Fredensvertrag! Es bleibt bei „Gesamtschule am Forstgarten“ (vorerst)

rd | 12. Juni 2017, 14:42 | 7 Kommentare
 von oben betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, dass der Name „Gesamtschule Forstgarten“ nicht ganz verkehrt gewählt ist (für auswärtige Leser: Es handelt sich um das Gebäude links im Bild)

  Von oben betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, dass der Name „Gesamtschule am Forstgarten“ nicht ganz verkehrt gewählt ist (für auswärtige Leser: Es handelt sich um das Gebäude links im Bild)

Wilhelm Frede ist eine bedeutende Persönlichkeit für Kleve, aber nicht so wichtig für die Gesamtschule „am Forstgarten“, die deshalb auf den Namenszusatz der (2016 aufgelösten) Hauptschule zunächst einmal verzichten will und lieber das geographische Alleinstellungsmerkmal für die Namensgebung nutzen möchte. Das ist der Tenor einer Presseerklärung, mit der der Direktor der Gesamtschule, Jürgen Schmitz, und Probst Johannes Mecking den Inhalt ihres Gesprächs zur Namensgebung der Schule wiedergeben.

Überraschenderweise konnte sich also der Kompromiss „Wilhelm-Frede-Gesamtschule am Forstgarten“ nicht durchsetzen. Vielleicht erhält ja der Physikraum oder das Lehrerzimmer der Gesamtschule den Namen des niederländischen Vizekonsuls, der an den Folgen von Misshandlungen im Konzentrationslager Sachsenhausen starb. In Kleve erinnert überdies der Wilhelm-Frede-Sportplatz der DJK Rhenania Kleve an den Widerstandskämpfer. Im folgenden zunächst die Presseerklärung von Jürgen Schmitz und Johannes Mecking sowie ein Porträt von Wilhelm Frede, das im Rahmen der NRZ-Serie „Klever Köpfe“ erschienen ist.

Presseerklärung, Statement der Bürgermeisterin und Frede-Porträt:

Gemeinsame Presseerklärung des Schulleiters der Gesamtschule Kleve, Jürgen Schmitz und von Propst Johannes Mecking zum Prozess der Namensfindung für die Gesamtschule Kleve

Am Freitag, 09.06.2017, trafen sich im Büro der Bürgermeisterin die Schulleitung der Gesamtschule Kleve, Herr Jürgen Schmitz und Frau Dr. Rose Wecker mit Herrn Propst Johannes Mecking und Herrn Diakon Michael Rübo als Interessenvertreter der katholischen Kirche bzw. des Wilhelm-Frede-Kreises. Frau Bürgermeisterin Northing moderierte dankenswerter Weise das Gespräch.

Die beiden Seiten tauschten ihre jeweiligen Anliegen aus:

Auf der einen Seite steht der berechtigte Wunsch der Kirche, dass die Erinnerung an Wilhelm Frede wachgehalten und in Kleve gelebt wird. Mit seiner Predigt am Pfingstsonntag wollte Herr Propst Mecking genau dies erreichen und er betonte, dass er dabei nicht die Arbeit der Schulkonferenz der Gesamtschule Kleve kritisiert habe, sondern die Entscheidung des Schulausschusses des Klever Stadtrates. Denn im Stadtrat wird letztendlich laut Schulgesetz die Entscheidung über den Namen der Schule getroffen.

Auf der anderen Seite wächst eine Schule heran, die 2011 durch einen Ratsbeschluss gegründet und seitdem über keinen eigenen Standort verfügt. Dies führt bei den Eltern zu großer Verunsicherung, wo ihre Kinder zur Schule gehen werden. Erst im Jahr 2014 wurde der Schule als ein Standort ein Schulgebäude zugewiesen, in dem bis dahin über 40 Jahre eine Schule mit dem Namen „Wilhelm Frede“ untergebracht war. Diese Schule gibt es seit dem 01.08.2016 nicht mehr. Die neue Schulform Gesamtschule mit dem jetzigen Namen „Gesamtschule Kleve“ ist weder Rechtsnachfolger irgendeiner Schule noch hat sie den Namen „Wilhelm Frede“ getragen.

