Chirurgische Ambulanz: Momente des Glücks im Unglück

rd | 12. Januar 2018, 20:13 | 6 Kommentare
Bedürfte auch einer Behandlung: Modell eines menschlichen Knies

Bedürfte auch einer Behandlung: Modell eines menschlichen Knies

Ins Krankenhaus rein, dann rechts – und auf die Rettung warten. Das gehört seit wenigen Wochen der Vergangenheit an. Die Chirurgische Ambulanz im Klever St.-Antonius-Hospital ist umgezogen, medizinische Effizienz ersetzt die Schicksalsgemeinschaft der Versehrten.

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Es gab Jahre, da war mir die Chirurgische Ambulanz des St.-Antonius-Hospitals vertrauter als das eigene Wohnzimmer. Ich wusste, in welchen Schubladen das Verbandsmaterial lag. Die freundlichen Damen am Empfang begrüßten mich mit den Worten „Sie schon wieder!“, wenn ich mit einem blutenden Knaben Hilfe ersuchte. Manchmal hatte ich Angst, dass die Häufung der Besuche den Eindruck erweckte, ich sei als Vater nicht geeignet.

Später gewöhnte ich mich daran, dass Platzwunden meistens schlimmer aussehen, als sie sind. Unsereins, mit seiner gesunden medizinischen Halbbildung, vermutete, ein Chirurg müsse zu Nadel und Faden greifen, um das Loch im Kopf wieder zu verschließen, der Fachmann aber sagte, vielleicht sogar ein wenig gelangweilt ob der mangelnden Herausforderung: „Das kann geklebt werden.“ Dann kam irgendein Zaubermittel zum Einsatz, und wo eben noch die Sorge herrschte, das Kind sei irreparabel geschädigt, machte sich eine monumentale Erleichterung breit. Glück im Unglück.

Vergessen waren die Minuten, die auch Stunden werden konnten, die man auf einem der zehn Stühle des Wartebereichs verbracht hatte. In diesem Wartebereich bildete jedes Mal aufs neue eine spontane Schicksalsgemeinschaft der Versehrten, eine Art Flashmob der Frakturen und Fissuren. Die Erfahrenen unter den Besuchern hatten am Ende nur noch ein müdes Lächeln übrig für die Hektiker, die das langsame Voranschreiten der Behandlungen beklagten.

Die im Leid geprüften Patienten hatten den Respekt für die Weißkittel, die jenseits der gläsernen Flügeltür in den Behandlungszimmern ihr rettendes Werk verrichteten, und die für einen Notfall ausgerenkte Finger und umgeknickte Füße links liegen ließen. Genau das wussten die Verständigen unter den Wartenden zu schätzen – wenn es um Leben und Tod geht, ist es vielleicht sinnvoll, die nicht ganz so akuten Fälle auf die lange Bank zu schieben.

Auch für Laien erkennbar: Fraktur der Tibia. Lehre: Nicht im Alter von ca. 4 Jahren auf gestapelten  Riegenbänken turnen

Auch für Laien erkennbar: Fraktur der Tibia. Lehre: Nicht im Alter von ca. 4 Jahren auf gestapelten Riegenbänken turnen

Schon das Warten in der Gemeinschaft rückte die Welt wieder ein wenig ins Lot. Die Patienten saßen meist schweigend dort und taxierten sich mit empathischen Blicken. Was noch vor einigen Augenblicken ein großes Drama gewesen war, im Wartezimmer der Chirurgischen Ambulanz verkleinerte es sich zu einem Fall von vielen – und es stellte sich ein unmittelbares Gefühl der Katharsis ein aufgrund der simplen Tatsache, dass es vielen anderen deutlich schlechter zu gehen schien! Ich erinnere mich, wie ich einen Mann mit zwei bis an die Schulter eingegipsten Armen aus dem Behandlungszimmer herauskommen sah und dachte: „Der Arme! Der kann ja gar nichts mehr machen!“

Der routinierte Gast der Chirurgischen Ambulanz lernte, die Fälle zu unterscheiden. Das sieht nach Arbeitsunfall aus, hier ein Fahrradsturz, dort ein Missgeschick beim Sport. Und er wusste, zu welchen Zeiten ein Besuch nach Möglichkeit vermieden werden sollte, zum Beispiel am Sonntag Nachmittag, wenn Unmengen von Amateurfußballern mit ihren Blessuren dort aufschlugen.

