltet war. Das aber war er nicht, und binnen Minuten entwickelte sich ein Brand. Versuche, die Flammen mit einem Feuerlöscher einzudämmen, scheiterten. Erst der Feuerwehr gelang es, den Brand zu löschen. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden, allerdings ist an einen Betrieb des Restaurants vorerst nicht mehr zu denken.

Das Restaurant teilte auf seiner Facebook-Seite mit: „Leider gab es einen Unfall in unserem Lokal und deswegen haben wir zurzeit geschlossen, bis das Problem gelöst ist. Es tut uns aufrichtig leid, dass Sie heute nicht bei uns Essen können und wir bitten um ihr Verständnis. Wir versuchen schnellstmöglichst das Problem zu beheben.“

Wir drücken die Daumen, das dies gelingt!

Auch bei der Abschiedsfeier für Aron Coenen - das Trikot mit der Nr. 8 hängt heute unter dem Hallendach des Merkur-Domes – trafen sich die Spieler im Lin's Wok und heulten sich die Augen aus dem Kopf

Auch bei der Abschiedsfeier für Aron Coenen – das Trikot mit der Nr. 8 hängt heute unter dem Hallendach des Merkur-Domes – trafen sich die Spieler im Lin’s Wok und heulten sich die Augen aus dem Kopf



Der Gehenkelte

rd | 02. Februar 2018, 11:23 | 35 Kommentare
Wenn die Bleibe nur provisorisch ist, fällt der Abschied nicht so schwer: Jürgen Krawath vor seinem Wohnwagen in Porta Westfalica

Wenn die Bleibe nur provisorisch ist, fällt der Abschied nicht so schwer: Jürgen Krawath vor seinem Wohnwagen in Porta Westfalica

Jürgen Krawath verlor 2009 seinen Arbeitsplatz bei der „Organchemie“ an der Kalkarer Straße, weil der Henkel das Werk dichtmachte. Er wechselte nach Porta Westfalica in ein anderes Werk des Konzerns – dort erlebt er jetzt die nächste Schließung.

Es hätte definitiv schlimmer kommen können für Jürgen Krawath, das ist sicher. Er hat seine Arbeitsstelle verloren, seine Unterkunft wurde ein Raub der Flammen, und er wird demnächst erneut seine Arbeitsstelle verlieren, aber, das ist sicher: Es hätte schlimmer kommen können.

Krawath lebt wochentags in Porta Westfalica, 222 Kilometer von Kleve entfernt. Dort arbeitet er in einem Werk des Henkel-Konzerns, der 2016 in den drei Geschäftsfeldern Laundry & Home Care, Beauty Care und Adhesive Technologies 18,7 Milliarden Euro einnahm und 2,7 Milliarden Euro verdiente. Krawath gehört zum Bereich Adhesive Technologies, auf Deutsch würde man sagen, er stellt Klebstoffe her. Pritt und Pattex, das sind Klebstoffe von Henkel, die man kennt.

Vor Weihnachten war Krawath, wie alle anderen Mitarbeiter auch, zu einer Betriebsversammlung eingeladen worden. 50 der insgesamt 61 Kollegen versammelten sich in der Kantine, ein aus der Unternehmenszentrale in Düsseldorf angereister Manager schloss seinen Laptop an einen Beamer an und warf dann eine PowerPoint-Präsentation an die Wand des Raumes. Eine Folie hatte die Überschrift: „Geplante Schließung des Standortes Porta Westfalica“.

Grob gesagt, erklärte das Management, dass die Menschen heute weniger Briefe schreiben und mehr Pakete bei Amazon bestellen. Das heißt, es wird weniger Klebstoff benötigt für die Laschen von Briefumschlägen und mehr Klebstoff zum Versiegeln von Paketen.

Der wasserbasierte Klebstoff für die Briefe wird in Porta Westfalica hergestellt, der andere, er heißt im Fachausdruck Hot Melt, weil er kurz erhitzt werden muss, bevor er seine verbindende Wirkung entfaltet, wird nicht in Porta Westfalica hergestellt, und er kann dort auch nicht produziert werden, weil das beengte Werksgelände keine Erweiterung zulässt. Da kommt das Management schon mal auf die Idee, einen Standort zu schließen, das muss man verstehen.

