Resilienz am Beispiel Landwehr: 120 Verwarnungen, 25 Ordnungswidrigkeiten, 5 Führerscheine

rd | 10. April 2018, 14:17 | 14 Kommentare
Freundlicher Hinweis der Polizei gestern auf Twitter – für 145 Klever allerdings zu spät

Freundlicher Hinweis der Polizei gestern auf Twitter – für 145 Klever allerdings zu spät

Resilienz zählt zu den aktuellen Modewörtern, man könnte es als die verfeinerte Form der guten alten Widerspenstigkeit bezeichnen (zusätzliche semantische Anmerkungen am Ende des Textes). Eine gewisse Resilienz zeichnet auch den Autofahrer in Kleve aus. Im Grunde fährt er nicht nach dem Regelwerk, das aktuell existiert, sondern nach dem, was gestern noch galt.

Das zeigte sich in Gestalt mehrerer Unfälle, als die Ampelschaltung an der Kreuzung Landwehr/Klever Ring/Industriestraße nach dreißig Jahren geändert wurde. Und es zeigt sich jetzt ganz in der Nähe am ehemaligen Interimsrathaus, das nun Teile der Gesamtschule am Forstgarten beherbergt. Da dort tagtäglich fröhliche Schülermassen in beide Richtungen über die viel befahrene Straße Landwehr huschen, ist dort richtigerweise die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h herabgesetzt worden. Früher waren es 50 km/h.

Am Freitag vergangener Woche machte die Polizei, ausgerüstet mit Spezialgeräten zur Geschwindigkeitsbestimmung von Kraftfahrzeugen, die Probe, ob die Botschaft in den Gehirnen der Autofahrer angekommen ist. Die klare Antwort lautete: Nein!

Laut Polizei wurde von 11:00 Uhr bis 12:30 Uhr vor der Schule kontrolliert, laut der Redaktion vorliegenden Informationen brachen die Beamten das Messexperiment allerdings bereits nach einer halben Stunde ab – „weil sonst in Kleve bald keiner mehr Autofahren darf“.

Die Bilanz der Kontrolle waren 120 Verwarnungen, zudem mussten 25 Ordnungswidrigkeiten ausgesprochen werden. In fünf Fällen dürfen die Fahrzeughalter ihren Führerschein beim Straßenverkehrsamt deponieren, weil sie mindestens 26 km/h zu schnell gefahren waren.

Als Reaktion auf die Resilienz des Klever Autofahrers an sich postete die Polizei gestern auf Twitter einen freundlichen Hinweis auf die neue Regelung, und heute wies auch die Stadt Kleve in einer Pressemitteilung nochmals darauf hin, dass vor der Schule Autofahrer montags bis freitags von 7-17 Uhr mit höchstens 30 km/h unterwegs sein dürfen.

Fahren Sie bitte vorsichtig – immer!

Genau genommen, bezeichnet Resilienzdie psychische Widerstandsfähigkeit. Widerspenstigkeit ist hingegen Renitenz. Im amerikanischen Sportjournalismus ist die Wendung „a resilient team“ geläufig, es handelt sich um Mannschaften, die nicht kaputt zu kriegen sind. Ob das Verhalten des Klever Autofahrers nun eher resilient oder renitent ist, bleibt der Wertung des Lesers überlassen.



Puddingbande: „Ein gutes Leben führen, arbeiten gehen, irgendwas im Friseurbereich“

rd | 10. April 2018, 13:44 | keine Kommentare
Time not my north side: Schwanenturm

Rentner mit Pudding betäubt: Urteil in der Schwanenburg

„Suche liebe Frau mit Auto“. Diese Zeitungsannonce löste ein verbrecherisches Geschehen aus, das einige Zeit später mit der gierig hingeworfenen Frage „Haste? Haste?“ endete – damit wollte der im Auto wartende Komplize in Erfahrung bringen, ob seine Mittäterin das Geld hatte.

Das war ihr in der Tat gelungen, mit mehr als 12.000 Euro sowie tschechischen Kronen in bar und einer EC-Karte samt dazugehöriger Geheimzahl, mit der tags darauf weitere 2000 Euro abgehoben werden konnten, war der Raubzug von Denise L. aus Kleve bei dem 93 Jahre alten Rentner aus dem Emmericher Ortsteil Praest aus Sicht der Täter erst einmal ein voller Erfolg. Doch es dauerte nicht lange, bis die Polizei die Räuber ermitteln konnte.

An zwei Verhandlungstagen arbeitete die 2. große Strafkammer des Landgerichts Kleve unter Vorsitz von Richter Gerhard von Gemmeren das Verbrechen auf – am Montag fielen die Urteile gegen zwei der drei Mitglieder der Puddingbande.

Denise L., die Frau, die in der Wohnung das Geld einsammelte, wurde wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Elf Monate davon muss sie absitzen, danach wechselt sie in den Maßregelvollzug, um eine Drogentherapie zu beginnen, deren Aussichten der psychiatrische Sachverständige Dr. Jack Kreutz positiv beurteilte. Der zweite Täter, Peter B., ebenfalls drogenabhängig, muss für drei Jahre und drei Monate hinter Gittern.