Ein wesentlicher Bestandteil des Schulprofils der Gesamtschule Kleve ist die Partizipation von Eltern und Schülerinnen und Schülern. In einem mehrjährigen Prozess haben sich Vertreter des Schülerparlaments, der Schulpflegschaft und des Kollegiums anhand von Zielen, die mit einer Namensgebung verbunden sind und von Kriterien, was ein Schulname aussagen soll, in einem demokratischen Prozess auf den Namen „Gesamtschule am Forstgarten“ verständigt und diesen in der Schulkonferenz beschlossen. Der Name wurde u.a. deshalb gewählt, weil er ein Ausdruck eines Schulortes ist und damit den Eltern Orientierung gibt. Davon erhofft sich die Gesamtschule Kleve ein für das Entwickeln ihres Profils notwendiges Alleinstellungsmerkmal und sie zeigt gleichzeitig ihre Verbundenheit und Verpflichtung zu allen gesellschaftlichen Schichten in der Region und insbesondere zur Stadt Kleve.

Beide beschriebenen Anliegen sind berechtigt und in keinster Weise geeignet, um in einer hitzigen, öffentlichen Diskussion besprochen und durchgepaukt zu werden. Beide Seiten sind sich einig darin, dass dies der Person Wilhelm Frede nicht gerecht wird – und dass dieser dies sicherlich auch nicht gewollt hätte.

Schulleitung und Kirchenvertreter bekennen sich ausdrücklich zur gemeinsamen Verantwortung der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Einigkeit herrscht auch darüber, dass innerhalb dieser Auseinandersetzung und Erinnerung das Leben und Wirken von Wilhelm Frede seinen Platz finden muss und kann.

Deshalb haben beide Seiten vereinbart, dass es weitere Gesprächen zwischen dem Wilhelm-Frede-Kreis, vertreten von Herrn Diakon Michael Rübo und der Gesamtschule Kleve, vertreten durch Mitglieder des Schülerparlaments und der Schulleitung, geben wird. Ziel dieser Gespräche ist es, eine Perspektive zu entwickeln, wie das Gedenken an Wilhelm Frede wachgehalten werden kann, ohne dass die Gesamtschule gedrängt wird, einen bestimmten Namen zu übernehmen.

Damit hoffen sowohl Schulleitung als auch Kirchenvertreter einen Raum für sachliche Diskussionen zu schaffen. Beide Seiten versichern, dass diese Diskussion vom Ergebnis her offen sei.

Da diese Gespräche Zeit benötigen, wäre es für alle Seiten hilfreich, wenn die Entscheidung des Rates der Stadt Kleve zur Namensgebung der Gesamtschule Kleve verschoben würde.

Jürgen Schmitz, Schulleiter; Propst Johannes Mecking

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Bürgermeisterin Northing begrüßt weiteren Abstimmungsprozess zur Namensfindung Gesamtschule Kleve

Bürgermeisterin Sonja Northing begrüßt ausdrücklich, dass die geführte Diskussion wieder versachlicht und ein gemeinsamer Weg gefunden werde.

Sie rät gleichfalls davon ab, am 28.06.2017 im Rat der Stadt Kleve eine Entscheidung in der Sache herbeizuführen.

„Den Weg zunächst auch partizipatorisch unter Beteiligung des Schülerparlaments zu gestalten, um dann erneut im Schulausschuss ergebnisoffen zu beraten und letztendlich im Rat der Stadt Kleve eine Entscheidung zu treffen, kann nur der richtige Weg im Sinne unserer Demokratie sein“, so Northing.

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Wer war Wilhelm Frede?

