(23/24) Zum Abschied von Getränke Merges: Eine kurze Geschichte der (Klever) Limonade

rd | 24. Dezember 2016, 14:16 | 8 Kommentare
Ein Leben für die Liquidität: André Merges (68)

Ein Leben für die Liquidität: André Merges (68)

„Zucker war ein Qualitätsmerkmal“: Merges-Limonade, bis 1989 in Kleve produziert

„Zucker war ein Qualitätsmerkmal“: Merges-Limonade, bis 1989 in Kleve produziert

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Das Leben gibt keinen Pfand, und André Merges geht in dem Gefühl, mit sich selbst im Reinen zu sein. Nur an dem Tag, als der Dreiachser, auf dem unzählige Getränkekisten ausgeliefert wurden, vom Hof rollte, übermannte den Unternehmer Wehmut. „Das ist mir schon schwer gefallen“, sagt Merges.

Mit dem Verkauf des Lastwagens, mit der Demontage des Kühlhauses und mit dem Ausräumen des Ladens an der Lindenallee endete, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, ein Stück Klever Geschichte. Ein gutes Jahrhundert lang verkauften André Merges, sein gleichnamiger Vater und sein Großvater A. Jos. Merges in Kleve Getränke, die meiste Zeit davon sogar aus eigener Herstellung.

Die Geschichte begann Ende des vorvergangenen Jahrhunderts, als A. Jos. Merges vermutlich etwas desillusioniert aus Amerika zurückkam. Der Auswanderer, der Übersee den Rücken gekehrt hatte, ließ sich in Goch nieder. Dort war er der dritte Besitzer eines Autos (nach dem Margarinefabrikanten Jurgens und einem Herrn Baumann). Das knatternde Kraftfahrzeug wiederum benötigte er, um tagtäglich nach Kleve an die Straße Prinzenhof zu fahren, wo er sein Getränkeunternehmen Klevinaris betrieb. Die Wahl auf Kleve als Standort gefallen, weil dort Gas bezogen werden konnte, und das wiederum wurde zur Herstellung der sprudelnden Getränke benötigt. Kleve war ein Kurort, und das Wasser aus Bad Cleve fand reißenden Absatz – insbesondere in den Niederlanden. Von einem Bahnhof am Stillen Winkel gingen die Getränkekisten aus der Produktion von Merges ins Nachbarland.

Der Erste Weltkrieg beendete die Expansion, doch Merges schlug sich irgendwie durch und verlagerte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Firmensitz an die Lindenallee, wo er fast ein Jahrhundert lang bleiben sollte. Wohl jeder Autofahrer in Kleve hat die Stelle an der Ecke Ringstraße schon einmal passiert, und in den vergangenen Jahren dürften viele von ihnen angesichts der Größe des Geschäfts und der leicht antiquierten Außenwerbung vermutlich den Eindruck gewonnen haben, als sei die Zeit dort stehen geblieben. Das Altbier aus der Diebels-Brauerei wird in der verblichenen Leuchtreklame noch als „freundlich“ bezeichnet. Das war noch vor „Ein schöner Tag“, und selbst das ist schon lange her.

Seit 1968 führt André Merges in dritter Generation die Geschäfte. Von den 68 Jahren seines Lebens hat er 48 die Geschäfte von einem kleinen Schreibtisch aus geführt, der so aussieht, als er hätte er ihn sein ganzes Berufsleben begleitet. Ein PC ist nicht zu sehen.

Merges erlebte, wie die Welt sich wandelte. Auch die Welt der Getränkehandlungen. „Um heute erfolgreich am Markt zu bestehen, muss man mindestens achthundert Quadratmeter groß sein und vierzig Parkplätze haben“ sagt Merges. Sein Ladenlokal misst geschätzt achtzig Quadratmeter, davon allerdings ca. zwei abgerechnet für das Büro mit seinem überladenen Schreibtisch. Ein paar Parkplätze gibt es auch. Aber eben alles nicht in den Dimensionen, die heute zum Überleben erforderlich sind.