Auch unter sprachlichen Aspekten war die Chirurgische Ambulanz ein spannender Ort. Mir persönlich sind folgende zuvor unbekannte Wörter in Erinnerung geblieben: Kompartmentsyndrom (eine Stunde später lag ich auf dem Operationstisch), Quadrizeptssehnenruptur (einen Tag später lag ich auf dem Operationstisch) und Olecranonfraktur.

Schwieriger Fall: Olecranonfraktur, aber exakt an der Wachstumsfuge. Lösung: konservative Behandlung

Schwieriger Fall: Olecranonfraktur, aber exakt an der Wachstumsfuge. Lösung: konservative Behandlung

Die Behandlung der letztgenannten Verletzung, bei der sich um einen Bruch der Oberkante der Elle handelt, erforderte den Sachverstand des gesamten Ärzteteams, das zunächst eine Operation erwog, dann aber nach langen Beratungen und unter Hinzuziehung von Fachliteratur eine medizinische Besonderheit erkannte, die der behandelnde Arzt mit einer Fotokopie aus einem Fachbuch erläuterte und schließlich sagte: „Wir können das konservativ behandeln.“

Konservativ behandeln, das ist im Reich der Knochenbrüche das Gegenstück zum Kleben bei Platzwunden und heißt: Eingipsen reicht! Der Besucher verließ mit dem so verarzteten Sohn erleichtert das Krankenhaus – und fühlte sich angesichts der sorgfältig erwogenen Behandlung ein wenig wie in der Fernsehserie „Dr. House“.

Natürlich wird es diese Momente des Glücks im Unglück auch weiterhin geben, allerdings der vertraute Ort ist einem neuen Notfall-Areal im Keller des Hospitals gewichen. Die Behandlung dort soll effizienter abgewickelt werden, was ein deutlich verkleinerter Warteraum bezeugt. Aber, auch wenn die alten Räume mir im Augenblick nicht fehlen, sicher ist doch: Sie fehlen mir.

(Text ist ursprünglich erschienen in der neuen Ausgabe des Stadtmagazins Der KLEVER, welches seit Dezember im Zeitschriftenhandel erhältlich ist.)

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6 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 6. Dietmar Shields

    @Besucherin ich hatte ihre Stellungnahme auch nicht direkt als Kritik am Personal angesehen.
    Obwohl in Sozialmediakanälen via Facebook zum Beispiel schnell über das jeweilige Personal in den Krankenhäusern des Kreises Kleve ausgiebig geschmeckert wird.
    Aber ich sehe das etwas differenzierter, denn die Überfüllung und daraus resultierende lange Wartezeiten hängen sowohl mit dem Bettenabbau (schließen von Abteilungen und dadurch weniger vorgehaltene Bettenkapazitäten), als auch dem vorgenommen Personalabbau im Klever Krankenhaus auf allen Stationen, doch sehr zusammen.
    Natürlich tat die Grippewelle in diesem Winter ein übriges, um dieses aktuelle System schnell an seine Leistungsgrenze zu bringen.

