(19/24) 1000 Meisterwerke: Elektrik-Rick: Das Leben ist eine Spülmaschine

rd | 20. Dezember 2015, 12:37 | 2 Kommentare
Elektro Rock, 01.03.2015, Fiasko des Halbausräumens

Elektro Rick, 01.03.2015, Fiasko des Halbausräumens

Elektro Rick, 18.12.2015: Tasse umgestürzt

Elektro Rick, 18.12.2015: Tasse umgestürzt

Es ist eine der klassischen fiaskösen Situationen aus der Echtküche im Echtleben: Man will benutztes Geschirr in die Spülmaschine einräumen und entdeckt, dass der Partner oder Spross den bereits seit längerem abgeschlossenen Reinigungsgang bewusst ignoriert hat.

Jetzt selbst anzufangen, wäre eine Kapitulationserklärung. Also beginnt ein Zermürbungskrieg, in dessen Verlauf sich Berge benutzten Geschirrs auf allen zur Verfügung stehenden Ablagen stapeln und die Zubereitung weiterer Speisen erschweren.

Dieses Desaster kennt noch eine Steigerung: die nur halb ausgeräumte Spülmaschine. Erstens lässt sie den unwissenden Mitbewohner fröhlich verschmutztes neben bereits blitzblankem Geschirr einräumen, bis der fatale Fehler offenbar wird. Dann aber, zweitens, die gen Himmel gebrüllte Frage, was um alles in der Welt den Spross/Partner/Mitbewohner dazu bewogen hat, den doch nur wenige Minuten währenden Vorgang des Ausräumens auf halber Strecke abzubrechen. Tränen echter Verzweiflung fließen.

Womit wir beim Schaufenster des Elektrohändlers Rick an der Hagschen Straße angelangt wären. Die Inszenierung der Küchensituation wirft grundlegende Fragen des Zusammenlebens auf.

Betrachten wir die beiden Beweisfotos etwas näher. Das eine wurde aufgenommen am Sonntag, 1. März, um 22:31 Uhr. Das zweite Bild wurde gemacht am Freitag, 18. Dezember, um 19:41 Uhr. Lassen wir einmal den jahreszeitlichen Deko-Schnickschnack beiseite, sehen wir zweimal ein nahezu identisches Ensemble: eine auf den ersten Blick einladend geöffnete Spülmaschine des Hausgeräteherstellers Bosch mit blitzblankem Geschirr. Bekannterweise idealisieren Auslagen, beispielhaft zu erkennen an den Schaufensterpuppen zur Präsentation von Mode. Die Damen und Herren können bekanntlich aufgrund ihrer vorteilhaften Figur alles tragen.

Doch hier ist keine makellose Erfolgsgeschichte des Technik-Einsatzes im Haushalt zu sehen. Interessanterweise schwimmt Elektrik-Rick gegen den Mainstream und wendet sich vom Dogma ab, den Alltag zu idealisieren.

Es handelt sich auch keinesfalls um ein zufälliges Versehen, sondern um eine planvolle Inszenierung, zu erkennen daran, dass irgendwann im Verlaufe der vergangenen 292 Tage das Gerät ausgewechselt wurde. Wer immer dann mit der Dekoration der neuen Spülmaschine beauftragt wurde, er arbeitete die Situation des Vorgängermodells präzise nach – eine halb ausgeräumte Spülmaschine. Zwischen oberer und unterer Ablage tun sich Abgründe auf.

Nicht thematisiert werden soll hier die Wahl des Geschirrs an sich, aber schon diese etwas altbackene Auswahl, die heute nur noch in Großelternhaushalten zum Einsatz kommt, wäre einer eingehenderen psychologischen Betrachtung wert.

Das eigentliche Fiasko beginnt bei der Analyse, wie verschwenderisch der Kochtopf platziert wurde. Dabei handelt es sich und das feine Echo des Entsetzens, das einen jeden ergreift, wenn er sieht, wie planlos sein Partner das Gerät eingeräumt hat: Habe ich wirklich jemanden (zum Beispiel) geheiratet, der zu blöd ist, eine Spülmaschine zu befüllen?

Und dann auch noch zu faul, sie komplett auszuräumen? Man muss nicht explizit darauf hinweisen, dass dieses Etwas-nicht-zum-Abschluss-Bringen auch eine sexuelle Konnotation hat, deren Tristesse auch aus den Auslagen dieser Spülmaschine zu uns spricht.

Möglicherweise aber birgt eine kleine Verfeinerung der aktuellen Inszenierung den Ansatz einer Lösung: Zu sehen ist, das in der oberen Ablage eine der Tassen umgestürzt ist. Was nichts anderes bedeutet, als dass darin das Spülmaschinenwasser überdauert hat und der Ausräumer gewissermaßen in die Plörre seines eigenen Lebens blickt – was als Grund, die Tätigkeit sofort abzubrechen, akzeptiert werden könnte.

Danke, Elektrik-Rick!

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2 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 2. laloba

    Eine unterhaltsame Betrachtung. Erwähnen möchte ich noch den Zeitpunkt des Spülmaschine-Anstellens und -Ausräumens … warum muss der Partner/die Mitbewohnerin oder wer auch immer kurz vor Beginn eines spannenden Krimis ’schon mal‘ mit dem Ausräumen anfangen oder womöglich gegen Ende, mit dem Begleitkommentar ‚ich weiß eh schon, wer’s war‘ … ohne weitere Reaktion auf ‚lass mal, ich mach das gleich‘? Das perfekte Timing kann man sich nicht immer leisten, aber so gar kein Gefühl dafür zu haben …

     
  2. 1. Klever_Justiziar

    Eines steht auf jeden Fall fest: Diese Darbietung möchte uns so viel mehr sagen! Wäre es nicht Rick sondern Beuys, könnten wir einfach nachschlagen und so viel mehr drüber erfahren. Warum hat der Künstler auch nur fünf und nicht (üblich) sechs Gedecke verwendet? Warum der Topf? In Symbiose mit Frühstückstellern? Was soll damit zum Ausdruck gebracht werden? Herr Daute! Glauben Sie wirklich die Tasse ist hier nur „versehentlich“ umgestürzt? Nein! Die Fettecke ist auch kein Versehen gewesen. Nur die Beseitigung. Wow! Da ist so viel mehr Bedeutung in diesem Werk – Wahnsinn! Vielen Dank – Elektrik Rick! Sie wissen vermutlich gar nicht, auf welchen künstlerischen Spuren Sie da unterwegs sind! Weiter so.