Mit den Getränken ist es ähnlich. Heute entdecken Hersteller wie Granini oder Gerolsteiner wieder den Reiz hochwertiger Limonaden (die sich auch teurer verkaufen lassen). Allerdings haben die Großabfüller zuvor den Markt jahrzehntelang mit Massenware überschwemmt und damit auch alles weggespült, was den Charme des Einzigartigen und Besonderen hatte.

Bis 1989 verkaufte Merges seine eigene Limonade, die „Andree Merges Limonade mit Zucker“. Merges: „Zucker war damals noch ein Qualitätsmerkmal.“ Damals, in den Jahren nach dem Krieg, als es an allem mangelte. Vor der Währungsreform kostete die Flasche 15 Reichspfennig. Merges-Limonade wurde in grünen Bügelflaschen verkauft, die streng genommen Pfandflaschen waren. „Sie sind aber nie zurückgekommen“, sagt Merges. „Die Klever haben die Flaschen genutzt, um darin eigene Getränke aufzusetzen.“

Zwei der Limonadenflaschen hat Merges noch gefunden, als er sein Geschäft ausräumte. Zwei Limonadenflaschen sind das, was bleibt von einer mehr als 100 Jahre währenden Unternehmensgeschichte.

kleveblog wünscht der Familie Merges alles Gute für den neuen Lebensabschnitt – ohne Dreiachser, aber mit mehr Zeit.

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8 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 8. Christian Tiemeßen

    Was da bleibt von einer 100 Jahre währenden Unternehmergeschichte … ich da da bei Dir, auch mit Computer, Ralf. Gruß aus Emmerich, Christian

     
  2. 7. Markus van Appeldorn

    @ 5 1586 Schenkenschanzer Advokat

    Advokat, Sie haben aber auch wirklich gar nix verstanden. Die „Zentrale“ hat mit Nostalgie nichts zu tun. Das ist im Gegenteil in Wirklichkeit etwas völlig Modernes, nämlich Craft Serving und Venture Capitalism.

     
  3. 6. rd

    @1586 Made my day

     
  4. 5. 1586 Schenkenschanzer Advokat

    @3. Markus van Appeldorn, es macht mir immer viel Freude Ihre Analysen zu lesen.

    Sie haben mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Kurz und bündig – wie immer – spitze Feder. Das gefällt mir!

    Aber die Sache kommt noch dicker.

    Jetzt denkt man, das mit der „Romatik“ muss doch irgendwann mal auf hören. Also ich meine so, dass der Fortschritt die Romantik frisst. Also, auch hier am unteren Niederrhein. Auch in Kleve.
    Nix da. Aber nein. Ganz im Gegenteil.

    Muss man sich mal vorstellen. Eigentlich eine Frechheit. Also, ich versuche es mal auf den Punkt zu bringen:

    Da machen doch tatsächliche relativ junge Leute eine Unternehmensneugründung. Also ich meine in Zeiten von Internet und Computer verkaufen die doch tätsächlich Bier im Ausschank wie vor 100Jahren. Da bekommt man Frikadellen angeboten und an der Wand haben die eine „handschriftliche Tafel“, auf der steht: „Frikadelle 2.- Euro *enthält Fleisch“ (selbst bei Merges sind die Preisschilder mit dem Computerdrucker gedruckt!).

    Die nennen die Wirtschaft dann auch noch „Zentrale“. Also dort gibt es noch nicht einmal W-LAN.