     
  2. 5. Besucherin

    @Dietmar Shields

    Es ging um die Frage, wie überfüllt das Krankenhaus ist, nicht um Kritik am Personal. Meine Verwandten (privatversichert) haben sich auch nicht beklagt, sondern geduldig gewartet. Da meiner Tante aber vor nicht allzu langer Zeit erst ein Tumor aus dem Kopf entfernt wurde, ist sie nicht bei bester Gesundheit. Mein Onkel hat sich große Sorgen gemacht und sich irgendwann überlegt, welches Krankenhaus er als nächstes ansteuert, wenn es in Kleve nicht geklappt hätte. Zwölf Stunden sind eine lange Zeit, da kann man auf solche Gedanken kommen.
    Frage mich, was wäre, wenn außer einer Grippewelle noch etwas dazu käme.
    Dass Krankenhauspersonal höchsten Respekt verdient, das ist ganz klar. Was Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern und -pfleger leisten für unsere Gesundheit, gerade auch in solchen Situationen, ist nicht hoch genug einzuschätzen.

     
  3. 4. Dietmar Shields

    @3 Besucherin @All

    Klever Krankenhaus, es könnte aber auch für viele andere Krankenhäuser in der Region gelten.

    Ich möchte hier nun nicht die Verwaltung des Klever Krankenhauses in Schutz nehmen, die durch Sparmaßnahmen wie Personaleinsparungen und Stationsschließung diese aktuelle Situation, in ihrem wirtschaftlichen Denken, mit zu verantworten haben.
    Diese aktuelle Situation auszubaden, haben das aber die unermütlichen Krankenpfleger, Krankenschwestern und auch die Ärzte auf den Stationen des Klever Krankenhauses.
    Die Krankenschwestern und Krankenpfleger arbeiten, je nach Station und Besetzungslage der zugeteilten Pflegekräfte, am körperlichen Limit und diese Krankenschwestern und Krankenpfleger bemühen sich nach Kräften dem Patienten zeitnah, auch in Notsituationen zu helfen und zu versorgen.
    10 Stundendienste (und das ohne auch nur Zeit für eine einzige Pause zu haben) sind keine Seltenheit, welcher Arbeitnehmer macht das außerhalb eines Krankenhauses mit, ich glaube die wenigsten der Leser hier in diesem Blog!
    Dazu kommen dann noch Patienten die meinen, nur weil sie Privatpatient wären, sie könnten sich gegenüber den Pflegekräften und Krankenschwestern einfach alles erlauben und wären (man ist ja Privatpatient) in einem 4 Sterne Hotel.
    Die Art wie manche dieser Privatpatienten (auch hier gibt es erfreuliche Ausnahmen) schon bei der Aufnahme und auch später auf den Stadtionen die Pflegekräfte und auch die Ärzte behandeln und auch mit ihren Forderungen drangsalieren (Essen zu warm, zu kalt, zu salzig, zu trocken und ich zu erst vor allen anderen denn Privatpatient) ist unter aller Würde und geht zu Lasten der anderen Patienten, die dann (wenn mal wieder langwierige Diskussionen mit den Pflegekräften auf den Stationen notwendig sind) einfach warten müssen bis sie dann dran sind.

    Dann kommen noch die Patienten mit hinzu, die wegen jedem kleinen Wehwehchen (Erkältung, Halsschmerzen, verschlucktem Eiswürfel, angerissenen Fingernagel dann ins Krankenhaus in die Notaufnahme, vorzugsweise nach 18.00 Uhr und am Wochenende, laufen obwohl das ein Vorgang für den Hausarzt oder für den ärztlichen Notdienst wäre, aber diese Egomanen nicht auf einen Termin beim Hausarzt oder beim Notdienst warten wollen. Alle diese Patienten verstopfen die Notaufnahme der Krankenhäuser.

    Ja für jemanden der Schmerzen und Angst über seinen körperlichen Zustand hat, der unter Atemnot bei einem Asthmaanfall im Wartebereich leidet, für den und seine Begleitpersonen kann es grenzwertig in seiner Wahrnehmung sein, wie lange er in einer Aufnahmestation warten muss bis er dran ist.
    Würden sich Alle an die Vorgaben halten und bei kleineren Wehwehchen ihren Hausarzt oder den ärtzlichen Notdienst und nicht die Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen, dann kämen die Patienten die wirklich Not haben auch zügiger dran und müssten nicht über Stunden in verstopften Wartezimmern leidvoll warten.

