Das Zeitfenster des Todes – ein Wimpernschlag

rd | 07. Dezember 2017, 18:22 | 10 Kommentare
Abbiegevorgang mit tödlichen Folgen: Dechant-Sprünken-/Weseler Straße (Foto: Google Maps)

Abbiegevorgang mit tödlichen Folgen: Dechant-Sprünken-/Weseler Straße (Foto: Google Maps)

Die sicherste Art, einen Radfahrer zu töten, ist ihn mit einem rechts abbiegenden Lastwagen zusammenzubringen.

77 Radfahrer starben im vergangenen Jahr in Deutschland nach Kollisionen mit Lkw. Bei der Hälfte dieser Unfälle war der Lkw-Fahrer im Begriff, nach rechts in eine Straße abzubiegen. Einer dieser Unfälle ereignete sich am 5. August des vergangenen Jahres um 7:35 Uhr an der Kreuzung Dechant-Sprünken-Straße/Weseler Straße in Emmerich, als ein 24 Jahre alter Radler aus Kleve unter einen Sattelzug geriet und wenig später Krankenhaus verstarb.

Am Donnerstag verhandelte nun das Amtsgericht Emmerich die Umstände dieses Unfalls, angeklagt wegen fahrlässiger Tötung war der Fahrer des Lastwagens, ein Mann aus Xanten, der tags zuvor 50 Jahre alt geworden war.

Doch, und das war deutlich anzumerken, die 16 Monate zurückliegenden Geschehnisse lasteten schwer auf der Seele des Mannes, der 25 Jahre Berufskraftfahrer ist, in dieser ganzen Zeit nie in einen Unfall verwickelt war und lediglich einen Eintrag in der Verkehrssünderkartei hat – weil er einmal auf der Autobahn den Abstand nicht eingehalten hatte.

Dann aber kam jener Tag im Sommer des vergangenen Jahres. „Ich stand an der roten Ampel“, berichtete der Angeklagte. „Den Blinker hatte ich gesetzt. Dann kam Grün, da kommt automatisch der Spiegelblick, und da war nichts.“ Er fuhr los. Dann habe er „etwas gemerkt“, sei ausgestiegen und sofort von einem Passanten vom Geschehen weggeführt worden. Der Mann habe in zu einer Tankstelle gebracht und dort beruhigend auf ihn eingeredet.

Denn da war doch etwas: Ein 24 Jahre alter Radfahrer hatte den Lastwagen rechts passiert, prallte erst gegen das Vorderrad der Zugmaschine, dann gegen den Auspuff, kam zu Fall und wurde von den Rädern des Aufliegers überrollt. „Ich musste beobachten“, sagte eine Zeugin, „wie der Radfahrer im Prinzip in den Lkw hineingefahren ist.“

Wie aber konnte das passieren? Gutachter Uwe Roggendorf rekonstruierte das Geschehen. Demnach war der Radfahrer etwa vier Sekunden vor dem Unfall (bei einer angenommenen Geschwindigkeit von 20 km/h) noch nicht im Bereich, der vom Seitenspiegel des Lkw erfasst wird. Aufgrund der besonderen Situation an der Einmündung (die Straße verschwenkt leicht nach links) zog der Fahrer sein Gespann erst gerade vor, um dann das Lenkrad rechts einzuschlagen – da aber war der Radfahrer genau so weit vorgedrungen, dass er wieder aus dem Blickfeld verschwunden war. Der Zusammenstoß war nicht mehr zu verhindern.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände. Richterin Hölker betonte wohl auch deshalb mehrfach die Tragik des Geschehens: „Hier ist ein junger Mann gestorben, es gibt kaum etwas Schlimmeres.“ Gleichwohl aber gelangte sie nach der Vernehmung von zwei Zeuginnen und aufgrund der Aufklärungsarbeit des Gutachters zu der Erkenntnis, dass das spätere Opfer das Unglück mitverursacht hat: „Das große Verschulden aber liegt bei dem Radfahrer selber.“

Offen blieb, warum der junge Mann trotz des abbiegenden Lastwagens das Wagnis auf sich nahm, geradeaus zu fahren. Nahm er aufgrund der ersten Meter, die der Lastwagen zurückgelegt hatte, an, dass dieser geradeaus fahren würde? War er unkonzentriert und abgelenkt? Eine Zeugin schilderte, dass der 24-Jährige Kopfhörer getragen habe und in einer geduckten Haltung gefahren sei.

