„Es gab Tage, da habe ich 80.000 Euro gewonnen“

rd | 06. Februar 2015, 15:27 | 21 Kommentare

Manchmal hatte er Glück, und dann nahm er sich vor, morgen alles wieder zurückzuzahlen. „Es gab Tage, da habe ich innerhalb einer Stunde 80.000 Euro gewonnen“, berichtete Bernd K. (40) – nicht schlecht für jemanden mit einem Jahresgehalt von 70.000 Euro. „Doch am nächsten Tag war alles wieder weg.“

(Artikel ist auch in der NRZ erschienen.) Weil er das Geld dann doch nicht zurück in den Tresor der Aldi-Filiale in Kleve-Kellen gelegt hatte, sondern auf der Jagd nach dem noch größeren Gewinn war. Das Gespür für den Ausgang von Fußballspielen hatte ihn am folgenden Tag wieder verlassen. Um diesen Verlust auszugleichen, griff er erneut in die Kasse des Discounters – ein Teufelskreis, an dessen Ende nun ein Strafprozess vor dem Amtsgericht Kleve und eine halbe Million Euro Schulden stehen.

Als die Sache im Frühjahr 2014 nach sechs Monaten aufflog, hatte K. 105 mal so genannte „Safe Packs“, nummerierte Plastikbeutel zur Bargeldaufbewahrung, aus dem Tresor der Filiale entwendet und die Fälle gegenüber seinen Vorgesetzten mit raffinierten Umbuchungen und anderen Täuschungsmanövern verschleiert. So konnte K. zusätzlich zu dem Privatvermögen, dass er zuvor bereits verwettet hatte, auch noch 260.290 Euro von Aldi verzocken. Als er enttarnt wurde, sei er „irgendwie auch erleichtert“ gewesen.

Man glaubt es ihm, so wie er da jetzt reumütig im Amtsgericht Kleve auf der Anklagebank sitzt. 40 Zuschauer sind gekommen, ehemalige Kollegen., Nachbarn. K. trägt ein hellgrünes Hemd und dunkles Sakko, sein Gesicht wirkt noch ein wenig jungenhaft, und der Ausdruck ist – zerknirscht. K. sagt: „Ich möchte Verantwortung übernehmen und versuche, das Geld zurückzuzahlen, und besonders möchte ich mich bei meiner Frau entschuldigen – ich kann es leider nicht rückgängig machen.“

In dem Verfahren räumte K. die Vorwürfe der Anklage in vollem Umfang ein: „Ja, das ist alles korrekt.“ Eindringlich schilderte er dann, wie die Spielsucht von ihm Besitz ergriff. Es fing an im Casino in Nimwegen, wo er 30.000 Euro Privatvermögen verzockte. 2006 ließ er sich dort sperren und hielt zwei Jahre durch, bevor er Online-Sportwetten als neues Betätigungsfeld für sich entdeckte. Fünf Jahre wettete er auf Fußballspiele, „dann waren alle Konten leer“ – und er griff erstmals in die Kasse seines Arbeitgebers.

Aldi feuerte ihn nach der Entdeckung und forderte das Geld zurück. Jetzt arbeitet K. als Schichtleiter in Emmerich und ging seine Spielsucht mit einem stationären Klinikaufenthalt und mit Gesprächstherapien an. Reue, Wiedergutmachungsbemühungen und Krankheitseinsicht – all dies veranlasste Staatsanwalt Hirneis, trotz der Schwere der Tat nur eine zweijährige Bewährungsstrafe zu fordern. Dem schloss sich auch K.s Verteidiger Dr. Karl Haas an: „Sein Geständnis ist nicht nur Informationsübermittlung, sondern heißt, dass er zu der Sache steht.“

Richter Reekers sah die Sache in seinem Urteil ebenfalls im sanften Licht der mildernden Umstände und hob insbesondere die pathologische Spielsucht sowie die „tiefe Tatreue“ des Angeklagten hervor. Auch den Staat nahm er in die Pflicht: „Die Gesellschaft wird sich Gedanken darüber machen müssen, ob es richtig sein kann, dass jemand innerhalb weniger Tage sein ganzes Vermögen verspielt.“

Das Amtsgericht verhängte eine eine Haftstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, so dass K. unmittelbar nach der Urteilsverkündung von seiner Frau freudestrahlend umarmt werden konnte – bei aller Tragik ein kleines Happy End.