    Nochmals die Krankenpfleger, die Krankenschwestern und auch Ärzte arbeiten im Moment, bei dieser Ausrichtung unseres Gesundheitswesen am Limitanschlag, auch wenn das einfach nicht immer von den Verwaltungen, Kassenärztlicher Vereinigungen, den Krankenkassen und dem Politikern mit nichtssagenden Steatments nicht wahrgenommen wird.

    Ausbaden müssen das die unermüdlichen Personen (Krankenpfleger, die Krankenschwestern und auch Ärzte) die sich täglich um das Leid von Menschen kümmern und den Groll (wenn es mal wieder länger dauert) dann zu spüren bekommen. Das wirtschaftliches Denken von Verwaltungen und Gängelungen der Krankenkassen sowie der fingerzeigenden Politik sind hauptsächlich verantwortlich für die aktuelle Situation!
    Darüber sollte man mal kurtz nachdenken, bevor man sich das nächste Mal wieder über Krankenhäuser und die Pflegekräfte und Ärzte echauffiert.

     
  4. 3. Besucherin

    Zur Zeit ist das Krankenhaus Kleve überfüllt. Viele mit Grippe. Ein Krankenpfleger sagte, wo sonst nur eine oder zwei Personen vorgesehen sind, werden jetzt vier Leute untergebracht. Meine Tante musste vorige Woche Montag ungeplant im Krankenhaus bleiben, war morgens um 9.00 Uhr dort und bekam erst abends um 21.00 Uhr ein Bett. Eine Tortur, wenn man Luftnot hat, auch für die Angehörigen.

     
  5. 2. Chewgum

    Krankenhäuser. Warten. Am längsten habe ich mal im Brüder-Krankenhaus in Trier gewartet, mehr als sechs Stunden. Mein Augenarzt hatte mir die Klinik oder vielmehr den Augen-/Lidchirurgen dort empfohlen, nachdem ich gesagt hatte, dass ich ziemliche Angst hatte vor dem Runterfräsen eines gutartigen Tumors, der aus dem Lidrand wuchs (klein noch, aber deutlich sichtbar), millimetergenau auf den Lidrand. In dem Wartezimmer mit Aussicht auf Trier entstand ebenfalls eine Art Schicksalsgemeinschaft, es machte niemandem etwas aus, weil man nirgendwo anders sein wollte und es als große Erleichterung empfand, dort Hilfe erhalten zu können. Ich kann mich noch gut erinnern an den älteren Mann, dem die Wimpern nach innen gewachsen waren und der sein Leben lang darunter gelitten hatte, bis ein Vertretungsarzt ihm sagte, da könne man doch etwas machen. Oder an den Jungen mit dem Überbein direkt über dem Auge. Oder an den Mann, der sich sofort hinlegen musste und dann auch vor allen anderen behandelt wurde, notfallmäßig. Es waren Leute aus ganz Deutschland da, einige blieben wie ich nach der ambulanten OP im Gästehaus der Klinik, wo sich die Kontakte nochmal intensivierten, mit dem älteren Mann tausche ich noch Weihnachtskarten aus. Es ging alles gut aus, für ihn, für mich und für andere. Weil dieser Arzt dort in Trier wirklich ein Experte auf seinem Gebiet ist, weil er diese unglaublich ruhige Art und vor allem ruhige Hand hat bei dem, was er tut. Weil er mit Menschen umgehen kann. Man kann sofort Vertrauen fassen.

     
  6. 1. otto

    Beim Wintercross (7) Rippen gebrochen, vor dem Röntgenraum kurz ohnmächtig, der Weißkittel
    will dich hochziehen, das Schreien war bis Emmerich zu hören. Auf Grund massiver
    Morddrohungen hat er sich nicht mehr sehen lassen! Es gab jedoch für ihn vernünftigen Ersatz!!