Fritz Leinung, 1934-2015

rd | 12. Juli 2015, 12:55 | 7 Kommentare
Fritz Leinung auf den Stufen vor der Unterstadtkirche, im Gespräch mit zwei Besuchern der Klosterpforte (Foto © Verein Klosterpforte)

Fritz Leinung auf den Stufen vor der Unterstadtkirche, im Gespräch mit zwei Besuchern der Klosterpforte (Foto © Verein Klosterpforte)

Am Freitag verstarb der Klever Ehrenbürger und Pfarrer im Ruhestand Fritz Leinung im Alter von 81 Jahren. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2003 wirkte er als Pfarrer der Klever Unterstadtkirche, danach zog er zunächst zurück in seine Geburtsstadt Emmerich. Zuletzt lebte er im Seniorenpflegeheim Herz-Jesu-Kloster in Kleve. Von ihm in Erinnerung bleiben wird vor allem der Verein Klosterpforte, eine Selbsthilfeeinrichtung für Obdachlose, Drogensüchtige und psychisch Kranke an der Unterstadtkirche. Deshalb sei hier an die Anfänge der Einrichtung erinnert, erzählt von Fritz Leinung selbst (entnommen dem Buch „Treffpunkt Klosterpforte“):

»Sie saßen auf kirchlichem Gelände, und sie waren ein Ärgernis.

Ihr Anblick störte und manchmal auch ihr Geschrei. Ganz besonders ärgerlich wirkte es, wenn Köbes dabei war. Wenn der wieder einmal zu viel getrunken hatte, grölte er. Er pöbelte dann die Leute an, die in der Fußgängerzone eingekauft hatten und die nun an der schrägen Truppe vorbeigehen mussten, wenn sie die eingekauften Waren zu ihren auf dem Parkplatz abgestellten Autos bringen wollen.

Die einen nannten die anderen Penner, und die anderen nannten die einen Spießer. Sie hat eine ganze Reihe von Formen gefunden, einander ihre Verachtung zu zeigen. Als ich 1975 zum Pfarrer der Unterstadtkirche ernannt worden war, wurde mir gleich zu Anfang gesagt: „Das wird Ihre erste wichtige Aufgabe sein: Sie müssen die ‚Penner‘ vom heiligen Gelände des alten Friedhofs vertreiben; so wie Jesus einst die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieb!“

Das Gelände, auf dem die Störer zu sitzen pflegten, war tatsächlich früher einmal ein Friedhof gewesen. Das war fast 200 Jahre her. Aber zwei alte Grabsteine erinnern noch daran.

Das mit dem Vertreiben war einfacher gesagt als getan. Das Friedhofsgelände war durch den Kirchenvorstand öffentlicher Begehung zugänglich gemacht worden. Einfach sich aufs Hausrecht berufen und die Störer durch die Polizei entfernen lassen – das ging nicht!

Es gab für mich auch ein persönliches Problem. Ich hatte mir vorgenommen, den modernen Götzen der Konsum- und Leistungsgesellschaft nicht zu opfern. Jetzt aber wurde von mir verlangt, ich solle mich zu deren Büttel machen lassen – und das auch noch unter Berufung auf Jesus!

Nachdem ich eine Zeit lang erst einmal nichts unternommen hatte, da mir andere Dinge wichtiger erschienen, ging ich aufs Friedhofsgelände und stellte mich vor. Dann sagte ich: „Könnt ihr nicht dafür sorgen, dass der Köbes seine Pöbeleien sein lässt? Die Nachbarn machen Zoff und wollen, dass ich euch wegschicke. Wenn Köbes Ruhe gibt, vielleicht geben die dann auch Ruhe!“ Einer aus der Truppe, offensichtlich der Platzhirsch, fragte: „Und wo sollen wir denn da hin, bitteschön?! – Also die Kirchengemeinde hat doch jede Menge Räume in verschiedenen Häusern. Könnt ihr uns nicht einen davon überlassen? Dann wären wir doch unsichtbar! Und hören könnte man uns dann auch kaum noch!“ – Ich räumte das Feld, ohne wesentlich weitergekommen zu sein.

Der alte Friedhof liegt auf der Südseite der Kirche. Aber auf der Nordseite her wurde die Unterstadtkirche von den Randgruppen bedrängt. Dort liegt nämlich nur einige Schritte von der Kirche und vom Rathaus entfernt das Josefshaus. Dieses wurde damals von der Stadt Kleve noch als Obdachlosenheim benutzt. Jedoch: Kurz nachdem ich in das Pfarrhaus neben der Kirche eingezogen war, wurde diese Institution der Stadt Kleve geschlossen. Es bestehe kein Bedarf mehr, hieß es.