Nach dem Ende der Präsentation kamen die Kollegen zu Krawath. Sie sagten: „So fühlt sich das also an!“ Es gibt keine Verwendung mehr für das, was man jahrelang gemacht hat. Es gibt keine Verwendung mehr für einen selbst. Außer, man nimmt eines der Angebote an, dass der Konzern für einen bereithält, zum Beispiel den Wechsel in ein anderes Werk. Henkel unterhält allein in Deutschland noch acht weitere Standorte.

Die Gesetze der Marktwirtschaft wollen, dass die Werktätigen solche Angebote annehmen. Dass sie den Ort, in dem sie womöglich Jahre lebten, in dem sie Freunde gewannen und eine Familie gründeten, hinter sich lassen und zu neuen Ufern aufbrechen. Die Kollegen kamen zu Krawath und fragten: „Wie ist das?“

Denn als Krawath die Präsentation über sich ergehen ließ, da hatte er, so sagt er, „ein Déjà-vu“. Er kannte das alles schon, er hatte alles schon mal mitgemacht – und zwar von knapp zehn Jahren in Kleve. Damals, als das Werk an der Kalkarer Straße geschlossen wurde, das jeder ältere Klever als „Organchemie“ kennt. Ende 2008 erhielten die Kollegen dort die Nachricht, dass das Werk geschlossen wird – exakt acht Monate, nachdem der Henkel-Konzern den Standort übernommen hatte.

Krawath weiß noch, wie das damals war, als die Manager aus Düsseldorf erstmals nach Kleve kamen, um die Übernahme zu verkünden. Einer aus der Gilde der Anzugträger sagte: „Lassen Sie uns gemeinsam etwas Großes schaffen!“ Damals überwog eine positive Grundstimmung, die meisten Kollegen dachten: „Das kann was werden.“

Nicht einmal ein Jahr später wurde der Stecker gezogen. Der Wagen des Managers, der die schlechte Nachricht überbringen sollte, stand mit laufendem Motor auf dem Firmengelände, allzeit bereit für einen hastigen Aufbruch. Sogar einen Arzt hatte das Unternehmen bestellt, für den Fall, dass einer der Mitarbeiter die schlechten Nachrichten nicht verkraftet. Und natürlich Security, für den Fall, dass die Stimmung kippt.

Krawath selbst war nicht vor Ort, er hatte Urlaub und erfuhr die Hiobsbotschaft am Telefon von einem Kollegen: „Die machen den Laden dicht.“ Krawath glaubte sich verhört zu haben. Hatte er nicht.

Als Krawath erfuhr, dass der Standort Kleve zu Gunsten des Standorts Porta Westfalica geschlossen werden sollte, schaute er sich das Werk an – auf Google Maps. Es hatte nur ein Drittel der Klever Größe, abgegrenzt durch einen Steilhang, eine Schnellstraße und eine Bahnlinie sowie ein Wohngebiet. Krawath: „Das Werk konnte überhaupt nicht wachsen. Wir haben das Management darauf hingewiesen, aber das war denen egal.“

In Kleve hingen im Werk Zettel mit Stellenangeboten aus. Für die anderen Klebstoff-Standorte des Konzerns, für Heidenau (bei Dresden), Bopfingen (bei Nördlingen) und eben Porta Westfalica. Dort gab es 20 freie Stellen. „Wie geht man damit um“, fragte sich Krawath. „Die Gedanken drehen sich im Kreis.“

Alles in Kleve aufgeben, auch die erst drei Jahre zuvor gekaufte Eigentumswohnung am Kermisdahl? Henkel bot Bustouren nach Porta Westfalica an, Krawath fuhr mit und besichtigte das Werk. „Es fühlte sich von vorne bis hinten falsch an“, sagt Krawath. Zumal bei einem Wechsel auch eine neue Gehaltseinstufung erfolgen sollte – nach unten, allerdings zunächst durch Ausgleichszahlungen abgefedert.

Schließlich fällte die Familie den Entschluss, dass nur Jürgen Krawath in den Osten Nordrhein-Westfalens zieht und dort nur eine provisorische Bleibe sucht. Frau und Sohn blieben in Kleve. Er fand einen Campingplatz in der Nähe des Werks, er besorgte sich einen Wohnwagen, die Kosten waren überschaubar. „Ab da ging es mir besser“, so Krawath.