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21 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 21. wilhelmIII

    GSD war das Strafgericht weiser und milder, als so mancher Hardliner hier!

     
  2. 20. Turnschuh

    Man man man,
    die ziehen wir für alles übel der welt mal die Sucht heran, der eine ist süchtig nach Macht, der andere nach Geld und der nächste nach Ruhm.
    Damit ist doch eigentlich alles Elend in der Welt entschuldigt, und keiner wars.
    Ansichten gibts, da kann ich nur noch den Kopfschütteln!

     
  3. 19. TheFlash

    Ich hoffe mal, dass der Handabhack-Befürworter kein PegIdA-Sympathisant ist;)
    Das Urteil entspricht aufgrund der sozialen Prognosen, der Reue und der „Ersttäter“-Beurteilung vielen vorherigen Urteilen. Auch die Zurechnungsfähigkeit, gemessen an dem emotionalen Stress durch die aktive Sucht spielte gewiss eine Rolle.
    Sicherlich gab es ein hohes Maß an krimineller Energie, jedoch hat der Täter ja die Chance, sich in Zukunft zu bewähren.
    Die Schulden, die zu gewährleistende Abstinenz und Erhaltung der Familie werden sicherlich ein Höchstmaß an Anstrengung und Kraft erfordern.
    Ich erbäte mir dieselben Chancen, wenn ich in solch einen Strudel geraten würde.

     
  4. 18. klas

    Spielsucht ist genauso eine sucht wie Alkohol oder Drogen und was es sonst noch so gibt, man macht fast alles um seine sucht zu Befriedigung. Man muss sich auch mal die Frage stellen, warum wird man süchtig!? Sowas kommt nicht von heut auf morgen, sowas hat immer eine Vorgeschichte…Schlechte Kindheit, ein tragisches Schicksal, keinen Job oder verloren usw nicht jeder wird mit diesen Problemen nicht fertig. Ja, Und man sucht sich halt was um diese Probleme zu verdrengen…..

     
  5. 17. wilhelmIII

    @rd

    Muss ich wirklich erklären, dass man eine Hand nur einmal abhacken kann?

    Fünfmal abhacken wäre genauso unmöglich, wie die Forderung, die 260 T€ zu begleichen.

    @Paul s.

    Auf 3600 € belief sich laut RP das Gesamteinkommen. Wird die Frau jetzt schon in Sippenhaft genommen?

     
  6. 16. MarkusII

    Chapeau vor diesem „Täter“. Er hat nicht den Kopf in den Sand gesteckt und sich vor Gericht und Beteiligten geoutet.
    Er hat eine Therapie durchlaufen, jedoch das schlimmste ist der Scham, die Lügen, alles verloren zu haben. Und jetzt noch das „Nachtreten“ von unbeteiligten, die überhaupt nicht wissen, was Spielsucht ist oder auslöst, ist viel Schlimmer als eine Strafe.

     
  7. 15. rd

    @wilhelmIII Den Hand-Kommentar habe ich ironisch verstanden, sonst hätte ich ign nicht genehmigt. Das Geld ist nie weg, es befindet sich nur im Besitz eines anderen.

     
  8. 14. wilhelmIII

    @12 „zu Ihrer Info:

    K. hat sein Urteil bzw. seine Urteile von den Gerichten bekommen und soweit ich weis, noch seine Hände!“

    Das ist aber auch schon alles was Sie mitbekommen haben.

    Der Mann hat aufgrund einer Suchtkrankheit gehandelt. Dafür sind schon viele, die mehr verbrochen haben wesentlich milder davon gekommen. Im übrigen habe ich auch nicht die Gerichte angezweifelt, sondern davon gesprochen, dass Aldi Größe zeigen könnte. Das ist eine andere Sache. Dieser Laden trägt durch sein leichtsinniges Finanzgebaren eine Mitverantwortung. Allein schon der Familie gegenüber, die ohne Verantwortung mit in den Abgrund gezogen wird, wäre ein Teilverzicht auf Schadenersatz eine große menschliche Geste und wäre für Aldi eine respektable Haltung in der Öffentlichkeit.