    Und es kommt noch schlimmer. Wenn man dann einen Abend in der sogenannten „Zentrale“ verbracht hat (hier muss ich gestehen, das Bier schmeckt besser als ich dachte/und eigentlich ist es doch auch geselliger als man so annehmen würde, also kurz: es war ein toller Abend), also, wenn man dann bezahlen möchte, da steht da der Wirt vor einem, und fängt an, im Kopf zu addieren, zählt die Bier vom Bierdeckel – ich dachte, ich sehe nicht richtig. Dann redet der Wirt noch mit einem, fragt ob alles nach Wunsch war und so. Ob man einen schönen Abend gehabt hat, fragt der Wirt mich. Wünscht mir einen guten Heimweg nach Schenkenschanz und so.
    Vielleicht sollten Sie denen mal was von einem elektronisch Kassensystem erzählen! Online Kühlschrank, Lieferheld und so…

    Herr van Appeldorn: Sie bringen es auf den Punkt: „… ist jedenfalls kein Ausweis unternehmerischer Weitsicht, sondern von konsequenter Ignoranz.“ Ignoranz, Ignoranz, Ignoranz, Ignoranz…

    -Wie steht es hier mit unternehmerischer Weitsicht?

    -Wie sie es sagen: konsequenter Ignoranz von Fortschritt und Modernisierungsverweigerung?

    -Totale nostalgie.

    Wo soll das hinführen?

    LEBEN

    .

     
  5. 4. Rudi

    Ich werde ihn schmerzlich vermissen wenn ich demnächst in diesen Getränkehallen einkaufen muss. Der übliche Ablauf bei Merges war immer : Reinkommen, Leergut links auf den Wagen stellen ( währenddessen wurde vom Schreibtisch aus der Pfand ausgerechnet) , neu aufladen und Abrechnen. Natürlich immer mit einem kurzen Plausch.
    Viele Geburtstage wurden unkompliziert mit Getränken und Biertischen ausgestattet. “ Bring ma einfach zurück wat überbleibt.“ So einfach und nett kanns gehen . Ganz ohne diese furchtbaren Pfandautomaten und konsequenter PC Ignoranz.
    Danke für alles und viele schöne Erlebnisse im Ruhestand.

     
  6. 3. Markus van Appeldorn

    @1 Klever Justiziar

    Ihr Bild vom „echten Unternehmer“ scheint mir doch ein wenig romantisch verklärt. Die Vorgängergeneration war es gewiss, weil sie investierte und expandierte. Seit 1968 herrschte dann offenbar jahrzehntelange Fortschritts- und Modernisierungsverweigerung. „Ein PC ist nirgends zu sehen“ ist jedenfalls kein Ausweis unternehmerischer Weitsicht, sondern von konsequenter Ignoranz.

     
  7. 2. HJ.M.B 46

    Nach den postfaktischen Gewusel von Rat und Verwaltungr und den unglaublichen Geschichten rund um Gesamtschule II, Abriss des KAG , Mickey Maus Wunderhaus auf dem Minoritenplatz endlich mal wieder eine Geschichte, die auf Fakten, Fakten beruht und zugleich emotional und lebendig erzählt sein kann. Übrigens, Limonade von Andre Merges gab es auch beim Heidelberger Fass. Weiland.

     
  8. 1. Klever_Justiziar

    Das ist eine tolle Geschichte. Ich bedanke mich dafür! Natürlich auch für die vorzügliche Aufarbeitung und Darstellung sowie die enthaltene Würdigung! Diese Geschichte macht vor allem eines deutlich: Man meint, man kennt vieles in Kleve und dann zeigt einem diese Geschichte – Pustekuchen.

    Herr Merges und seine Vorfahren repräsentieren die echten Unternehmer! Sie betreiben seit Generationen ein Unternehmen, versorgen Menschen, zahlen Steuern, sind die Hefe im wirtschaftlichen Kleve. Und das Ganze ohne die kameraverliebten Herren Röth / Ruffing / Tönnissen / u.a. tolle Gesellen, die immer schmunzelnd ihre eigenen Interessen, scheinheilig mit unsinnigen Preisverleihungen und ähnlichem wenig inhaltlichem Zeug, medial aufbereiten. Und das 48 Jahre lang, jetzt in der letzten Generation. Meinen Respekt und meine Hochachtung davor! Das gilt natürlich für viele dieser Unternehmer, vermutlich viele, die man so gar nicht kennt.

    Herrn Merges jedenfalls wünsche ich herzlichst alles Gute!