Und in dieser Weise radelte er genau zwischen zwei Kontrollblicken des Lkw-Fahrers in den Kreuzungsbereich ein. „Vier Sekunden, das ist eine sehr kurze Zeit“, so der Gutachter. Vier Sekunden, das war an der Dechant-Sprünken-Straße das Zeitfenster des Todes. „Ein Wimpernschlag, der tragische Folgen hatte“, sagte die Richterin. Sie stellte das Verfahren wegen geringer Schuld ein und folgte damit dem Antrag der Verteidigung, dem sich auch die Staatsanwaltschaft anschloss.

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10 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 10. Echte Kriminalpolizei

    @4 rd

    Nein, nicht sehenden Auges, aber tauben Ohres …

    Radfahrer mit Knöpfen im oder Hörer auf dem Ohr sind mir genau so ein Gräuel wie Autofahrer mit dem Smartphone in der Hand oder auf dem Schoß!

    Schlimm genug, dass der arme Lkw-Fahrer und die Angehörigen nun darunter zu leiden haben, dass es wieder einer besser wusste und konnte, als die anderen, die zu solchem Verhalten immer den mahnenden Finger erheben und über die solche Ignoranten nur laut lachen …

     
  2. 9. Joseph Johann

    Es ist ein wahrlich schlimmer Vorgang. Aber die Verkehrsdisziplin läst sehr zu wünschen übrig. Fahren ohne Licht, auch in der Dämmerung. Richtungsanzeige, Blinkzeichen nicht anwenden. Zigarette und Telefon beim Fahren am Lenkrad. Ist das nur Gedankenlosigkeit oder Selbstüberschätzung?

     
  3. 8. Der Emmericher

    @rd
    Sie schreiben ” Man fährt ja nicht sehenden Auges in einen Lkw.”…
    Ich bin beruflich sehr viel mit dem PKW unterwegs und muss ganz oft feststellen, es gibt Radfahrer, die scheinen zu glauben, sie hätten, geschützt durch ihren Alurahmen und zwei Reifen, so eine Art Unsterblichkeitsmodus.
    Ich war nicht dabei als der Unfall geschah und das ist bestimmt auch gut für meinen Seelenfrieden, ich denke aber schon das nicht auszuschließen ist, dass der Radfahrer gedacht hat, das schaff ich, oder der LKW Fahrer sieht mich schon, der wird schon bremsen. Leider mussten hier, warum auch immer, zwei Leben zerstört werden. Und ich kann mir nicht vorstellen das der Radfahrer unschuldig ist.

     
  4. 7. HP.Lecker

    Es kommt wohl immer wieder vor, dass sich Radfahrer mit Kraftfahrzeugen “anlegen” oder umgekehrt. So wäre auch neulich als Fahrer eines Kraftfahrzeugs in einer Kollision mit einem Radfahrer verwickelt worden. Und zwar auf Grade Strasse, die ich befuhr. Auf der Gegenseite staute sich der Verkehr kurzweilig, weil ein Verkehrsteilnehmer beim Rechrsabbiegen zunächst stehen bleiben musste um einen Radfahrer von sich aus gesehen rechts an sich vorbei zu lassen u ihm die Verfahren zu gewähren. Hinter der auflaufenden Reihe der PkwS scherte dann plötzlich mit recht zügiger Fahrweise ein Radfahrer aus genau auf meine Fahrbahn mir entgegen. Er überholte sozusagen den Rückstand und fuhr mir dabei beinahe ins Auto. Nur ganz knapp konnte eine Kollision verhindert werden. Wäre es zu einer Kollision gekommen mit der Folge einer schweren Verletzung oder sogar mit Todesfälle wäre die Justiz wieder zu bemühen und die psychischen Folgen für die Unfallbeteiligten auch wieder immenz.