Nur 13 Tage liegen zwischen den beiden Briefen, die Wilhelm Frede aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen (nördlich von Berlin gelegen) an seine Familie gesandt hatte, und schon ein bloßer Vergleich des Schriftbildes lässt erahnen, welche Qualen der ehemalige Vizekonsul der Niederlande aus Kleve dort durchlitten haben muss. Am 22. Februar 1942 meldete er seiner Frau: „Meine liebe Maria! Bin gesund und munter und hoffe von euch dasselbe…“ Am 7. März hieß es in mit zittriger Hand unruhig niedergeschriebenen Worten: „Mir geht es auch noch gut.“ Sechs Tage später war der 66 Jahre alte Mann tot, verstorben laut der offiziellen Dokumente aus dem Lager an „Herzschwäche bei Bronchiopneumonie“.Natürlich verschwiegen die bürokratischen Schergen, was die Ursache der tödlichen Erkrankung war. Wilhelm Frede, so sagten später Überlebende aus dem Konzentrationslager aus, war mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen an den Handgelenken aufgehängt worden (sodass die Schultern sofort auskugelten) und in der Eiseskälte mit Wasser übergossen worden – eine damals in Sachsenhausen gängige Praxis der Misshandlung von Gefangenen.Der Tod traf einen Menschen, der bis zuletzt standhaft geblieben und geradlinig seinen Überzeugungen gefolgt war – und der deshalb zu Recht zu den Klever Bürgern gezählt wird, deren Name in der Stadt mit Ehrerbietung und voller Hochachtung ausgesprochen wird. Das Buch, das Paul Gerhard Küsters über das Leben von Frede verfasst hat, trägt den Titel: „Ich halte stand“ – ein schlichter Satz, aber mehr muss man eigentlich nicht sagen, wenn man das Wirken des Konsulatsbeamten in einem Satz zusammenfassen will. Es gab nicht viele Menschen, die so wie er standgehalten hatten in den zwölf Jahren der Nazidiktatur in Deutschland von 1933 bis 1945.

Frede war der Widerstand gewiss nicht in die Wiege gelegt worden, vielmehr hat sich seine aufrechte Haltung über die Jahre gefestigt, basierend auf einem festen christlichen Fundament. Geboren wurde Frede am 29. Juni 1875 in Meiderich (damals noch nicht zu Duisburg gehörend) als Sohn eines Stahlarbeiters, der früh an den Folgen eines Arbeitsunfalls verstarb. Frede selbst hätte um ein Haar eine frühkindliche Diphtherie-Erkrankung nicht überlebt, absolvierte die Volksschule und eine Bürolehre, bevor er am 1. Mai 1897 im Alter von 22 Jahren eine Stelle als Buchhalter bei der Klever Weingroßhandlung Remy an der Kavarinerstraße antrat.

In Kleve fühlte er sich schnell wohl und wurde heimisch. Er trat dem eben erst gegründeten „Turnverein Merkur“ bei, er lernte Maria Brohl kennen und lieben, so dass schon bald in der Stiftskirche die Hochzeit geschlossen werden konnte, und als am 26. März 1904 Tochter Mechthild geboren wurde, war das junge Glück perfekt. Die Familie lebte in einer Wohnung in der Kavarinerstraße und bezog einige Jahre später das weiße Eckhaus Tiergartenstraße/Spyckstraße – dort, wo heute eine bronzene Gedenktafel an das Schicksal des tapferen Mannes erinnert.

Wilhelm Frede war sportbegeistert, er engagierte sich nicht nur bei Merkur Kleve, sondern auch beim VfL Lohengin (der betrieb Leichtathletik, die damals gerade in Mode kam) und war maßgeblich am Aufbau der katholischen DJK-Sportbewegung beteiligt. Der Sportplatz der DJK Kleve an der Tiergartenstraße trägt seinen Namen.

Frede war ein geachteter Bürger Kleves, der lange Jahre als Sekretär im niederländischen Konsulat wirkte (sein Chef, der Weinhändler, war der Konsul) und noch 1938 für seine vierzigjährige Tätigkeit als Diplomat mit dem königlichen Orden von Oranien-Nassau ausgezeichnet worden war. Doch da hatte sich schon der Schatten des Nationalsozialismus auf sein Leben gelegt. Weil er für die mehr und mehr öffentlich verfolgten jüdischen Mitbürger Kleves eintrat, galt er den Machthabern als „Judenfreund“.

Die Liste seiner angeblichen Verfehlungen, vom Klever „Sicherheitsdienst“ penibel dokumentiert, verzeichnet beispielsweise, dass er die Hand nicht zum „deutschen Gruß“ erhebe, dass er mit Juden spreche und ihnen helfe und dass er noch nie die Hakenkreuz-Flagge gehisst habe. 1940 besetzte das Deutsche Reich die Niederlande, woraufhin Frede als diplomatischer Vertreter Schwedens eingesetzt wurde, um niederländischen Staatsbürgern im Grenzgebiet zu helfen. Den Nazis gelang es allerdings, seine Entlassung zu erwirken – so dass er von den deutschen Behörden verfolgt werden konnte.