Diejenigen, die bisher abends dort geklingelt hatten, klingelten jetzt im Pfarrhaus. Ich fragte nach, ob es nicht noch eine andere Bleibe gebe. Aber die als Obdachlosenunterkunft ausgewiesene Baracke im Ortsteil Kellen war durch ständige Bewohner besetzt. Eine Bleibe für akute Fälle gab es jetzt nicht mehr.

Es war Winter. Draußen stand eine jämmerlich durchgefrorene Gestalt, so ungepflegt und verlumpt wie möglich. Ihn wegschicken? Bei dem Wetter? Das ging nicht. „Kommen Sie herein“, sagte ich. Ein provisorisches Lager war bald zurecht gemacht.

Ein paar Tage später fand einer der Biertrinker von der Südseite der Kirche sich bereit, den Kumpel zu übernehmen. „Nun ja“, dachte ich, „Solidarität ist für die kein Fremdwort.“

Es blieb nicht bei dem einen. Einige waren auf der Durchreise. Andere waren aus dem Gefängnis entlassen und wussten nicht, wohin. Wieder andere, die ohne Mietvertrag irgendwo untergeschlüpft waren, hatte man eines Zerwürfnisses wegen von heute auf morgen vor die Tür gesetzt. Es gibt viele Gründe, obdachlos zu werden.

Nach einiger Zeit war das Pfarrhaus so etwas wie ein Ersatz-Obdachlosenheim geworden. Die Caritas schickte Klienten, das Rote Kreuz tat es. Auch die Polizei kam. Sie fuhr mit der grünen Minna vor und lieferte Obdachlose ab. Manchmal waren bis zu fünf Gäste gleichzeitig untergebracht. – Ich ahnte damals noch nicht, dass dies ein Dauerzustand vor 15 Jahren werden sollte. Erst dann richtete die Stadt Kleve eine Anlaufstelle für akut Obdachlose ein und gleichzeitig die Pfarrgemeinde ein Haus. Ich mietete eine Wohnung an, in der schwierige Fälle für Monate zwischen geparkt werden konnten. Aber immer wieder übernahm die biertrinkenden Störer einen von ihren Kumpels, nachdem der fürs Erste bei mir untergebracht gewesen war.

Jetzt kam auch die Pfarrgemeinde mit der Szene in Kontakt. Besucher des Pfarrhauses mussten sich daran gewöhnen, dass man dort seltsame Typen traf, die mit am Tisch saßen, weil für zwei oder drei Tage dort untergebracht waren. Erstaunt Namen zur Kenntnis, wie gut sich mit denen reden ließ, auch und gerade über religiöse Themen. Die Teilnehmer von Bibelkreisen erlitten oft, dass ihre Gespräche unterbrochen wurden, weil wieder einer Obdach suchend vor der Türe stand.

Viele fragten nach Geld. Da hatte Betty, eine Dame aus der Pfarrgemeinde, eine gute Idee: „Wenn die Geld haben wollen, dann lass sie doch etwas dafür arbeiten, Kacheln malen zum Beispiel. Ich könnte denen das beibringen und auch beim Brennen helfen.“

So wurde es gemacht. Beide sahen wir einen Vorteil: bunt bemalte Kacheln eignen sich als Geburtstagsgeschenk – auch für die Senioren in der Pfarrgemeinde. Wenn ich denen Kacheln mitbrachte, die von den verachteten Gammlern gemalt worden waren, ließen sich vielleicht Vorurteile abbauen.

Und tatsächlich: Schon nach einigen Monaten schon viele Leute der Gemeinde anders auf die Gammler als bisher: „Das sind doch die Leute, die die schönen Kacheln gemalt haben! Oma hat sich doch so darüber gefreut!“ Mehrere Stunden in der Woche waren nun fürs Kachelmalen angesetzt. Das war eine Tätigkeit, die die Leute der Szene gerne ausübten.

Die Frauen der KFD sahen plötzlich eine ungeahnte Möglichkeit. Ein Treffen der KFD-Mitglieder auf Bundesebene war angesagt. Die Frauen fragten bei der Zentrale an, ob sie bei diesem Treffen Klever Kacheln verkaufen dürften. Als ihnen das zugesagt wurde, gaben sie 3000 Exemplare in Auftrag.