Das Verfahren gegen die dritte Mittäterin wurde abgetrennt und wird voraussichtlich im November neu verhandelt, nachdem die Frau am Ende des vorletzten Verhandlungstags eine Panikattacke erlitten hatte und sich in ärztliche Behandlung begeben musste.

Das Geld war knapp bei allen drei Klevern, so dass die Idee, den alten Mann um seine Ersparnisse zu erleichtern, äußerst verlockend erschien. Doch die dritte Frau hatte das Vertrauen des Rentners aus Emmerich bereits verspielt, nachdem sie ihm einige hundert Euro für angebliche Autoreparaturen aus dem Kreuz geleiert hatte.

Also entwickelten sie und ihr Bekannter B. gemeinsam mit Denise L. einen perfiden Plan. Die dem Rentner bisher unbekannte Frau sollte sich auf die Annonce melden, obwohl sie weder über einen Führerschein noch über ein Auto verfügte. Dafür sollte sie dem Greis seinen geliebten Vanillepudding mit Frucht-Topping mitbringen. Das Glas, das dem Rentner serviert wurde, hatten die Täter zuvor mit Valium und anderen Beruhigungsmitteln versetzt.

Das Vorgehen lief wie geplant, das Opfer wurde schlagartig müde und legte sich schlafen. L. gelang es, seine im Gästezimmer unter einer Matratze in einer Ledertasche versteckten Ersparnisse sowie sein Portemonnaie an sich zu bringen. Zurück in Kleve wurde die Beute geteilt, für ihren Anteil kaufte sich L., wie Quittungen dokumentieren, bei Saturn ein Notebook sowie in einem Handygeschäft ein Mobiltelefon.

Zwei Monate nach der Tat wurde sie allerdings von der Reue gepackt. Sie schrieb einen Brief an das Opfer: „Ich möchte mich aufrichtig für das Leid, dass ich Ihnen angetan habe, entschuldigen. Frau (…) gab mir den Pudding mit. Ich wusste nicht, dass dem Pudding etwas beigemischt war.“ Sie versprach Wiedergutmachung; 200 Euro wurden im Februar angezahlt.

Die Kammer glaubte allerdings nicht, dass von dem Trio jemand ahnungslos handelte. Jedoch folgte sie bei dem Mann der Auffassung seines Rechtsanwaltes Dr. Haas, dass es sich bei dessen Tatbeteiligung nur um eine Beihilfe gehandelt habe. Deshalb fiel seine Strafe deutlich geringer aus als von der Staatsanwaltschaft gefordert.

B., der zur Urteilsverkündung in einem schwarzen Unterhemd und mit schweren Ketten behängt erschien, demonstrierte während der Verlesung der Strafe demonstrativ seine Gelassenheit und drehte mit verschränkten Händen Däumchen. Seine Mittäterin dagegen brach in Tränen aus. Sie hatte zuvor nochmals ihre Reue bekundet und gesagt, sie möchte „ein gutes Leben führen, arbeiten gehen, im Friseurbereich“.



Scientific Refreshment: Kleve raus, Krefeld & Bielefeld rein

rd | 08. April 2018, 21:06 | 6 Kommentare
Reifeprüfung: Fähnlein im Wind vor Haus 51 in der Landesklinik Bedburg-Hau

Wind der Veränderung: Kurswechsel bei den Scientific Freshers

Das ist eine Überraschung: Die Scientific Freshers GmbH, eine Bildungseinrichtung, die von den beiden Klever Professoren Thorsten Brandt und Dirk Untiedt betrieben wird, ist nicht mehr mit der Hochschule Rhein-Waal verbandelt! Bislang war das Unternehmen gewissermaßen als Franchise-Partner der Hochschule Aachen in Kleve tätig, doch diese Verträge laufen nach fünf Jahren aus und wurden von Aachener Seite gekündigt.

Was in Kleve ablief – zumeist Chinesen wurden an den Niederrhein geholt und dort für 16.000 Euro im Expressverfahren hochschulfertig gemacht –, war Gegenstand hochschulinterner und öffentlicher Kontroversen. Weil es schwierig war, Praktikumsplätze zu finden, gab es Kooperationen mit dem Theodor-Brauer-Haus und der Karl und Maria Kisters Stiftung. Die von den Teilnehmern über ihre Praktika verfassten Berichte, in denen auch von Bingo-Spielen und Waffelbacken die Rede war, sorgten für Erstaunen, nachdem sie an die Öffentlichkeit gelangt waren. Auch die Qualität der Ausbildung insgesamt war fraglich, verlässliche Zahlen zu den Erfolgsquoten waren zu keiner Zeit erhältlich.