Schon am 3. November, nicht einmal einen Monat nach seiner Entlassung aus dem Dienst, wurde Frede in „Schutzhaft“ genommen, das heißt, etwas Konkretes konnte ihm nicht vorgeworfen werden. Im Abschlussbericht aus Kleve heißt es, er nehme eine „störrische Haltung“ ein, und im so genannten „Schutzhaftbefehl“ vom 19. Dezember 1941, der die Grundlage für die Überstellung ins Konzentrationslager Sachsenhausen war, ist vermerkt, dass Frede den Bestand und die Sicherheit des Volkes dadurch gefährde, „dass er durch seine wiederholt bekundete staatsabträglicher Haltung Unruhe und Ärgernis hervorruft und auch während des Krieges sich für ausländische Interessen einsetzt […]“.

Fredes Freund, der Gymnasiallehrer Dr. Heinrich Schönzeler, schrieb Ende 1941 in einem Brief an den zu der Zeit noch in Kleve Einsitzenden, er werde für ihn beten und: „Kopf hoch!“ Frede behielt mit Sicherheit seinen Kopf hoch, ein langes Leben jedoch war ihm nicht mehr vergönnt. Anfang Februar 1942 erfolgte die Verlegung nach Sachsenhausen, eine Woche dauerte der Transport. Einen Monat nach seinem Eintreffen in Sachsenhausen war der Häftling mit der Nummer 41087 tot.

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7 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 7. Joseph Johann

    Das ganze Thema Schule ist für Kleve kein Ruhmesblatt.

     
  2. 6. Zecke

    * Gesamtschule-D *

    Klingt sehr modern, jung stylisch (bis international) und hat Verbund zur unmittelbaren Gegend.

    (Gesamtschule-Düffel)

     
  3. 5. Günter Hoffmann

    … Danke Otto für diesen schönen Einwand. Dieses Buch sollte eigentlich Pflicht Lektüre für jeden Klever sein.. NS Geschichte wurde in Kleve nie auf gearbeitet. Die” glücklichen” Nachgeborenen leben heute noch glücklich und gut versorgt aus dieser Zeit…. mann nannte sie damals…. glaube ich… “Kriegs Gewinnler”.

     
  4. 4. otto

    Viel Anstand zeigt die Diskussion um den Namen W.F. aus meiner Sicht nicht. Der Name Frede war, ist und bleibt erinnerungwürdig
    und hoffentlikch immer unvergessen.

    Wer erinnert sich an das Buch Otto Webers -Tausend ganz normale Jahre-?. Viele Klever erkannten sich damals im Buch
    grüßend wieder und verhinderten eine zeitlang die Ausgabe dieses Buches.

    Nichts hat sich geändert, die Großmäuligen spazieren weiterhin erhobenen Hauptes im Bewußtsein ihrer Wichtigkeit
    durch Kleve.

     
  5. 3. kleinendonk

    Pofalla mein Vorschlag

     
  6. 2. jean baptiste

    Es macht einen schon traurig, wie verbissen gestandene Bürger hier um einen Namen kämpfen.
    Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß es um die Namensgeber selbst gar nicht geht.
    Weder Beuys noch Frede hätten sich vermutlich selbst zu Lebzeiten in der Position eines Namensgebers für eine Schule gesehen.
    Gerade für eine Schule hätte ich als Namensgeber eine historische Person aus Wissenschaft , Politik oder Verwaltung mit Bezug zu Kleve gewünscht, aber der Zug ist ja wohl endgültig abgefahren, ohne die bisher in der Diskussion befindlichen Namen zu beschädigen.
    Schule am Forstgarten ist wohl die am meisten neutrale Bezeichnung , Forstgärten gibt es in vielen Städten und gibt nicht direkt einen Bezug zu Kleve.

    Wenn man trotzdem noch einen Namensgeber sucht, wie wäre es z.B. mit Ritter Lohengrin oder Kaiser Otto III , mit ihm hätte man den Forstgarten mit abgedeckt (Otto III wurde 980 im Reichswald geboren) , aber Kleve zählt eine Vielzahl von berühmten Vorfahren die auch dem Nicht-Klever bekannt sein dürften.
    Der endgültigen Findungskommission wünsche ich eine gute Hand und wenig Fettnäpfchen.

     
  7. 1. Markus van Appeldorn

    Alle Beteiligten haben sich nach Kräften bemüht, ein Maximum an Dünnschiss und Bullshit-Bingo-Vokabular in ihren Presse-Erklärungen unterzubringen.