Zu diesem Zeitpunkt war im Untergeschoss des Pfarrhauses ein Raum fertig gestellt worden. Er sollte als Treffpunkt der Gemeinde dienen. Klosterpforte sollte er heißen, weil früher dort der Eingang zum Minoritenkloster gewesen war. Nach der Sonntagsmesse sollte es dort Kaffee geben und Gelegenheit zum Gespräch. Als aber dazu eingeladen wurde, kamen nur sehr wenige. Nach dem Schlusssegen der Sonntagsmesse zog es die Beter nach Hause. Agape war nicht gefragt. – Nach einigen Monaten mussten wir einsehen, dass der Raum vergebens eingerichtet worden war.

Da fiel mir ein, was der Häuptling der biertrinkenden Störer gesagt hatte: „Könnt ihr uns nicht einen Gemeinderaum überlassen?“

An einem der folgenden Sonntage sah die Leseordnung das Evangelium vom Gastmahl vor, dem die Gäste ferngeblieben waren. Während der Predigt sagte ich der Gemeinde: „So läuft das auch hier. Es wurde eingeladen – und fast keiner kam. Jesus sagt, dass in so einem Fall die Leute von den Hecken und Zäunen dran sind, die Randgruppen. So halten wir das jetzt auch. Der Raum neben der Kirchentüre unten im Pfarrhaus wird jetzt den Leuten zur Verfügung gestellt, die man an der Hecke auf dem alten Friedhof antreffen kann. Das heißt nicht, dass die Gemeinde dann außen vor bleiben muss. Jeder von Ihnen ist herzlich eingeladen, dort hinzukommen. Viele von Ihnen haben auch schon im Pfarrhaus mit diesen Leuten an einem Tisch gesessen und wissen, wie gut man mit denen reden kann. Vielleicht setzen Sie sich auch dort mit ihnen an einem Tisch. Es könnte sein, dass dadurch unsere Gemeinde Jesus etwas näher kommt. Der setzte sich ja auch immer wieder an einen Tisch mit den Leuten der Randgruppen, die von den anderen verachtet wurden.“

Die Frauen der KFD ließen es sich gesagt sein. Sie kamen nicht nur zum Kaffee. Sie richteten in der Klosterpforte einen Mittagstisch ein. Die Suppen kochten Sie zuhause und brachten sie. Die Klosterpforte war bald mit Gästen gefüllt.

Auch die KAB meldete sich. Dieter hatte einen Verein zur Unterstützung des „Theodor-Brauer-Hauses“ gegründet. Das ist eine Einrichtung der Caritas, in der Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben, dennoch ausgebildet werden können. Die KAB hatte gesehen, dass im Pfarrheim und auch im Pfarrhaus junge Leute, denen man es nicht zugetraut hatte, zu arbeiten anfingen. Der Verein „Solidaritätskreis Theodor-power-Haus“ wollte noch diesen jungen Leuten auf dem Weg über das „Theodor-Brauer-Haus“ den Weg in die Arbeitswelt ebnen.

Die KAB hatte die jungen Leute überschätzt. Sehr bald zeigte sich: Ab und zu Kacheln malen, das ging; nicht aber regelmäßiges Tun. Dieser Vereinszweck wurde bald aufgegeben und der Bezug zu dem „Theodor-Brauer-Haus“ aus dem Vereinsnamen gestrichen. Der Verein „Solidaritätskreis“ wandte sich jetzt der Arbeit mit den Randgruppen zu. Das war ein wichtiger Schritt. Denn jetzt erhielt diese Arbeit Struktur. Jetzt gab es eine Satzung, eine Kasse, eine Mitgliederversammlung.

Hatte die KAB die jungen Leute überschätzt, so hatte die KFD sie unterschätzt. Sie war zu mehr fähig, als ich nur die Suppe servieren zu lassen. Als Kachel-Malgruppe an Zusammenarbeit gewöhnt, konnten sie auch bei der Zubereitung der Speisen tätigwerden. – Dies wurde als Chance erkannt. Der „Solidaritätskreis“, der wegen der Beiträge und wegen der Spenden über Geldmittel verfügte, stellte eine Sozialarbeiterin ein. Diese sollte in vielfacher Weise beraten und helfen. Kochen sollte sie nicht. Organisieren sollte sie und den Besuchern der Klosterpforte sagen: „Du bist heute dran mit Kartoffelschälen, du mit Gemüseputzen, du mit Spülen, du mit Abtrocknen!“ Ab und zu hieß es auch: „Und du mit Kochen!“ (Ansonsten wird dies durch freiwillige Helferinnen besorgt.) Ein Garten wurde angemietet, wo die Besucher der Klosterpforte Obst, Gemüse und Kartoffeln für den Bedarf ihres eigenen Restaurants anbauen. Wer sich in der Küche oder im Garten betätigt, braucht für das Essen nicht zu bezahlen. Wer nichts tun will, muss zwei Mark (einen Euro) bezahlen.

