Die geteilte Stadt (nein, nicht Berlin)

rd | 22. August 2017, 10:18 | keine Kommentare
Berühmte Fotomontage von Ewald Steiger: Elefanten vor dem Hoffmann-Werksgebäude (Foto: Stadtarchiv Kleve)

Berühmte Fotomontage von Ewald Steiger: Elefanten vor dem Hoffmann-Werksgebäude (Foto: Stadtarchiv Kleve)

(Tag der Presseschau, Teil 2) Die NRZ-Serie zum Klever Stadtjubiläum befasste sich am Wochenende mit den beiden Klever Unternehmen Union und Hoffmannn, auch dies ein Beitrag aus meiner Feder:

Eine revolutionäre Idee und ein bürokratischer Akt sorgten gegen Ende des 19. Jahrhunderts dafür, dass Kleve die Zeit als verarmte ehemalige Residenzstadt, die von ein paar Monaten Kurtourismus im Sommer lebte, hinter sich ließ und in der Moderne ankam. Die Moderne, das hieß: Fabriken, rauchende Schlote, Heerscharen von Arbeitern. Ein gutes Jahrhundert, von den Wirren des Zweiten Weltkriegs einmal abgesehen, blieb dies das Gesicht der Stadt.

1887 erließ Reichskanzler Bismarck ein Zollgesetz, das auf die Einfuhr von Margarine einen Strafzoll von zweihundert Mark je Tonne erhob. Die neue Regelung störte das Geschäft des Fabrikanten Simon van den Bergh erheblich. Der Unternehmer hatte sich im niederländischen Oss, fünfzig Kilometer westlich von Kleve, einem neuen Gewerbe zugewandt, der Produktion von „Kunstbutter“. Das Erzeugnis erhielt wegen seines perlenartigen Glanzes den Namen Margarine.

Das Produkt ließ sich günstiger herstellen als Butter, und es fand schnell reißenden Absatz – auch in Deutschland. Um die heimischen Produzenten zu schützen, erhob das Deutsche Reich deshalb die Strafzahlung auf die Importe. Van den Bergh und andere Unternehmer suchten nach einem Ausweg.

Die Lösung war die Gründung von Zweigniederlassungen jenseits der Grenze. „Grund für die Ausdehnung ihrer Interessen nach Deutschland war der Wunsch, die hohen Schutzzölle zu umgehen“, schreibt Barbara Hendricks, heute Bundesumweltministerin, in ihrer Doktorarbeit. „Mit diesen Gründungen beginnt die eigentliche Geschichte der Margarineindustrie am unteren Niederrhein.“

Das Werk van den Berghs wurde bereits am 20. August 1888 eröffnet; es lag strategisch günstig im Kellen in Nachbarschaft zum Bahnhof sowie unweit des Spoykanals. Schon sechs Jahre später produzierte die Fabrik ausweislich einer Statistik des Regierungsbezirks Düsseldorf 120.000 Zentner Margarine pro Jahr und beschäftigte 200 Arbeiter. Der Konkurrent Jurgens & Prinzen in Goch hatte 160 Menschen in Lohn und Brot und stellte 200.000 Zentner pro Jahr her. Landrat Eich kommentierte die Zahlen: „Sämtliche Etablissements werden unausgesetzt erweitert, die Zahl der Arbeiter vermehrt sich stetig.“

Der Klever arbeitete „op de Butter“, und was in Kleve von den Bändern lief, war schon bald in ganz Deutschland bekannt – weil die Marken wie Blauband, Rama und Clever Stolz aggressiv in den Markt gedrückt wurden. Verantwortlich dafür war unter anderem Johann Manger, ein Mann, von dem sich sagen lässt, dass er – offiziell als Generaldirektor fungierend – der erste Manager in der Stadt war.

Charles Wilson beschreibt den Werkschef in seiner „Geschichte von Unilever“ mit folgenden Sätzen: „Manger war ein stämmiger, kraftstrotzender Kerl. Er besaß einen Stiernacken, war nicht sonderlich feinsinnig und genoss den Ruf, jeden unter den Tisch trinken zu können.“ Rastlosigkeit war sein Markenzeichen: 200 Nächte pro Jahr soll er in Schlafwagen der Eisenbahn verbracht haben.

Parallel dazu entwickelte sich in der Oberstadt ein Musterbeispiel für einen patriarchalischen Familienunternehmer. Im Alter von nur 24 Jahren gründete Gustav Hoffmann, Sohn eines Kleinhändlers aus der Innenstadt, gemeinsam mit dem fünf Jahre älteren Fritz Pannier eine Fabrik, die sich auf die Herstellung von Kinderschuhen spezialisierte – damals eine revolutionäre Idee. Zu der Zeit trugen Kinder Schuhe, die rechts wie links getragen werden konnten. Ein Fußbett, das sich der Form des Fußes anpasst, war nur Erwachsenen vorbehalten.

Auch diese Idee wurde ein Erfolg, der von Kleve aus die Welt eroberte. Hoffmann kam durch seine „Elefanten“-Schuhe zu sagenhaften Reichtum, den er auch entsprechend zelebrierte – er sammelte Häuser wie andere Leute Briefmarken, er fuhr einen Minerva, eine Luxuskarosse, die beispielsweise auch Henry Ford besaß. Die Karosserie seines Wagens hatte er persönlich entworfen, zum Chauffeur hielt er mit einem Sprechrohr Kontakt. Hoffmann hatte in Kleve die Telefonnummer 1 und starb, wie er lebte – während eines Karnevalsballs im Hotel Maywald (das ihm auch einmal gehörte) im Februar 1935 beim Tanzen vom Herzinfarkt gefällt.

In einem gewissen Sinne spalteten die beiden Werke die Stadt: „Op de Botter“ waren die Menschen tendenziell eher rechts und dem VfB Kleve zugetan. Die „Schüsterken“ neigten politisch nach links und schlossen sich mehrheitlich dem Sportclub 1863 Kleve an.

Diese Spaltung aber ist längst Geschichte, so wie es auch die der beiden Industrien selbst ist. Im Unilever-Konzernverbund wurde der Standort Kleve bedeutungslos und weitestgehend abgewickelt, aktuell steht die gesamte Lebensmittel-Sparte zum Verkauf. Die Schuhproduktion in Deutschland wurde zu teuer, der britische Konzern Clarks, seit 2001 Besitzer des Klever Traditionsunternehmens, legte den Standort 2004 komplett still.

Beide Areale gehören nun dem Klever Unternehmer Bernd Zevens. In der Oberstadt entwickelte er ein Einkaufszentrum mit vielen Parkplätzen, nur der alte Schlot erinnert noch an die Vergangenheit des Geländes. In der Unterstadt entsteht ein neuer Stadtteil – lediglich die denkmalgeschützte Produktionshalle soll als Gewerbeimmobilie neu erschlossen werden.

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