     
  5. 6. Löhengräm

    @Ralf:

    Ich ziehe an der Ampel grundsätzlich(!) nicht an einem LKW/Bus vorbei. Egal ob er gradeaus, rechts oder links fährt.
    Ich bleibe sogar dann (in der Großstadt) hinter solchen Fahrzeugen (insbesondere Bussen), wenn mir eine Fahrradspur zur Verfügung steht. Vielleicht zuviel des Guten, aber ich machs.

    Fahre ich wie auch der LKW geradeaus, bleibe ich weiterhin dahinter oder ich überhole nach der Kreuzung z.B. bei Bussen die anhalten, links.

    Sollte sich die seltene Konstellation ergeben dass ich an der Kreuzung neben einem LKW stehe, z.B. weil ich zuerst da war und der LKW links neben mir an die Ampel fährt, hat mich der Fahrer 1.) gesehen und 2.) ziehe ich bei grün viel schneller aus der Kreuzung weg als der LKW beschleunigen kann.

     
  6. 5. rd

    Es geht mir auch nicht darum, Lkw-Fahrer anzuprangern. Vereinfacht gesagt, sterben in Deutschland mehr Menschen durch Lkw als durch Terror. Wird aber als strukturelle Gewalt hingenommen – und dies, obwohl es längst technische Systeme gibt, die solche Unfälle wie diesen aus Emmerich verhindern könnten…

     
  7. 4. rd

    @Löhengräm Der ganze Unfall ergibt m. E. nur einen (tragischen) Sinn, wenn der Radfahrer in Unkenntnis oder falscher Einschätzung nach dem Anfahren des Sattelzuges davon ausgegangen ist, dass dieser geradeaus fährt. Man fährt ja nicht sehenden Auges in einen Lkw.

     
  8. 3. Löhengräm

    Seit mehr als 40 jahren fahre ich nur Fahrrad, habe kein Auto, habe aber LKW- und Busführerschein.
    Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man als Radfahrer an einer roten Ampel an einem Sattelschlepper, Kofferzug, Bus, Traktor oder sonstiges rechts vorbeiziehen kann.

    Nach vorne ziehe ich nur wenn PKW’s an der Ampel stehen. Bei LKW’s uind Bussen bleibe ich immer(!) dahinter.
    Es ist ein unbedeutender Zeitvorteil und ich weiss um die Problematik der Sichtverhältnisse für den Fahrer.

    Schon gar nicht ziehe ich bei (an)fahrendem LKW/Bus vorbei. Wenn ich das überhaupt in Erwägung zöge, NUR bei stehendem Fahrzeug. Springt die Ampel zwischenzeitlich auf grün, bleibe ich sofort(!) stehen, auch wenn ich schon teilweise am Fahrzeug vorbeigezogen habe.

    Ich verstehe nicht warum sich andere Fahrradfahrer so in Gefahr bringen. Auch wenn es laut STVO erlaubt ist.

     
  9. 2. Andreas Bulkens

    Schlimm! Für den Fahrer, für die Hinterbliebenen.
    Schlimm, dass die NFZ-Industrie die bereits erprobten und lebensrettenden Assistenzsysteme nur widerwillig und gegen Aufpreis verbaut.
    Schlimm, dass der Gesetzgeber hier nicht den aktuellen Stand der Technik einfordert.
    LKW … da ist die Rundumüberwachung der oder des BKF generell implementiert (Flottenkontrolle, GPS, digitaler Tachograph, Mautgeräte etc.pp.)…in Effizienz wird investiert.
    Es gibt so tolle Notbremssysteme etc.pp. … der Schritt zum autonomen LKW ist in Reichweite … aber die lebensrettenden Systeme in den aktuellen Fahrzeugen sind Mangelware.

     
  10. 1. schlips

    Eine für alle Seiten traurige Geschichte! Sie erinnert mich nur all zu gut an die Erkenntnisse aus meiner Zeit als Motorradfahrer! Wichtigstes war: rechne immer damit, nicht gesehen zu werden! Ich denke auch heute als Radfahrer oft an diesen Leitsätze und kann nur jedem raten, ihn ebenfalls zu beherzigen! Mit der Schuld des LKW-Fahrers wollte ich nicht- und will wohl auch sonst niemand leben müssen…