Manchen Besuchern und nunmehr Mitarbeitern der Klosterpforte bekam das so gut, dass sie von ihrer Sucht geheilt wurden und ein neues Leben anfangen konnten. Sie haben die Erfahrung gemacht: Ich kann doch etwas! Ich bin etwas wert. Und die anderen lassen mich das auch spüren.

Zwei ehemals Süchtige wurden Bauern (einer von ihnen nachher auch unser Sponsor). Ein anderer wurde Krankenpfleger. Eine junge Frau, die ganz tief in ihrer Sucht verstrickt gewesen war, fand eine Stelle als Sekretärin bei der Bundeswehr.«

Einen Kommentar schreiben





7 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 7. m.m.

    Er hat mich vor 35 Jahren getauft und war ein Mensch, den man aufgrund seiner besonderen Persönlichkeit nur bewundern konnte. Meinem Vater hat er damals augenzwinkernd einmal einfach die Hostie gegeben, obwohl dieser Protestant war. Er war auf sympathische Weise unkonventionell, absolut integer und stets hilfsbereit. Ich erinnere mich, dass er mich damals bei einer Hausaufgabe zum Thema „Tabernakel“ (ja, wirklich), als er mich bei meinen Recherchen zufällig in der Kirche traf, für einige Stunden mit seinem umfangreichen Fachwissen unterstützt hat. Ein großartiger Mensch, der Dank und Hochachtung verdient. Er wird nie vergessen werden.

     
  2. 6. Jürgen Böll

    @5 Vielleicht verwandt mit ehemals Bäckerei Timmermann?

     
  3. 5. Sven Timmermann

    Er hat uns Jungs vor der Kirche Fussballspielen lassen, selbst als wir die Kirchentür zum Tor gemacht haben. Überall woanders wurden wir verjagt

     
  4. 4. Jürgen Böll

    Wer von den Klevern kannte Pfarrer Leinung nicht!
    Wenn er durch die Stadt ging, die Hände meistens (zumindestens wenn ich Ihn sah) hinter dem Rücken verschränkt, stets immer freundlich und was noch wichtiger war, stets ein offenes Ohr für „Alle“ seine Schäfchen oder auch für die Schäfchen die nicht seine waren, das war Ihm einerlei da machte er keinen großen Unterschieder was die Konfezionszugehörigkeit anbelangte.
    Er hatte bei der Begrüßung immer ein Lächeln im Gesicht.
    Wenn er mal früher in die Schule oder auch nur zur Pausenzeit auf den Schulhof einfach kam, bekamen selbst die größten Rabauken auf unserer Schule „Respekt“ vor Ihm und brachten diesem Ihm auch dann entgegen. Erstaunlich einfach durch seine ruhige ausgeglichene Art und Weise, wie er uns Halbstarken damals gegenüber trat, nie laut und immer gut, auch uns Jugendlichen, zuhörend.
    Ihn grüßte man schon ganz automatisch, auch wenn man Ihm auserhalb der Kirche in der Stadt begegnete.

    Ich schließe mich voll der Meinung von @1 an, mit Respekt, Hochachtung und Dank Ihn in der Jugend als einen Menschen kennengelernt zu haben der auf Alle zugehen und für Alle immer ein offenes Ohr hatte, kennengelernt zu haben.

     
  5. 3. Klever_Justiziar

    Die Worte, die er sicher zig-tausende Male sprach, „…nimm sie auf in Dein Reich…“ mögen nun auch für ihn gelten!
    Ich schließe mich vollumfänglich der Meinung von @1 an,: Respekt, Hochachtung und Dank!

     
  6. 2. laloba

    Beim Lesen des Textes lief im Radio „Vive La Vida“ von Coldplay … die Musik passte irgendwie zu dem Gefühl, das der Text in mir auslöste, ohne dass ich das jetzt näher erklären möchte …

    deshalb hier für Fritz Leinung …

    (Und jetzt bitte keine Diskussion über Coldplay)

     
  7. 1. b.pauls

    Fritz Leinung
    Respekt, Hochachtung und Dank…