Jetzt betreiben die beiden Professoren einen radikalen Kurswechsel – Scientific Refreshment sozusagen. In einer Pressemitteilung, die in der vergangenen Woche versandt wurde, heißt es: „Ab sofort werden die Klever ein eigenes Qualifizierungsprogramm unter dem Titel ,German International College‘ anbieten, das unabhängig von Aachen sein wird.“

Der Grund für den Wechsel ist ein doppelter, wie die Geschäftsführer der Scientific Freshers GmbH, Prof. Dr. Dirk Untiedt und Prof. Dr. Thorsten Brandt, erläutern: „Zum einen soll das neue Programm im Rahmen des ‚German International College‘ eine noch bessere Qualität in der Sprachenausbildung in Deutsch und Englisch liefern“, führen die Professoren an. Zum anderen sehen sie im German International College eine Weiterentwicklung des Aachener Freshman-Programms: „Die Aachener sind vor Jahren als Pilotprojekt gestartet“, erläutern Brandt und Untiedt, inzwischen sei der Hochschulzugang internationaler Studienbewerber aber auch im NRW-Hochschulgesetz geregelt und es gebe spezielle Zugangsprüfungen für einzelne Studiengänge. „Auf diesen so genannten kompetenzbasierten Hochschulzugang möchten wir noch gezielter vorbereiten“, so die Professoren. „Das German International College ist dabei gewissermaßen wie eine Fahrschule, die auf die spätere Fahrprüfung an der Hochschule vorbereitet.“

Dass dies ein erfolgversprechender Ansatz ist, haben offensichtlich auch einige Hochschulen erkannt, denn die Klever Professoren haben bereits die ersten Kooperationsverträge geschlossen: „Wir sind sehr glücklich, dass wir mit der Hochschule Niederrhein in Krefeld sowie mit der Fachhochschule Bielefeld zwei äußerst renommierte Kooperationspartner gefunden haben“, so Brandt und Untiedt übereinstimmend. In Krefeld ist Bibiana Kemner, die ehemalige Kanzlerin der Hochschule Rhein-Waal, seit 2016 Vizepräsidentin für Wirtschafts- und Personalverwaltung. In Bielefeld ist seit Juli 2015 Dr. Ingeborg Schramm-Wölk Präsidentin gewählt – sie war zuvor in Kleve Dekanin der Fakultät Kommunikation und Umwelt.

Laut Scientific Freshers sei man derzeit mit weiteren interessierten Hochschulen im Gespräch. „Unser Ansatz stößt auf Interesse“, freuen sich die Professoren.

Die Kooperation mit dem Aachener Freshman-Programm wird hingegen in 2018 enden. „Im Oktober werden wir die letzten Teilnehmer dieses Programms verabschieden“, so Brandt und Untiedt. „Sie werden dann durch die ersten Teilnehmer des neuen ‚German International College‘ abgelöst.“ Gleichzeitig wird dann auch die bisher über das Freshman Institut in Aachen laufende Kooperation der Scientific Freshers mit der Hochschule Rhein-Waal enden.


RWE Beratung

rd | 08. April 2018, 12:31 | 18 Kommentare
Zeitreise in eine fremde Welt: Die Straße An der Münze vor den Zeiten von Woolworth und Café Lust

Zeitreise in eine fremde Welt: Die Straße An der Münze vor den Zeiten von Woolworth und Café Lust

Als hier kürzlich über die zum Verkauf stehende Immobilie der ehemaligen Landeszentralbank-Filiale an der Nassauerallee berichtet wurde (Kleves solideste Immobilie steht zum Verkauf), kam die Frage, wo denn früher das Geldhaus seinen Sitz gehabt habe.

Auf diesem Foto, das, wie der Zufall es will, kürzlich auf Facebook auftauchte, ist die Antwort zu sehen: Das Gebäude rechts in der Straße, die nicht ohne Grund An der Münze heißt, beherbergte die Hüter des Geldes. Mitte der 70-er Jahre wurde es abgerissen, weil die Warenhauskette Woolworth im Zuge ihres stadtverunstaltenden Neubaus darauf bestand, auch einen Parkplatz zu bekommen. Sie wich eines von den wenigen in der Innenstadt erhaltenen Vorkriegsgebäuden der Abrissbirne. An das Bankgebäude links grenzt an das Geschäftshaus, in dem zuletzt 14 Jahre das Café Lust beheimatet war (nun wird per Aushang im Fenster nach einem Nachmieter gesucht).

Damals, also etwa zu Beginn der 70-er Jahre, tätigte ein Teppichhändler dort seine Geschäfte, wenn ich das Foto richtig deute. Und ganz links an der Ecke, heute ein Billigklamottenladen, davor auch eine Zeitlang die Heimat der Buchhandlung „Hintzen unten“ und noch davor der erste McDonald’s-Standort in der Stadt, hatte die legendäre „RWE Beratung“ ihren Sitz. Dort konnten sich Schüler über die absolute Ungefährlichkeit von Kernkraft – der Schnelle Brüter lugte am Horizont – und Hausfrauen über die optimale Wahl bei der Waschmaschine informieren.