    Das Geld bleibt so oder so weg, ganz egal, wie oft man die Hände abhackt.

     
  9. 13. Paul s.

    @willhelmIII
    …ich bin überzeugt, dass Sie genauso auf Ihr Geld verzichten, sollten sie mal betrogen oder bestohlen werden.
    Bei einem Einkommen von 3600 € bleibt ja oberhalb der Pfändungsfreigrenze genug um den Schaden wieder gut zu machen.

     
  10. 12. Müller

    wilhelmIII,

    zu Ihrer Info:

    K. hat sein Urteil bzw. seine Urteile von den Gerichten bekommen und soweit ich weis, noch seine Hände!

     
  11. 11. wilhelmIII

    @10 „Ich halte es für nicht angemessen und auch nicht für Gerecht den Täter zu schonen.“

    Richtig! Schlagt dem Kerl fünfmal die Hände ab!

     
  12. 10. Müller

    Ich glaube hier wird was verwechselt.

    Nicht ALDI hat hier betrogen / unterschlagen, sondern K. aus Kellen!

    Ich halte es für nicht angemessen und auch nicht für Gerecht den Täter zu schonen.

     
  13. 9. jean baptiste

    @2 w.w. na ja , die Familie Aldi hält sich da schon raus, das macht die zuständige GmbH und Co KG ….
    Aldi ist prinzipiell in 2 Unternehmensgruppen – Süd – und Nord getrennt,
    zu Süd (worunter auch Kleve zählt) gehören neben der ALDI Einkauf GmbH & Co. oHG
    Unternehmensgruppe ALDI SÜD , noch folgende :
    ALDI GmbH & Co. KG Adelsdorf, Holzäckerstr. 1, 91325 Adelsdorf
    ALDI GmbH & Co. KG Aichtal, Riedstr. 8 – 12, 72631 Aichtal
    ALDI GmbH & Co. KG Altenstadt, Illertalstr. 2, 89281 Altenstadt
    ALDI GmbH & Co. KG Bingen, An den Steinäckern 1, 55411 Bingen
    ALDI GmbH & Co. KG Bous, Am Bommersbacher Hof 1 – 5, 66359 Bous
    ALDI GmbH & Co. KG Butzbach, In der Alböhn 1, 35510 Butzbach
    ALDI GmbH & Co. KG Donaueschingen, Pfohrener Str. 50, 78166 Donaueschingen
    ALDI GmbH & Co. KG Dormagen, Edisonstr. 12, 41542 Dormagen
    ALDI GmbH & Co. KG Ebersberg, Anzinger Str. 6, 85560 Ebersberg
    ALDI GmbH & Co. KG Eichenau, Holzkirchner Str. 10, 82223 Eichenau
    ALDI GmbH & Co. KG Eschweiler, Mariadorfer Str. 1, 52249 Eschweiler
    ALDI GmbH & Co. KG Geisenfeld, Römerstr. 2, 85290 Geisenfeld-Ilmendorf
    ALDI GmbH & Co. KG Helmstadt, Würzburger Str. 56, 97264 Helmstadt
    ALDI GmbH & Co. KG Kerpen, Humboldtstr. 37 – 44, 50171 Kerpen
    ALDI GmbH & Co. KG Ketsch, Karlsruher Str. 2, 68775 Ketsch
    ALDI GmbH & Co. KG Kirchheim, Rosengartenweg 11, 67281 Kirchheim a.d. Weinstraße
    ALDI GmbH & Co. KG Kleinaitingen, Messerschmittstr. 2, 86507 Kleinaitingen
    ALDI GmbH & Co. KG Langenfeld, Karl-Benz-Str. 4 – 6, 40764 Langenfeld
    ALDI GmbH & Co. KG Langenselbold, Am Seegraben 16, 63505 Langenselbold
    ALDI GmbH & Co. KG Mahlberg, Rotacker Str. 19 – 51, 77972 Mahlberg-Orschweier
    ALDI GmbH & Co. KG Mönchengladbach, Korschenbroicher Str. 605, 41065 Mönchengladbach
    ALDI GmbH & Co. KG Montabaur, Am Alten Galgen 21, 56410 Montabaur
    ALDI GmbH & Co. KG Mörfelden, Hessenring 1, 64546 Mörfelden
    ALDI GmbH & Co. KG Mülheim, Burgstr. 37, 45476 Mülheim a.d. Ruhr
    ALDI GmbH & Co. KG Murr, Lehmgrube 5, 71711 Murr
    ALDI GmbH & Co. KG Rastatt, Im Wöhr 7 – 9, 76437 Rastatt
    ALDI GmbH & Co. KG Regenstauf, Benzstr. 11, 93128 Regenstauf
    ALDI GmbH & Co. KG Rheinberg, An der Rheinberger Heide 11, 47495 Rheinberg
    ALDI GmbH & Co. KG Roth, Gildestr. 17, 91154 Roth
    ALDI GmbH & Co. KG St. Augustin, Im Mittelfeld 11, 53757 St. Augustin
    ALDI GmbH & Co. KG Wittlich, Röntgenstr. 30, 54516 Wittlich

