(9/24) Heute drei Könige!

rd | 09. Dezember 2016, 22:54 | 7 Kommentare
Darauf einen Dujardin!

Darauf einen Dujardin!

Kunst ist, woran man hängenbleibt. (Ich weiß, dass Artikel, die mit dem Wort Kunst beginnen, die Lesequote drastisch nach unten drücken. Aber egal, das ist ein für Kleve wichtiges Thema.) Im Fall der drei oben abgebildeten Holzskulpturen waren es nicht die faktischen Informationen, beispielsweise der Umstand, dass eine Expertin den 500 Jahre alten Figuren einen Erhaltungsgrad von 95 Prozent bescheinigte, oder die Tatsache, dass das Museum hofft, mit tatkräftiger Unterstützung von Stiftungen und auch von den Klever Bürgern insgesamt eine Summe im oberen sechsstelligen Bereich versucht aufzubringen.

Diese Summe wird aller Voraussicht nach (das letzte Wort haben da Gutachter) nötig sein, um das Kunstwerk für immer in den Besitz der Stadt überzuführen. Noch ist es eine, wie das im Museumsdeutsch heißt, „Dauerleihgabe aus Privatbesitz“. Das, salopp ausgedrückt, Blöde fürs Museum war die Tatsache, dass der große Schnitter Veränderungen in der Besitzstruktur nach sich zog. Heißt: Der Privatbesitzer ist verstorben, die Erben des verstorbenen Besitzers wollten die „Heiligen Drei Könige“ des Kalkarer Bildhauers Henrik Douverman (ca. 1480-1543/44) auf dem internationalen Kunstmarkt zu Geld machen. Das ist ihr gutes Recht.

Nun sind die Erben allerdings dem Klever Museum sehr gewogen und haben Professor Harald Kunde und seinem Team ein Vorkaufsrecht eingeräumt. Aber, es handelt sich um Kunst von anerkannt historischer Bedeutung, und die kostet. Deshalb setzt das Museum alle Hebel in Bewegung, um das Werk in der Stadt zu halten. Valentina Vlasic: „Wenn uns das gelingt, knallen hier die Champagnerkorken!“

Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Vorbehaltlich der gutachterlichen Einschätzung ist davon auszugehen, dass nahezu perfekt erhaltene, ein halbes Jahrtausend alte Holzskulpturen dieser Güteklasse wirklich Geld kosten. Weder die Stadt noch der Freundeskreis des Museums alleine können die Summen, um die es geht, aufbringen. Deshalb versucht Vlasic, hochkarätige Stiftungen wie beispielsweise die Ernst von Siemens Stiftung und die Kulturstiftung NRW mit ins Boot zu holen. Erste Rückmeldungen, auf die natürlich kein hundertprozentiger Verlass ist, fielen positiv aus.

Doch all das führt weg von dem, was womöglich dem einen oder anderen Museumsbesucher auch schon aufgefallen sein mag, und worum es bei der lieben Kunst wirklich geht – warum stelle ich es auf und werfe es nicht weg?

Und da sind die rund achtzig Zentimeter großen Eichenholzkönige wirklich formidable Beispiele, weil sie den Betrachter anschauen, als wären sie nicht schon vor 500 Jahren erdacht und erschaffen worden, sondern reale Zeitgenossen. Das wiederum fällt besonders auf beim König Balthasar, der so aussieht, als trage er ein relativ neuzeitliches Käppi, was ihn in Vereinigung mit seinem energischen Gesichtsausdruck ein wenig so wirken lässt wie Lenin auf kommunistischen Plakaten aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Dafür, dass das Museum einem solche Momente beschert, sollte man es lieben. Und, wer immer die Möglichkeit hat, sollte sich daran beteiligen, dass die Heiligen Drei Könige Kleve erhalten bleiben.

Beängstigend modern: Balthasar

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Vom niederrheinischen Altarschnitzer zum russischen Revolutionär – das schafft nur Kunst

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7 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 7. Rainer

    Ja dat weiß ich auch. Aber wer ist denn jetzt der Dunkelhäutige von denen? In Krippen die ich aus meiner Kindheit kenn, steht immer ein Dunkelhäutiger (in Sachsen wahrscheinlich nicht, man verzeihe mir die Bemerkung)

     
  2. 6. rd

    Vielleicht muss die Geschichte des Museums Kurhaus Netz geschrieben werden

     
  3. 5. rd

    Laut Wikipedia: In der Kunst werden sie oft auch als Jüngling, erwachsener Mann und Greis dargestellt. So schrieb Beda Venerabilis (oder sein Nachfolger) um 730 nach einer älteren griechischen Vorlage: der erste soll Melchior gewesen sein, ein Greis mit weißem Barte, der zweite Caspar, ein bartloser Jüngling, der dritte Balthasar, mit dunklem Vollbart (Tertius, fuscus, integre barbatus, Balthasar nomine).Dabei bezieht sich das lateinische Wort fuscus („dunkel, schwärzlich“) eindeutig auf den Bart und nicht auf die Hautfarbe, wie noch heute oft behauptet wird. Beda schreibt weiter: „Aber alle deren Kleider sind wie die der Syrer“ (Omnia autem vestimenta eorum Syriaca sunt). Die Zahl drei steht hier vermutlich auch für die drei Alter des Menschen.

     
  4. 4. Rainer

    Wird normalerweise nicht Caspar als der Jüngste dargestellt? Melchior als mittelalt und Balthasar als alt?

     
  5. 3. Rainer

    Hallo,
    Ich war vor Jahren mit meinen Kindern in London.
    Im British Museum war eine Sonderausstellung über Mumien der Welt.
    Ein Werbespruch war I Love My Mummy.
    T-Shirt mit Balthasar statt Che.
    Optisch aus meiner Sicht konkurrenzfähig.

    https://www.tigerprints.co.uk/products/boys-halloween-i-love-my-mummy-glow-in-the-dark-t-shirt?variant=7448011331

     
  6. 2. laloba

    Crowdfunding? Ein Versuch wär’s mal wert … als Gegenleistung z.B. ein freier Museumseintritt oder eine Jahreskarte, je nach Betrag …

     
  7. 1. Wolfgang Look

    In Russland zollt man Käppiträgern, oder zumindest Lenin, wenigstens die (gebührende?) Hochachtung: bis heute befindet sich an nobelster Stelle direkt am Kreml ein Mausoleum und tausende „Pilger“ behandeln die inbalsamierte Leiche Lenins durch Ehrengänge wie einen Halbgott, und auch in den Köpfen ist sein Denken bis heute bei vielen noch in hoher Achtung (was der Westen kaum verstehen kann).
    Da kann sich Kleve vielleicht eine Scheibe abschneiden und seinen Kunstwerken, also auch den hölzernen Heiligen Drei Königen (u.a. auch) das stilistische Gegenstück zu den modernistischen Werken von Beuys, mehr materielle und ideele Unterstützung entgegenbringen. Langfristig prägen sie das Image einer Stadt und füllen über Touristenströme sogar noch den Geldbeutel. Der Leib (einer Stadt) vergeht, seine Seele nicht.