Am 31. Oktober 2009 hörte er um sechs Uhr morgens auf in Kleve zu arbeiten. Ende der Nachtschicht, am Werkstor lagen sich die Kollegen noch kurz in den Armen, dann warfen sie ihre Zugangs-Chips in den Briefkasten, und das war für Krawath nach fast auf den Tag genau 28 Jahren das Ende des Kapitels Organchemie. Einen Tag später, am 1. November, feierte er seinen 49. Geburtstag. Am Nachmittag dieses Sonntags verabschiedete er sich von seinen Gästen und setzte sich in den Zug nach Porta Westfalica.

Krawath plante das Leben auf dem Campingplatz so, wie er sonst seine Radtouren plant. Fortan lebte er wochentags auf fünf Quadratmetern Wohnfläche, nach eigenen Vorstellungen umgebaut, plus Vorzelt. „Aus nichts was machen, das kann ich“, sagt Krawath.

Aber das gewohnte Leben war verschwunden. Die Mitgliedschaft im Kanuclub Kleverland – gekündigt, weil nutzlos. Die Radtouren am Sonntag mit Freunden – eingestellt, weil am Nachmittag die vierstündige Bahnfahrt nach Porta Westfalica ansteht. Die Beziehung zur Ehefrau – belastet, weil der Alltag fehlt. Ein Mobiltelefon ersetzt keine Nähe. „Ich hatte nie daran gedacht, eine Fernbeziehung zu führen“, sagt Krawath.

Zu diesen Belastungen kam noch ein anderer Schlag hinzu: Im vergangenen Jahr brannte der Wohnwagen aufgrund eines technischen Defekts ab, Krawath musste alles von Grund auf neu organisieren. Den Schaden übernahm die Versicherung nur zum Teil. Ein neuer Wohnwagen wurde gekauft, allerdings funktionierte dessen Heizung nicht sofort, so dass Krawath im Winter morgens bei 5 °C am Frühstückstisch saß.

Drei Tage nach dem Einzug in den neuen Wohnwagen kamen die Manager aus Düsseldorf nach Porta Westfalica und präsentierten die Schließungspläne. Krawath trug die Nachricht mit Fassung, denn er befindet sich seit zwölf Monaten in der so genannten aktiven Phase der Altersteilzeit. Das heißt: Zwischen Werksschließung und den Beginn der passiven Phase sind noch zwanzig Monate zu überbrücken. „Vielleicht kann ich irgendwas mit Heimarbeit machen“, sagt Krawath. „An einen neuen Standort möchte ich jedenfalls nicht mehr. Was das angeht, habe ich genug gelitten.“

Er ist 57 Jahre alt, seine Ehe hat die Belastungen überstanden, einen Brand überlebte er unversehrt, und er wird, wenn Porta Westfalica 2019 stillgelegt wird, zwei Werksschließungen hinter sich gebracht haben. Wenn Jürgen Krawath Porta Westfalica verlassen wird, hinterlässt er nur einen freien Stellplatz auf dem Campingplatz.

Es hätte, wie gesagt, schlimmer kommen können.

Jürgen Krawath in der Klever Fußgängerzone – dafür ist nur noch am Wochenende Zeit

Jürgen Krawath in der Klever Fußgängerzone – dafür ist nur noch am Wochenende Zeit


Du merkst, es geht zu Ende, wenn…

rd | 01. Februar 2018, 18:43 | 5 Kommentare
Höhepunkte der Produktfotografie: Walnüsse, sortiert in einer Plastikdose (Kodi)

Höhepunkte der Produktfotografie: Walnüsse, ordentlich gestapelt in einer Plastikdose (Idee: Kodi/Realisation: Kodi)

… du anfängst, den städtischen Müllkalender zu lesen.

… du um 8:29 Uhr nur noch 73 Prozent hast.

… du an der Fußgängerampel an der Rechtsabbiegerspur der Stechbahn anhältst, weil sie rot ist.

… du überlegst, Woolworth auf Facebook zu folgen.

… du darüber nachdenkst, wie es kann, dass Katzen so gerne Fisch essen, wenn sie doch kein Wasser mögen.

… du den Salat nur noch zur Dekoration des Kühlschranks kaufst.

… du Walnüsse in Plastikdosen ordentlich stapelst.