    Sollten die mal pleite gehen (höchst unwahrscheinlich) wären wohl etwa ein halbes Gros an Insolvenzverwalter nötig :-)))

    Aber die sind dafür bekannt, daß ihnen auch der letzte cent noch heilig ist , also nettes Angebot .. imho forget it.

     
  14. 8. rd

    @MvA Stimmt, die Möglichkeiten sind begrenzt, aber an Aldis Stelle würde ich den Ball sehr, sehr flach halten…

     
  15. 7. Markus van Appeldorn

    Größe hin oder her. Ich fürchte mal, das geschädigte Unternehmen könnte gar nicht so einfach auf das Geld verzichten. Einfach mal großherzig auf eine rechtsgültige Forderung zu verzichten, würde möglicherweise den Tatbestand einer Veruntreuung erfüllen. Zugegeben, die Forderung dürfte aktuell wertlos sein.

     
  16. 6. rd

    Er hat Haus und Hof verspielt. Wenn jemand so etwas macht, darf man – glaube ich – von einer grundsätzlichen Störung sprechen. Wer ihn vor Gericht gesehen hat, hat gemerkt, dass er tatsächlich darunter gelitten hat.

     
  17. 5. wilhelmIII

    @Paul s.

    Das ist halt das Problem, Größe besitzt nicht jeder.

    Leben und leben lassen!

     
  18. 4. Paul s.

    @willhelmIII
    …klar jeder darf demnächst seinem Arbeitgeber in die Kasse greifen und zahlt dann 10% als Spende.
    Das ist auf jeden Fall günstiger als ein Kredit bei der Bank.
    Ich war auch spielsüchtig, wenn ich das geahnt hätte…..

     
  19. 3. rd

    Ein Leser machte mich auf die Rolle der Banken aufmerksam, die es mit dem Geldwäschegesetz offenbar nicht so genau nehmen. Jedenfalls zahlte der Täter einen Großteil der Viertelmillion sukzessive bar bei der Postbank ein, ohne dass dies Verdacht erregt hätte.

     
  20. 2. willi winzig

    Ehrliche Bewunderung und Anerkennung für die Ehefrau.
    Wünsche Beiden das Beste für die Zukunft. Jeder hat eine neue Chance verdient!
    Hoffe die Familie Albrecht wird ihnen in ein paar Jahren eine finanzielle Lösung ermöglichen.

     
  21. 1. wilhelmIII

    Aldi könnte hier Größe zeigen und die Schuld, die sie eh nicht zurück erhalten werden, erlassen. Stattdessen könnten sie den Filialleiter z.B. zu einer Spende von 26029 € verdonnern. Das wäre realisierbar und auch ein Denkzettel.